15.06.2008 · Deutlicher als durch die spektakuläre Befreiung von fast tausend Gefangenen hätten die Taliban dem afghanischen Präsidenten Karzai die Schwäche seines Regiments kaum vorführen können. Diese Lage könnte noch eskalieren.
Von Wolfgang Günter LerchDeutlicher als durch die spektakuläre Befreiung von fast tausend Gefangenen am vergangenen Freitag hätten die Taliban dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai die Schwäche seines Regiments kaum demonstrieren können. In ihrer ehemaligen Hochburg Kandahar, wo ihr Führer Mullah Omar zwischen 1996 und 2001 seine radikalislamistische Schreckensherrschaft ausgeübt hatte, gelang ihnen ein Coup, der ohne lange Vorbereitung und eine gut funktionierende Logistik nicht denkbar ist.
Gerade erst hatte Karzai mehr Unterstützung auf der Geberkonferenz für Afghanistan erlangt – da demütigten ihn seine Feinde vor aller Öffentlichkeit. Die meisten Afghanen wollen keine Rückkehr der Taliban an die Macht, doch deren Treiben lässt mehr und mehr Zweifel daran aufkommen, ob mit den vorhandenen Mitteln allmählich größere Stabilität erreicht werden kann.
Die Taliban haben im Lichte ihres jüngsten „Erfolges“ bereits weitere Aktionen dieser Art angekündigt; und Karzai drohte damit, Stellungen der Aufständischen in Pakistan anzugreifen. Eine Eskalation der Lage scheint nicht ausgeschlossen zu sein.