http://www.faz.net/-gpf-91ri3

Ein Land erodiert : Wie Afghanistan in Machtkämpfen versinkt

  • -Aktualisiert am

Afghanischer Sicherheitsmann in Kabul Bild: AFP

Die früheren Kriegsfürsten im Norden Afghanistans fühlen sich von der Zentralregierung an den Rand gedrängt. Ihre Machtkämpfe mit Kabul bringen ungewöhnliche Allianzen hervor.

          Kürzlich hat es ein unbedeutender Provinzpolitiker gewagt, den mächtigen Gouverneur der afghanischen Provinz Balkh, Atta Mohammad Noor, im Internet zu beleidigen. Der Gouverneur wollte den Übeltäter daraufhin mit der Begründung am Flughafen festnehmen lassen, es liege ein Haftbefehl vor. Allerdings hatte auch der Provinzpolitiker, ein Mann namens Asif Mohmand, ein paar Bewaffnete mobilisiert. Sie standen plötzlich mit gezogenen Pistolen und geladenen Panzerfäusten den Polizisten und Milizen des Gouverneurs gegenüber. Dann flogen Kugeln und Granaten, und dies mitten am Tag auf einem internationalen Flughafen, der einst mit deutschem Geld gebaut worden war. So jedenfalls wird der Hergang in Nato-Kreisen geschildert. Am Ende waren vier Menschen tot und 17 verletzt. Als der Gefangene Mohmand einen Tag später freigelassen wurde, fehlte ein Teil seines linken Ohres. Zurück in Kabul, beschuldigte er den Sohn des Gouverneurs Atta, das Stück abgebissen zu haben. Präsident Ashraf Ghani kündigte daraufhin an, ein Untersuchungsteam nach Mazar-i-Sharif zu schicken. Der Gouverneur hält das für eine Unverschämtheit.

          Der afghanische Präsident benimmt sich wie ein Despot

          Die Episode ist ein kleiner Ausschnitt in einem großen Machtspiel, das derzeit das ganze Land in Atem hält. Es wirkt wie die achte Staffel der Serie „Game of Thrones“, in der Fürstentümer in wechselnden Allianzen und Ränkespielen um Einfluss ringen. Die Hauptfiguren, in Afghanistan, sind Kriegsfürsten und ein selbstgerechter Präsident, ihre Methoden sind niederträchtig und brutal. Das Land droht zu zerfallen, nicht nur wegen des Aufstands der Taliban, sondern auch wegen des Aufbegehrens der Regionalfürsten.

          Es ist ein heißer Tag in Mazar-i-Sharif, dem Zentrum des Reiches von Gouverneur Atta im Norden Afghanistans. Er bittet zum Lunch in sein Gästehaus. Atta Mohammad Noor, den alle nur Atta nennen, zeigt gern, was er hat. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, edle Krawatte zum weißen Hemd, Designerschuhe und eine teure Uhr. Im Hof stehen zwei gepanzerte Audi A8, den Empfangssaal krönt ein schwerer Leuchter, den Boden bedecken teure Teppiche. Attas Gesicht umrahmt ein dunkler Bart. Sein Händedruck ist so sanft wie seine Stimme. Über die Sache mit dem Ohr sagt er: „Ich darf Ihnen versichern, dass an den Vorwürfen nichts dran ist“, und schlägt die Beine übereinander. Der Gefangene habe die Wärter angegriffen. Die hätten sich wehren müssen, also alles rechtens. Dabei sei es leider zu der Verletzung des Ohres gekommen. „Seine“ Polizei, die eigentlich dem Innenminister in Kabul untersteht, habe das alles schon ermittelt, sagt Atta und fügt hinzu, das Polizeiprotokoll sei einsehbar. Die Einsetzung eines Ermittlungsteams durch den Präsidenten stelle daher nichts weiter als einen neuerlichen Versuch dar, ihn, Atta, zu diskreditieren oder gleich ganz loszuwerden.

          Weitere Themen

          Eine Bühne, 5 Präsidenten Video-Seite öffnen

          Vereinigte Staaten : Eine Bühne, 5 Präsidenten

          Barack Obama, George W. Bush, dessen Vater George, Bill Clinton und Jimmy Carter waren in College Station in Texas zusammengekommen, um gemeinsam mit Künstlern Geld zu sammeln. Damit soll den Opfern geholfen werden, die durch die verheerenden Stürme der letzten Monate geschädigt wurden, 31 Millionen US-Dollar kamen zusammen.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchzugreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.