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Afghanistan-Einsatz Im siebenten Jahr

16.10.2008 ·  Sieben Jahre nach der Intervention in Afghanistan steht das Land auf der Kippe. Der rasche Sieg gegen das Regime hat sich als Selbsttäuschung erwiesen. Und alles deutet darauf hin, dass es nicht besser, sondern eher noch schlimmer wird.

Von Horst Bacia
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Nicht einmal zwei Monate sind nötig gewesen, um die Taliban im Herbst 2001 von der Macht zu vertreiben. Den Regimewechsel in Afghanistan erzwangen die Vereinigten Staaten mit hundert unter abenteuerlichen Bedingungen eingeflogenen CIA-Agenten, dreihundertfünfzig Soldaten des Kommandos Spezialkräfte, Kampfflugzeugen und Langstreckenbombern der Luftwaffe sowie Pappkartons voller Geld, weil sich die vielen gebündelten Dollarnoten in Koffern überhaupt nicht transportieren ließen.

Das Geld ging an afghanische Kriegsfürsten, die bereit waren, mit ihrer Gefolgschaft den Kampf gegen das Regime der militanten Koranschüler wiederaufzunehmen. Wo die Taliban und nichtafghanische Kämpfer von Al Qaida sich der militärischen Auseinandersetzung in geordneten Formationen stellten, wurden sie mit Angriffen aus der Luft unerbittlich dezimiert und demoralisiert. Amerikanische Kampfflugzeuge, aus großer Entfernung herangeführt, flogen bis zu hundert Einsätze am Tag. Aus sicherer Höhe brachten sie sich selbst steuernde Bomben und Raketen in Ziele, die von Spezialkräften mit Laser- oder Satellitennavigationsgeräten markiert worden waren.

Rumsfeld schwärmte, Bin Ladin entkam

Städte wie Kabul oder Kandahar fielen nach dieser Demonstration militärischer Überlegenheit nahezu kampflos. Donald Rumsfeld, der Besserwisser im Pentagon, schwärmte von einer völlig „neuen Art der Kriegführung“ und begann, den Feldzug zum Sturz Saddam Husseins vorzubereiten. Usama Bin Ladin und andere Drahtzieher des 11. September entkamen aber, wie die meisten Taliban-Anführer, über die Berge nach Pakistan.

Sieben Jahre später steht Afghanistan auf der Kippe. Der rasche Sieg hat sich im Rückblick als Selbsttäuschung erwiesen. Mehr als sechzigtausend Soldaten aus 41 Ländern, die als multinationale Schutztruppe (Isaf) die gewählte Regierung unterstützen sollen oder im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) im Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt werden, sind inzwischen am Hindukusch stationiert. Dennoch haben sie bisher nicht für das Ausmaß von Sicherheit und Stabilität sorgen können, das für einen flächendeckenden Wiederaufbau unerlässlich ist.

Die Zahl der Überfälle und Anschläge mit versteckten Sprengfallen oder durch Selbstmordattentäter ist von Jahr zu Jahr drastisch gestiegen. Und alles deutet darauf hin, dass es nicht besser, sondern eher noch schlimmer wird. Von einer „Abwärtsspirale“ spricht angeblich die jüngste, geheime Analyse amerikanischer Nachrichtendienste.

Gesucht wird ein plausibler Ansatz, mit dem der Trend gestoppt und ins Positive gewendet werden kann. An Konzepten herrscht kein Mangel. Dass der Konflikt mit militärischen Mitteln allein nicht zu lösen ist, wissen die Militärs selbst am besten. Oft wird das Argument nur benutzt, um das zivile Engagement gegen das militärische auszuspielen und sich vor der Entsendung zusätzlicher Soldaten zu drücken. Auch die deutsche Regierung hat sich solcher Ausflüchte zuweilen bedient.

Mangel an Soldaten und Fähigkeiten

Dabei ist der ständige Mangel an Soldaten und hinreichenden militärischen Fähigkeiten eine der Hauptursachen für die heutigen Verhältnisse. Weil das Isaf-Kontingent zunächst nur wenige tausend Soldaten umfasste und sein Mandat auf Kabul beschränkt blieb, wurde bei der Stabilisierung des Landes kostbare Zeit vertan. Die Amerikaner zeigten für diese Aufgabe anfangs nur wenig Interesse und waren viel zu lange auf den „Krieg gegen den Terror“ fixiert.

Deshalb stellt sich die Lage heute wesentlich anders dar als zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes. Der Konflikt ist eskaliert. Der Schwerpunkt des Isaf-Auftrags verlagert sich immer mehr von Stabilisierungsmaßnahmen zur Bekämpfung von Aufständischen. Daraus ergeben sich politische und militärische Prioritäten. Um den Taliban und anderen radikalislamischen Gruppen das Wasser abzugraben, müssen Präsenz, Effektivität und Legitimation der Regierung gestärkt werden; insbesondere in den paschtunischen Stammesgebieten und in abgelegenen Gebieten, wo die Aufständischen oft ungehindert operieren können. Die endemische Korruption untergräbt das Ansehen der Regierung Karzai. Und aus dem Rauschgiftgeschäft finanzieren sich zum Teil auch die Taliban und andere radikale Gruppen. Beides zu unterbinden liegt im Interesse der Isaf, da sie durch die Unterstützung einer unpopulären Regierung immer stärker in den Konflikt hineingezogen wird.

Entscheidend ist der Aufbau einsatzfähiger und glaubwürdiger afghanischer Streitkräfte. Sie müssen die fremden Truppen in einer nicht allzu ferner Zukunft ersetzen können. Die gezielte Ausschaltung von Terroristen sollte zurückstehen, wenn solche Operationen durch zu viele zivile Opfer kontraproduktiv wirken.

Mehr Aufmerksamkeit verdient der Nachbar Pakistan. Taliban und Al Qaida haben sich dort in den autonomen Stammesgebieten reorganisiert. Ihr radikaler, antiwestlicher Dschihad-Terrorismus bleibt eine Bedrohung, nicht nur für die beiden Nachbarn. In dieser gefährlichen Region einen Beitrag zur Stabilisierung zu leisten — durch politisches Engagement, Wirtschaftshilfe und die Entsendung von Soldaten — liegt im Interesse Deutschlands.

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