Die über Afghanistan abgeworfenen Essensrationen werden nach Informationen des deutsch-afghanischen Flüchtlingshilfevereins von der Bevölkerung nicht angenommen. Die Menschen in Afghanistan seien über Hilfslieferungen aus der Luft nicht ausreichend informiert, außerdem drohe in einigen Gebieten Minengefahr, sagte der Vereinsvorsitzende Yama Maqsudi. Er kritisierte die Essenspakete als Teil einer psychologischen Kriegsführung.
Zuvor hatte die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ den Abwurf von Lebensmitteln und Medikamenten über Afghanistan kritisiert. Diese Aktion der USA sei Teil einer militärischen Strategie und keine humanitäre Operation, sagte die Sprecherin der Organisation, Kattrin Lempp. Sie fügte hinzu, humanitäre Hilfe müsse „auf jeden Fall unabhängig bleiben“. Nur unabhängige Organisationen könnten den Zugang zu allen Konfliktparteien sicherstellen. Vor allem den Abwurf von Medikamenten wertete Lempp als „höchst bedenklich“. Medikamente dürften nur von Ärzten verschrieben werden.
Auch der deutsche Außenamtsstaatssekretär Jürgen Chrobog weiß um die Problematik. Es sei nicht gewährleistet, dass die Hilfe bei den Bedürftigen auch ankomme, sagte Chrobog im Deutschlandfunk.
„Zeichen guten Willens“
Der Staatssekretär hält sich gegenwärtig in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad zu Gesprächen über die Versorgung afghanischer Flüchtlinge auf. Chrobog wertete die Lebensmittelabwürfe als „Versuch zu helfen“ und „Zeichen guten Willens“. Das dürfe man nicht unterschätzen. Zugleich warnte Chrobog vor einer möglichen Hungersnot im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan.
Der Inhalt der Lebensmittelpäckchen, welche die Frachtflugzeuge der USA über Afghanistan abwerfen, ist unspektakulär: Bohnen in Tomatensoße, ein Keks, ein Fruchtriegel, Marmelade und Erdnussbutter. Die religiösen und kulturellen Essgewohnheiten der Afghanen seien strikt beachtet worden, teilte das Verteidigungsministerium in Washington mit. Deshalb seien auch kein Fleisch oder andere tierische Produkte in den Nahrungsmitteln enthalten.
2200 Kalorien pro Ration
Die Rationen sind 18 bis 24 Monate haltbar, jede enthält rund 2200 Kalorien, also etwa den Tagesbedarf eines Erwachsenen. Dazu gibt es auch eine Serviette, eine Packung Streichhölzer und Medikamente. Die knallgelben Rationspakete sollen gut zu finden sein und enthalten grafische Gebrauchsanweisungen. Laut Pentagon sind sie so verpackt, dass das Risiko für die Bevölkerung beim Abwurf „minimiert“ ist. Auf der Verpackung steht auf englisch, französisch und spanisch: „Lebensmittelgeschenk des Volkes der Vereinigten Staaten von Amerika“.
37.500 Päckchen in einer Nacht
In der ersten Nacht der Angriffe auf Afghanistan warfen zwei Frachtflugzeuge bereits 37.500 Päckchen in „entlegenen Gebieten“ des Landes ab. Kosten der Aktion: 25 Millionen Dollar (53,1 Millionen Mark). In der zweiten und dritten Nacht folgten weitere Päckchen. Die Flugzeuge starten von der US-Militärbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz aus nach Afghanistan.
Nach Jahren des Bürgerkriegs und der Dürre sind nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) mehrere Millionen Afghanen vom Hungertod bedroht. Im Norden des Landes ist seit vier Jahre kein Regen mehr gefallen.
Eingeschränkte Lieferung der Hilfsorganisationen
Trotz der Luftangriffe auf Afghanistan gehen die UN-Hilfslieferungen in eingeschränktem Umfang weiter. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef teilte am Dienstag in Genf mit, dass von Iran aus wieder ein Lastwagen-Konvoi Richtung Herat in Afghanistan aufgebrochen sei. Von Pakistan aus könne es dagegen aus Sicherheitsgründen vorläufig keine Transporte in das Land geben.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat am Dienstag angekündigt, wieder Hilfslieferungen nach Afghanistan zu schicken. WFP-Sprecherin Christiane Berthiaume erklärte, ein Konvoi habe Iran mit dem Ziel Herat am Dienstag verlassen. Sie habe aber keine Information darüber, ob er das afghanische Herat erreicht habe. Auch das Kinderhilfswerk Unicef kündigte an, noch am Dienstag von Iran aus Hilfsgüter nach Afghanistan zu schicken.