19.09.2003 · In Kundus ist es so friedlich, daß man sich in den Büros der Entwicklungshelfer fragt, was und wen die deutschen Soldaten eigentlich beschützen wollen.
Von Jochen Buchsteiner, KabulZu den wenigen, die sich von der Entsendung deutscher Soldaten nach Kundus etwas versprechen, gehört Boris Wojahn. Der junge Braunschweiger plant ein deutsches Wirtshaus in der Provinzstadt. "Wo Soldaten hinkommen, da sind immer auch Entwicklungshelfer, Journalisten und Diplomaten, und die wollen alle was Vernünftiges essen", sagt Wojahn und streicht über seine weiße Küchenschürze, als wolle er jeden Zweifel an seiner Kochkunst ausräumen. Wohlgefällig gleitet sein Blick über die gut besetzten Tische im Restaurant. Hier in Kabul ist die Rechnung aufgegangen. Der "Deutsche Hof" im Zentrum der Hauptstadt hat sich in den vier Monaten seit seiner Öffnung zur ersten Adresse der "Expats" entwickelt; nicht nur der deutschen.
Im Ticketbüro des "United Nations Humanitarian Air Service" wundert man sich nur noch. Die wenigen Flüge zwischen Kabul und Kundus sind von den Deutschen fast ausgebucht. An diesem Wochenende fliegt eine Delegation des Berliner Entwicklungshilfeministeriums in die Nordprovinz. Ende August machten sich Militärs und Diplomaten auf den Weg; die nächste Erkundungsreise ist geplant. "Seit kurzem heißt es nur noch: Kundus! Kundus! Kundus!" spottet ein deutscher Entwicklungshelfer.
Berlin: Geradezu ideal
Monate hat die Bundesregierung gebraucht, bis sie den passenden Ort für die Ausdehnung ihres Engagements gefunden zu haben meinte. Im Juni inspizierte eine Delegation zunächst die westliche Provinzhauptstadt Herat, kehrte aber skeptisch zurück, nachdem der örtliche Warlord Ismail Khan hatte durchblicken lassen, daß sich sein Reich auch ohne deutsche Soldaten entwickle. Der Süden schied in den Berliner Planungen von vornherein aus, weil dort die Sicherheitslage als prekär gilt.
So kam Kundus ins Spiel. Dort und in den drei angrenzenden Provinzen Badakshan, Takhar und Boglan geht es vergleichsweise friedlich zu. Außerdem sind die Menschen schon ein bißchen an fremde Uniformen gewöhnt, seit dort ein sogenanntes "regionales Aufbauteam" der Vereinigten Staaten arbeitet. Kundus erschien den Berliner Planern daher als geradezu ideale Lösung, aber genau da, meinen manche, steckt das Problem: Militärische Einsatzorte sind naturgemäß nicht ideal.
Amerikanisches Programm unbeliebt
In den Büros der Entwicklungshelfer fragt man sich, was und wen die Soldaten eigentlich beschützen wollen. Mehrere Organisationen - unter ihnen die Deutsche Welthungerhilfe - sind in dem Gebiet seit längerem aktiv und melden keinerlei Schwierigkeiten. Im Grunde bliebe den Soldaten nur die Rolle als Entwicklungshelfer-Helfer. Von der will aber auch niemand etwas wissen. Das Modell der "regionalen Wiederaufbauteams", das die Amerikaner entwickelt haben, ist in der deutschen Entwicklungshelferszene unbeliebt.
In der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die eines der größten Hilfsbüros in Kabul unterhält, wird betont, daß sich die Organisation aus diesem Grund nicht auf demselben Gelände ansiedeln wird, das das Verteidigungsministerium gerade in Kundus mietet. "Anders als die amerikanischen Hilfsorganisationen werden wir nicht in die militärischen Strukturen eingebunden sein, sondern unsere eigenen unterhalten", sagt Regionalleiter Tabatabai. Daß er für diese Position volle Deckung aus Berlin erhält, versucht er mit einem Bundestagsprotokollauszug zu beweisen. Darin nennt Entwickungshilfeministerin Wieczorek-Zeul das amerikanische Modell "für uns völlig unvorstellbar" und beschreibt das Konzept der Bundesregierung mit den Worten: "Militär und Wiederaufbauhelfer sind getrennt."
