08.11.2004 · Frankreich zerstört ivorische Luftwaffe
Von Thomas Scheen, FAZ-Korrespondent in AbidjanIn der Elfenbeinküste ist am Wochenende ein offener Krieg zwischen ivorischen Sicherheitskräften und Demonstranten einerseits und französischen Soldaten andererseits ausgebrochen. Französische Soldaten hatten zuvor die gesamte ivorische Luftwaffe als Vergeltung für die Bombardierung einer ihrer Stellungen im Zentrum des Landes zerstört, bei der neun Franzosen ums Leben gekommen waren.
In der Nacht von Samstag auf Sonntag hatten französische Kampfhubschrauber den Präsidentenpalast in Abidjan beschossen, während mehrere Hundertschaften französischer Soldaten seit Sonntag nachmittag versuchen, den tobenden Mob in den Straßen der Stadt mit Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Ein Sprecher von Präsident Laurent Gbagbo forderte Frankreich auf, die Soldaten in die Kasernen zurückzubeordern, "damit die Schießereien aufhören". Gleichzeitig rief die Regierungspartei "Front populaire ivoirien" (FPI) die Bevölkerung auf, Widerstand gegen die französischen Truppen zu leisten.
Ebenfalls am Sonntag nachmittag kündigte die ivorische Armee an, ihre Soldaten würden nunmehr für Ruhe und Ordnung in Abidjan sorgen, was angesichts der vorangegangenen Gefechte mit den Franzosen auf eine dramatische Kehrtwende des ivorischen Generalstabschefs Matthias Doué und damit eine fortschreitende Isolierung Gbagbos hindeutet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte bei einer Dringlichkeitssitzung am Samstag abend das französische Vorgehen ausdrücklich befürwortet.
Neun französische Soldaten getötet
Die Situation in der ivorischen Wirtschaftsmetropole war eskaliert, nachdem neun französischen Soldaten in Folge eines ivorischen Luftangriffes auf ihren Stützpunkt in der Rebellenhochburg Bouaké am Samstag mittag umgekommen waren. 30 weitere Soldaten waren teilweise schwer verletzt worden. Zudem kam ein amerikanischer Zivilist bei dem Bombenangriff ums Leben. Unklar ist, ob der Luftangriff auf den bekannten französischen Stützpunkt ein Versehen war oder mit Absicht geschah. Die ivorische Armee hatte den Waffenstillstand mit den Rebellen am vergangenen Donnerstag gebrochen und eine Großoffensive gestartet.
Eine Stunde nach dem verheerenden Angriff vom Samstag zerstörten französische Soldaten die beiden ivorischen Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi auf dem Flughafen von Yamoussoukro. Kurz darauf kam es am internationalen Flughafen von Abidjan zu Kämpfen zwischen ivorischen und französischen Soldaten um die Kontrolle über den Flughafen. Eine nahezu vollbesetzte Maschine der Kenya Airways, die auf dem Weg nach Accra war, konnte mit knapper Not der wilden Schießerei entkommen.
Chirac: Alle ivorischen Kampfflugzeuge neutralisieren
Nahezu gleichzeitig mit den Kämpfen auf dem Abidjaner Flughafen hatte der französische Präsident Chirac den Befehl gegeben, alle ivorischen Kampfflugzeuge und -hubschrauber zu neutralisieren, woraufhin sowohl in Yamoussoukro als auch in Abidjan sechs Hubschrauber, darunter fünf Mi-24-Kampfhubschrauber, in Flammen aufgingen. Zudem war es am späten Samstag nachmittag zu schweren Gefechten zwischen ivorischen Regierungstruppen und Rebellen in der Ortschaft Sakassou unweit von Yamoussoukro gekommen. Am Sonntag aber mußte die ivorische Armee ihre Offensive gegen die Rebellen in Norden abbrechen, da ihre Strategie auf Luftüberlegenheit setzte, die ihnen nunmehr abhanden gekommen ist. Das kann durchaus als Kapitulation interpretiert werden, zumal seit Sonntag deutlich ist, daß die Regierungstruppen offensichtlich wenig Lust verspüren, statt der Rebellen nunmehr die französische Armee zu bekämpfen.
Als Reaktion auf das massive Vorgehen der Franzosen riefen die Führer der als "Jeunes Patriotes" bekannten Schlägertrupps von Gbagbo am Samstag abend zu einem "Volksaufstand" auf und dazu, den Flughafen von Abidjan, der zu diesem Zeitpunkt unter Kontrolle französischer Soldaten war, zu "befreien". Mehrere zehntausend Menschen zogen daraufhin plündernd und brandschatzend durch die Stadt in Richtung Flughafen. Mindestens zwei französische Schulen wurden unterwegs zerstört, etliche Buchhandlungen ("Librairies de France"), französische Restaurants und Geschäfte sowie eine noch unbekannte Anzahl von Privathäusern, die Europäern gehören, geplündert.
