07.06.2003 · Ein Bus der Internationalen Schutztruppe explodierte, als in einem vorbeifahrenden Taxi ein Sprengsatz gezündet wurde. Dabei starben vier Bundeswehrsoldaten.
Bei dem ersten tödlichen Anschlag auf einen mit deutschen Soldaten besetzten Bus in Kabul sind am Samstag mindestens vier Bundeswehrsoldaten getötet worden. Zudem wurden nach Angaben von Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) 29 Soldaten verletzt, sieben davon schwer. Die schwer Verletzten sollten nach einer Notbehandlung in Afghanistan noch am Samstag nach Deutschland ausgeflogen werden.
Auf einer Pressekonferenz am Samstag nachmittag sagte Struck: „Wir hoffen, daß sie am Leben bleiben.“ Die Angehörigen der Opfer seien informiert worden. Er bezeichnete den Anschlag als schreckliche Bestätigung für die unsichere Lage am Ort. Es sei das erste Mal, dass deutsche Soldaten Ziel eines terroristischen Anschlags geworden seien.
Der Anschlag ereignete sich nach Angaben der Isaf gegen 6.00 Uhr (MESZ) im Osten Kabuls in der Nähe eines Übungsgeländes der afghanischen Armee. Der mit 33 Soldaten besetzte Bus befand sich den Angaben zufolge zusammen mit einem Gepäckbus auf dem Weg vom Isaf-Hauptquartier Camp Warehouse zum Flughafen. Der Gepäckbus habe auf der Straße ein Taxi überholt. Als der mit den Soldaten besetzte Bus das Taxi überholen wollte, sei der Sprengstoff gezündet worden.
Selbstmordattentat wahrscheinlich
Sehr wahrscheinlich handle es sich um ein Selbstmordattentat, sagte ein Mitarbeiter des Kabuler Polizeichefs Basir Salangi. Von dem Taxi sei außer dem Nummernschild nichts mehr übrig. Auch ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam sagte, man könne mittlerweile von einem gezielten Anschlag ausgehen. Auch der Vizekommandeur der Truppen in Kabul, Afsal Aman, sprach von einem Selbstmordanschlag. Augenzeugen hätten zwei mutmaßliche Attentäter in einem Taxi gesehen, das sich vor der Detonation an den Bus geheftet habe, sagte Aman.
Auch Struck ging von einem Selbstmordattentat aus. Vieles spreche dafür, dass sich der Täter mit seinem Wagen - einem Taxi - in die Luft gesprengt habe, als der Bus mit den Bundeswehrangehörigen aufgetaucht sei, sagte er. Der Angreifer sei ums Leben gekommen. Die Soldaten seien auf dem Heimweg gewesen, um einen Urlaub anzutreten.
Bush kondolierte persönlich
Der amerikanische Präsident George W. Bush habe Bundeskanzler Gerhard Schröder persönlich das Beileid des amerikanischen Volkes ausgesprochen. Schröder und Bush hätten die gemeinsame besondere Verantwortung Deutschlands und der Vereinigten Staaten für Afghanistan bekräftigt, „um das Land wieder zu einem stabilen demokratischen Staat zu machen und nicht mehr zum Ausgangspunkt von Terrorismus". Es war das erste Mal seit dem deutsch-amerikanischen Streit wegen des Irak-Kriegs, dass Bush mit Schröder telefonierte.
Schröder verurteilte am Samstag das Bombenattentat auf Bundeswehrsoldaten in Kabul als feigen und hinterhältigen Terroranschlag. Schröder sprach von einem schrecklichen Ereignis und drückte den Angehörigen der Opfer sein tiefes Mitgefühl aus. Die „terroristischen Kräfte“, die nach bisherigen Erkenntnissen Verursacher der Bombenexplosion gewesen seien, bezeichnete Schröder als erklärte Gegner der Friedens- und Stabilisierungsbemühungen in Afghanistan.
Der afghanische Präsident Hamid Karsai zeigte sich über den Anschlag auf deutsche Soldaten in Kabul erschüttert. Er verurteilte den Terroranschlag aufs Schärfste, erklärte Karsai am Samstag.
Struck: Bundeswehr zieht sich trotz Anschlags nicht aus Afghanistan zurück
„Dieser Anschlag hat eine neue, schreckliche Dimension“, sagte Struck. Hinweise auf die Terrororganisation Al Qaida gebe es bisher nicht. Auf die Frage, ob es angesichts der unsicheren Lage in Kabul leichtsinnig gewesen sei, die Soldaten in einem Bus statt einem gepanzerten Fahrzeug zu transportieren, sagte Struck: „Ich kann nicht erkennen, daß wir fahrlässig gehandelt haben.“ Es habe keine Hinweise auf einen Anschlag gegeben. Struck sagte, Beamte des Bundeskriminalamtes würden zur Aufklärung des Anschlags nach Kabul geschickt. Die Bundeswehr werde sich trotz des Anschlags nicht aus Afghanistan zurückziehen.
Ausweitung des Einsatzes am Donnerstag beschlossen
Erst am Donnerstag hatte der Bundestag erste Weichen für eine Ausweitung des Einsatzes gestellt. Nach dem Willen der Parteien sollen mehrere Dutzend Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan ab Spätsommer möglicherweise erstmals auch außerhalb der Hauptstadt Kabul eingesetzt werden. Verteidigungsminister Struck sagte, es gehe darum, deutsche Helfer zu schützen, die bei dem für die Stabilität der afghanischen Regierung wichtigen Wiederaufbau auch in den ländlichen Regionen mitarbeiteten. Am wahrscheinlichsten sei eine Entsendung der Bundeswehr nach Herat im Westen des Landes rund 600 Kilometer von Kabul entfernt.
Nach dem Anschlag brachte der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, einen Abzug der Isaf-Friedenstruppe in die Diskussion. „Afghanistan ist ein Pulverfass. Die Kämpfer von Taliban und Al Qaida sammeln sich und werden stärker. Die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen wächst“, sagte Gertz in einem Zeitungsinterview. „Sollte sich die Sicherheitslage dramatisch verschärfen, sollten wir die Isaf-Friedenstruppe entweder erheblich verstärken - oder aus Afghanistan abziehen“, meinte Gertz.
Mehrere Opfer in der Isaf-Truppe
Die Bundeswehr stellt rund 2.500 der 4.500 Isaf-Soldaten. Deutschland führt derzeit gemeinsam mit den Niederlanden die Isaf, die nach dem Ende der radikal-islamischen Taliban-Regierung Ende 2001 in Kabul und am nahen Flughafen für Sicherheit sorgen soll. Die Truppe wurde bereits mehrfach angegriffen. Zuletzt waren Ende Mai ein deutscher Soldat bei einer Minenexplosion getötet und ein weiterer verletzt worden. Bei der Entschärfung einer russischen Boden-Luft-Rakete waren am 6. März 2002 zwei deutsche und drei dänische Soldaten gestorben. Am 21. Dezember vergangenen Jahres waren sieben Bundeswehrsoldaten beim Absturz ihres Hubschraubers in Kabul getötet worden. Ein Major starb in dieser Woche in Kabul eines natürlichen Todes. Insgesamt sind bisher mindestens 13 deutsche Soldaten in Afghanistan getötet worden. Angriffe auf die Isaf waren in jüngster Zeit Anhängern des gestürzen Taliban-Regimes angelastet worden. Zudem werden die ausländischen Truppen in Afghanistan von verschiedenen Kriegsherren bekämpft.