Home
http://www.faz.net/-gpf-olf7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Afghanistan Tiefer Riß durch die Loya Jirga

Die Beratungen der Großen Ratsversammlung in Kabul über eine neue afghanische Verfassung mußten auf Samstag vertagt werden. Es gibt lautstarken Streit unter den mehr als 500 Delegierten.

© dpa/dpaweb Vergrößern Mehr als ein Drittel der afghanischen Delegierten wollte nicht abstimmen

Nach mehr als zweiwöchigen Beratungen zieht sich ein tiefer Riß durch die Verfassungsversammlung in Afghanistan. Etwa 200 der 502 Delegierten boykottierten am Donnerstag den Beginn der Abstimmungen über Einzelfragen wie die Autonomie von Regionen oder die Rolle der Frau in der afghanischen Gesellschaft. Die Fortsetzung der Beratungen wurde daraufhin auf Samstag vertagt, um die Suche nach einem Kompromiß zu ermöglichen.

Ein Parteigänger von Ministerpräsident Hamid Karsai rief die Delegierten der Loya Jirga (Große Ratsversammlung) auf, an der Abstimmung teilzunehmen, wurde von diesen aber niedergeschrien. Ein tadschikischer Delegierter aus Herat, Mahsa Toyie, warf der Regierung vor, sie wolle kleineren Minderheiten ein ungerechtes System aufzwingen. Mit Blick auf die Paschtunen um Karsai sagte er: „Diese Verfassung ist nicht nur für einen Stamm, sondern für das ganze Land.“

Mehr zum Thema

Ethnische Probleme als Vorwand?

Hingegen warf der paschtunische Delegierte Aschmat Ghani den Oppositionellen vor, die ethnischen Probleme als Vorwand für andere Interessen zu benutzen. Schließlich gebe es zahlreiche Familienbeziehungen zwischen Paschtunen, Usbeken, Hasara und anderen Volksgruppen.

Mehr als ein Drittel der Delegierten blieb auf ihren Plätzen, anstatt sich vor den mit den Nationalfarben Schwarz, Grün und Rot verzierten Abstimmungskästen anzustellen. Regierungsbeamte haben erklärt, daß ein Abstimmungsergebnis bereits bei einfacher Mehrheit gültig sei. Allerdings bemühte sich das Lager Karsais intensiv darum, den Eindruck einer Spaltung der Loja Dschirga zu vermeiden.

Starkes Präsidialsystem geplant

Der Verfassungsentwurf sieht ein starkes Präsidialsystem nach amerikanischem Vorbild vor. Die am 14. Dezember aufgenommenen Beratungen sind Teil des Demokratisierungsprozesses im Anschluß an den Sturz des Taliban-Regimes durch die amerikanischen Streitkräfte und oppositionelle Milizen. Dieser Prozeß begann im Dezember 2001 mit der Afghanistan-Konferenz der Vereinten Nationen auf dem Petersberg bei Bonn und soll in diesem Jahr mit Parlamentswahlen und der Bildung einer dauerhaften Regierung seinen Abschluß finden.

In den Provinzen ist der Einfluß der Zentralgewalt allerdings immer noch weit schwächer als in Kabul und Umgebung. Bei einer Offensive von amerikanischen Truppen und Hubschraubern im Osten Afghanistans wurden nach Angaben eines Militärsprechers vom Donnerstag 14 Aufständische getötet und drei Amerikaner verletzt.

Quelle:

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Afghanistan Mindestens drei Tote bei Selbstmordanschlag in Kabul

In Kabul hat ein Selbstmordattentäter einen ausländischen Truppenkovoi angegriffen. Mindestens 13 Menschen wurden verletzt. Die Taliban übernahmen die Verantwortung für den Anschlag. Mehr

16.09.2014, 08:12 Uhr | Politik
Armee startet Offensive gegen Taliban

Ab Samstag wählen die Afghanen einen Nachfolger für Staatschef Hamid Karsai. Die radikalen Taliban wollen die Wahl mit Gewalt sabotieren, damit möglichst wenige Menschen abstimmen. Die afghanische Armee versucht das mit einer Offensive zu verhindern. Mehr

04.04.2014, 09:38 Uhr | Politik
Afghanistan Der Scharfmacher von Mazar-i-Sharif

Er galt als einer der besten Partner der Deutschen in Afghanistan. Nun aber gefährdet der Gouverneur Atta Muhammad Noor einen friedlichen Machtwechsel. Mehr

17.09.2014, 11:51 Uhr | Politik
Stichwahl um das Präsidentenamt

Die Kandidaten Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani bewerben sich um das afghanische Präsidentenamt und damit um die Nachfolge von Hamid Karsai. Das Ergebnis der Stichwahl wird erst Anfang Juli erwartet. Mehr

14.06.2014, 13:47 Uhr | Politik
Außenminister in Afghanistan Steinmeier fordert Regierung der nationalen Einheit

Bundesaußenminister Steinmeier ist in Afghanistan gelandet. Dort fordert er die Präsidentschaftsbewerber zur Zusammenarbeit auf. Sonst stehe die internationale Unterstützung auf dem Spiel. Mehr

06.09.2014, 07:30 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2004, 15:45 Uhr

Leere Drohungen

Von Nikolas Busse

Sollte sich Putin in Gesprächen mit westlichen oder ukrainischen Politikern tatsächlich mit militärischen Optionen brüsten, dann wäre das ein weiterer Hinweis darauf, wie es in Wahrheit um die russische Macht bestellt ist. Mehr 5

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden