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Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Afghanistan-Reise Guttenbergs Heimspiel an der Front

15.11.2009 ·  Karl-Theodor zu Guttenberg sprach als erster deutscher Verteidigungsminister von „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan. Nun war er selbst dort. Er muss nichts zurücknehmen. Berthold Kohler hat beobachtet, wie der CSU-Politiker seine Talente auch auf gefährlichem Terrain einzusetzen weiß.

Von Berthold Kohler
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Es ist ein wüstes Land, dieses Afghanistan, wenigstens aus der offenen Heckklappe eines CH-53-Transporthubschraubers betrachtet. Wie an einem endlosen Band jagen Sanddünen, schroffe Felsformationen und Hügel mit verdorrten Grasbüscheln unter dem Helikopter durch, der mitunter nur dreißig Meter über dem Boden dahinrast, um einem Schützen mit einer Boden-Luft-Rakete auf der Schulter nicht zu viel Zeit zum Zielen zu lassen. Kaum eine Spur von Mensch und Tier, und doch kann auch Karl-Theodor zu Guttenberg, obwohl wie fast alle Passagiere nach zwei Nächten mit wenig Schlaf müde, nicht den Blick von dieser Marslandschaft abwenden.

Dann aber muss er es, als sich nach einem der vielen Höhen- und Kurswechsel einer der Behelmten an Bord zu ihm herunterbeugt. Der Führungshelikopter hat gemeldet, dass die Formation mit Infanteriewaffen, also wahrscheinlich Kalaschnikows, beschossen worden ist; das ist das Risiko des Tiefflugs. Getroffen wurden die drei Maschinen jedoch nicht. Das Glück hat nicht jeder. Am Tag vor der Ankunft des Verteidigungsministers kam ein Hubschrauber desselben Typs mit vier Einschusslöchern im Zusatztank zurück zur Basis. Guttenberg trägt den Abschiedsgruß der Taliban – er ist auf dem Weg zurück zum Flugplatz im usbeskischen Termes, wo der Luftwaffen-Airbus wartet – mit Fassung. Auf seiner ersten Reise als Verteidigungsminister nach Afghanistan hat er Schlimmeres gesehen und weit Schlimmeres gehört als eine Meldung über Beinahetreffer.

Schon in der Region Kundus, wo mehrere hundert der viereinhalbtausend Bundeswehrsoldaten Dienst tun müssen, mit denen Deutschland sich an der internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) beteiligt, herrschen die „kriegsähnlichen Zustände“, von denen der Minister im Unterschied zu seinem Vorgänger Jung gleich nach Amtsantritt sprach. Wie zum Beweis hatten die amerikanischen Streitkräfte eine Woche vor Guttenbergs Ankunft in Hör- und auch schon Sichtweite des deutschen Feldlagers tagelang Gruppen von Aufständischen beschossen und bombardiert. Selbst A-10-Erdkampfflugzeuge, ursprünglich für den Einsatz gegen die Panzerarmeen des Warschauer Pakts konstruiert, kamen zum Einsatz. Mehr als hundert Taliban-Kämpfer sollen getötet worden sein. Und das wohlgemerkt nicht im umkämpften Süden, wo jeden Tag ein Guerrillakrieg tobt, sondern im sogenannten „ruhigen“ Norden.

An der Boden- und Luft-Operation der Amerikaner vor den Toren des deutschen Feldlagers war die Bundeswehr nicht beteiligt, das lässt ihr Mandat nicht zu. Daher muss der amerikanische Isaf-Oberbefehlshaber McChrystal, den zu Guttenberg in Kabul trifft, nun auch keine Untersuchung befehlen. Aber auch die deutschen Soldaten am Standort Kundus sind auf Patrouille schon oft in Gefechte verwickelt worden, in denen die Aufständischen, so der Führer einer der drei Kampfkompanien, „uns von allen Seiten mit allem angreifen, was sie haben“: Sprengfallen, Panzerfäuste, Maschinengewehre. Auch der Hauptmann hat in Kundus schon zwei seiner Soldaten verloren; ihre Namen finden sich auf der zunehmenden Zahl der Messingschilder im „Ehrenhain“ wieder. Im Lazarett von Kundus liegt ein – selbstredend von Guttenberg besuchter – Verwundeter, den erst am Mittwoch ein Treffer an Bein und Hüfte schwer verletzte.

Die Chefs der drei Einsatzkompanien erzählen von stundenlangen Schusswechseln mit Aufständischen, die in immer neuen Varianten die Patrouillen der Bundeswehr attackierten und dabei wachsendes Verständnis für militärische Taktik offenbarten. Da die Bundeswehr seit Änderung der taktischen Richtlinien („Taschenkarte“) ohne Zögern zurückschießen darf, wenn sie angegriffen wird, haben sich die Aufständischen, wie in ganz Afghanistan, wieder stärker auf ihr altes furchtbares Geschäft verlegt, den Überfall mit selbstgebauten Sprengfallen von erheblicher Zerstörungskraft. Im direkten Gefecht sind die Taliban den ausländischen Truppen unterlegen: „Wir haben mehr Feuerkraft und treffen besser“, sagt ein Offizier der in Kundus stationierten Panzergrenadiere.

Und doch sind die westlichen Truppen in Afghanistan in der Defensive, wie es sich nicht nur an der Forderung McChrystals ablesen lässt, der schon von seiner eigenen Regierung eine Verstärkung der rund 68 000 amerikanischen Soldaten im Land um weitere 40 000 forderte. Auch Guttenbergs Miene, seine Fragen an seine Obristen und Generäle im Führungsbunker des Lagers und deren Blicke untereinander offenbaren, dass er nicht lange brauchte, um den Ernst der Lage in Afghanistan zu erfassen.