Wenig Verständnis
Was aber bleibt dann für die Bundeswehr? "Demobilisierung von Soldaten" schlägt Wieczorek-Zeul als Schwerpunkt vor. Damit werden sich die Deutschen in Kundus kaum Freunde machen. Die Region ist fest im Griff der Soldaten von "General" Daut, der enge Kontakte zum afghanischen Verteidigungsminister Fahim pflegt. Die Truppen, die oft als Privatarmee bezeichnet werden, sind nicht formaler Bestandteil der neuen Afghanischen Nationalarmee, deren Aufbau der Westen unterstützt. Eine "Demobilisierung" dürfte gleichwohl im Kabuler Verteidigungsministerium auf wenig Verständnis stoßen. "Würde man Fahim auf seine Privatarmee ansprechen, bekäme man zur Antwort, sie unterstehe doch dem Befehl des Verteidigungsministers - was ja irgendwie auch stimmt", sagt ein westlicher Militär, der seit vielen Jahren in der Region stationiert ist.
Das 40 Mann starke amerikanische Wiederaufbau-Kontingent, das von der fast zehnmal so großen "deutschen Isaf-Insel" abgelöst werden soll, hat sich nie in die politischen und militärischen Strukturen der Provinz eingemischt. Kenner beschreiben Kundus und die östliche Umgebung als stabiles, wenn auch nicht bilderbuchhaft geordnetes Gefüge. "Fahims und Dauts Truppen garantieren Sicherheit, solange ihre Kreise nicht gestört werden", sagt ein UN-Diplomat, der seit drei Jahren im Land lebt. Diese "Kreise" haben viel mit Geld zu tun, vor allem mit Zöllen und Mohn.
Der Süden wird ghettoisiert
In den diplomatischen Vertretungen Kabuls stellt sich mancher die Frage, ob die allseits begrüßte Ausweitung des Isaf-Mandats nicht am falschen Ende beginnt. "Bitter nötig", sagt der UN-Mann, sei Aufbauarbeit im Süden und Südosten, vor allem im sogenannten Paschtunengürtel an der Grenze zu Pakistan. Dort werde militärischer Schutz für Entwicklungshelfer auch wirklich gebraucht. Die strukturelle Ghettoisierung des Südens, in dem vor allem die paschtunische Bevölkerungsmehrheit lebt, könne auf Dauer nicht gutgehen, heißt es allenthalben. "Wenn nicht auch dort die Menschen sehen, daß eine Friedensdividende für sie abfällt, werden sie sich von der Zentralregierung und der internationalen Gemeinschaft weiter ab- und den Taliban zuwenden", sagt ein Gesandter.
Die Benachteiligung der Paschtunen bei gleichzeitiger Bevorzugung der sogenannten "Panshiris" wächst sich in Afghanistan zu einem Thema mit politischer Sprengkraft aus. Präsident Karzai gilt bei den wenigsten Paschtunen als würdiger Vertreter ihrer Volksgruppe. Ihm wird nicht zuletzt vorgeworfen, er lasse sich von den Kräften der ehemaligen Nordallianz über den Tisch ziehen. Die Schlüsselpositionen im Kabinett sind von Tadschiken und Usbeken besetzt - viele von ihnen alte Weggefährten aus den Zeiten, als man aus dem Panshirtal heraus den Widerstand organisierte.
Regierung zerstritten
Mühsam hält Karzai dagegen. In den Ministerien der Nordallianz versucht er, vermehrt Paschtunen zu plazieren. Am Dienstag ging er zum Angriff über. In einer Kabinettssitzung sprach er offen die Bereicherungen einiger Minister an, die ihre Macht in den hochlukrativen Immobilienbereich ausdehnen und sich die Filetstücke in Kabuls besten Wohngegenden unter den Nagel gerissen haben. Es muß laut hergegangen sein. "Wir haben es inzwischen mit einer zerstrittenen Regierung zu tun, was die Lage nicht vereinfacht", sagt ein Diplomat resigniert.
Die Konzentration des deutschen Engagements auf die tadschikisch und usbekisch dominierten Gebiete im Norden ist auch in diesem Zusammenhang pikant. Von den 80 Millionen Euro, die Berlin pro Jahr ins Land fließen läßt, gehen nach Schätzungen von Entwicklungshelfern nur ein Viertel in mehrheitlich paschtunische Gebiete. Ein deutscher Fachmann, der sich auf den Aufbau des afghanischen Energiesektors spezialisiert hat, spürt schon, wie die Spannung steigt: "In dem Ministerium, mit dem ich zu tun habe, finden die das langsam nicht mehr komisch."
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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