Häuser von Europäern angegriffen - Auf Dächer geflüchtet
In Marcory und Zone 4, zwei Wohnvierteln in der Nähe des Flughafens, spielten sich die ganze Nacht über unbeschreibliche Szenen ab: Europäer, die mitsamt ihren Kindern auf den Dächern ihrer Häuser Zuflucht suchen mußten, weil der bewaffnete Mob von Haus zu Haus zog auf der Suche nach französischen Staatsbürgern. Knapp zweihundert Europäer flüchteten in die französische Kaserne in Port Bouet, nachdem ihre Häuser angegriffen worden waren. Unbestätigten Berichten zufolge wurden zwei französische Zivilisten verschleppt. Etliche europäische Botschaften riefen ihre Landsleuten auf, sich auf eine bevorstehende Rettungsaktion vorzubereiten. In Abidjan leben etwa 15.000 Europäer.
Am Samstag abend hatte das Oberkommando der Franzosen in Abidjan zwei Hubschrauber starten lassen, die den Mob mit Tränengasbomben und Warnschüssen aus 20-Millimeter-Schnellfeuerkanonen stoppten. Als die Hubschrauber unter Beschuß aus Richtung des nahegelegenen Präsidentenpalastes gerieten, erwiderten sie das Feuer. An anderer Stelle, näher am Flughafen, schossen französische Soldaten scharf auf feindselige Demonstranten. Über Opferzahlen der Auseinandersetzungen vom Samstag liegen bislang keine verläßlichen Angaben vor. Die Rede ist von mindestens drei getöteten Demonstranten. Es ist angesichts der extrem gewaltbereiten Stimmung auf den Straßen für weiße Beobachter zur Zeit nicht möglich, sich selbst ein Bild zu machen.
Zusätzlich 300 französische Soldaten eingetroffen
Am Sonntag trafen zusätzlich 300 französische Soldaten aus Libreville in Abidjan ein. Weitere 300 Soldaten aus Frankreich, darunter Fallschirmjäger der Fremdenlegion aus Korsika, sowie 60 Gendarme und drei Militärflugzeuge, darunter ein "fliegendes Krankenhaus", wurden für Sonntag abend erwartet. Zuvor war eine Panzerkolonne der französischen Armee von Yamoussoukro nach Abidjan beordert worden. Drei normalerweise in Tschad stationierte Mirage-F1-Kampfflugzeuge wurden nach Gabun verlegt, von wo aus sie schnell in das Geschehen in der Elfenbeinküste eingreifen können. Ein französischer Offizier wollte am Sonntag nicht ausschließen, daß weitere Verstärkung aus Djibouti in die Elfenbeinküste entsandt werde. Djibouti ist der afrikanische Standort der französischen Fremdenlegion.
Die 4.600 in der Elfenbeinküste stationierten französischen Soldaten haben ein Mandat der Vereinten Nationen, den Waffenstillstand zwischen Regierungstruppen und Rebellen im Norden zu gewährleisten - notfalls mit Gewalt. Dazu gehört auch, ivorische Kampfflugzeuge an Angriffen auf den Norden zu hindern. Nach dem Eintreffen von rund 6.000 Blauhelmsoldaten im Sommer hatten sich die bis dahin auf der Frontlinie stationierten Franzosen auf strategische Basen zurückgezogen und die Rolle einer schnellen Eingreiftruppe für bedrängte Blauhelme übernommen.
Frankreich strebt Waffenembargo und weitere Sanktionen an
Trotz des UN-Mandats steht das französische Kontingent nicht unter dem Kommando der Vereinten Nationen, sondern erhält seine Befehle direkt aus Paris. Frankreich kündigte an, dem Sicherheitsrat in den kommenden Tagen eine Resolution zu unterbreiten, die neben einem Waffenembargo gegen die Elfenbeinküste auch Sanktionen gegen ausgesuchte ivorische Politiker vorsieht. Verteidigungsministerin Alliot-Marie sagte am Samstag, Präsident Gbagbo werde "persönlich haftbar gemacht", sollte nicht Ruhe und Ordnung in Abidjan einkehren. Die Afrikanische Union beauftragte derweil den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, eine "Lösung" für die ivorische Krise zu suchen.
Von Gbagbo indes ist seit Bruchs des Waffenstillstandes und dem Beginn der Luftangriffe auf die Rebellen am vergangenen Donnerstag öffentlich nichts zu sehen und nichts zu hören. Ein Sprecher des Präsidenten verlas zwar am Samstag abend im Staatsfernsehen RTI eine Erklärung, in der er im Namen Gbagbos zur "Besonnenheit" aufrief. Unmittelbar darauf aber sendete RTI in Endlosschleifen den Aufruf der "Jeunes Patriotes", den Flughafen zu stürmen, so daß sich die Frage stellt, wer in Abidjan eigentlich noch was kontrolliert. Der Parlamentspräsident Mamadou Coulibaly, der zu den übelsten Scharfmachern des Landes gehört, beschuldigte Frankreich, die Elfenbeinküste besetzen zu wollen, und versprach ein "neues Vietnam". Angesichts des nunmehr kompromißlosen Vorgehens Paris scheint zumindest indes nicht mehr ausgeschlossen, daß die Tage Laurent Gbagbos als Präsident der Elfenbeinküste gezählt sind.
Mehrere zehntausend Anhänger des ivorischen Präsidenten Gbagbo zogen nach einem Aufruf zum "Volksaufstand" am Samstag plündernd und brandschatzend durch Abidjan. Französische Einrichtungen gingen in Flammen auf, Europäer mußten sich in Kasernen in Sicherheit bringen.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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