Der Ressortwechsel - kein Abstieg für den Außenpolitiker

Guttenberg, das kann man bei diesem Antrittsbesuch nicht übersehen, ist ein Mann vom sicherheitspolitischen Fach. Nach vielen Jahren hat Deutschland mit ihm wieder einen Außenpolitiker an der Spitze des Verteidigungsministeriums, der über das rein Militärische und den Tag hinausdenkt. Das gilt insbesondere auch für den Einsatz in Afghanistan. Er scheut sich nicht, das Wort „Ausstieg“ in den Mund zu nehmen. Für den fränkischen Freiherrn ist der Wechsel vom Wirtschafts- ins Verteidigungsressort kein Abstieg, wie Industriekapitäne glauben mögen. Er hält die neue Aufgabe für mindestens ebenso fordernd. Im Wirtschaftsministerium war er für dreitausend Menschen verantwortlich. Jetzt ist er Dienstherr von mehr als 250.000 Soldaten, von denen derzeit 8400 im Auslandseinsatz sind; viele von ihnen werden täglich an Leib und Leben bedroht.

Auch der Minister selbst lebt gefährlich, nicht nur in Afghanistan. Der Chefsessel im Bendlerblock kann jederzeit zum Schleudersitz werden. Und doch schlug Guttenberg das Angebot der Kanzlerin aus, über das Innen-, das Finanz- und auch das Umweltministerium nachzudenken. Lieber zwängt er sich und seinen Maßanzug in eine Splitterschutzweste, auch weil so der seit den Zeiten von Franz Josef Strauß erhobene Anspruch der CSU gewahrt wird, eine weltpolitische Partei zu sein. Doch dazu später.

Mit vielen Talenten auf vertrautem Terrain

Schon in den nicht ganz neun Monaten, die Guttenberg Chef des Wirtschaftsministeriums war, offenbarte er, dass er in geradezu beängstigendem Umfang jene Talente mitbringt, die ein Politiker braucht, um Erfolg zu haben. Er ist eloquent, scheut die Öffentlichkeit nicht und kann sich auf sein jeweiliges Publikum einstellen, ohne sich zu verbiegen. Jetzt kann der frühere Obmann der Union im Auswärtigen Ausschuss und rüstungspolitische Sprecher der Fraktion seine Fähigkeiten auch noch auf vertrautem Terrain demonstrieren. Der Truppenbesuch in Kabul, Mazar-i-Sharif und Kundus ist für ihn, obwohl sein erster, ein Heimspiel.

Sein Wort von den „kriegsähnlichen Zuständen“, das der nicht weniger um die Truppe besorgte Jung mied wie der Infanterist das Minenfeld, kommt dort am besten an, wo diese Zustände schon seit einiger Zeit herrschen. „Endlich sagt einer die Wahrheit“, sagen einem abends am Grill bei einer Dose Budweiser (dem Original, nicht der amerikanischen Brühe) Panzergrenadiere, die schon Übles erlebten. Manche haben noch ein ziemliches Milchgesicht. Selten sind die Mannschaften und Unteroffziere älter als 25.

Bei dieser Zusammenkunft mit der Truppe unter dem klaren und kalten Nachthimmel Afghanistans spricht Guttenberg davon, dass ihm das neue Amt eine „Herzensangelegenheit“ sei, dass er kein „kühles Soldatentum“ wolle und man auch im Soldatenberuf Emotionen zulassen müsse. Das ist dem einen oder anderen altgedienten Hauptfeldwebel dann doch ein bisschen zu viel des vergossenen Herzblutes. Die Truppe insgesamt aber ist begeistert vom neuen Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt, er erntet anhaltenden Beifall. Ein Soldat um den anderen, die Soldatinnen nicht zu vergessen, bittet um ein Erinnerungsfoto mit dem Minister, als sei er ein Popstar und die Kantine im hintersten Afghanistan der Times-Square.

Kritik beim Gespräch mit Karzai

Der afghanische Präsident Karzai, der auch für ein schönes Foto mit Guttenberg posierte, dürfte dagegen weniger angenehme Erinnerungen an den Erstlingsbesuch des deutschen Ministers haben. Guttenberg ließ ihn wissen, dass Berlin so wie Washington, Paris und London die bisherigen Leistungen der afghanischen Regierung für ungenügend halte.

Guttenberg machte das weitere finanzielle und auch militärische Engagement Deutschlands in Afghanistan von einem ehrgeizigeren Programm des neuen Kabinetts und nachprüfbaren Fortschritten abhängig. Karzai habe sich, so heißt es nach dem Gespräch, freilich so wenig auf etwas festnageln lassen „wie ein Pudding an der Wand“.

Das ist allerdings auch eher Aufgabe des offiziellen deutschen Außenministers. An den denkt auf dieser Reise niemand – bis zu der improvisierten Pressekonferenz vor dem Verteidigungsministerium in Kabul. Flankiert von einer Ehrenformation wie aus der Operette berichtet Guttenberg, worüber er mit dem afghanischen Kollegen gesprochen habe.

Dann fragt ein einheimischer Journalist, ob er dem deutschen Gast eine Frage auf Englisch stellen können. Nur die anwesenden Afghanen wissen in diesem Moment nicht, woran und an wen die anwesenden Deutschen, wohl auch der Minister, in diesem Moment denken (müssen). Guttenberg antwortet, ohne die Miene zu verziehen, in bestem Englisch, denn schließlich ist man hier ja nicht in Deutschland. Westerwelle, der rasende Außenminister, will demnächst auch nach Afghanistan reisen. Der Igel aber war schon da.

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