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Afghanistan Einer für alle, jeder gegen jeden

 ·  Was ist ein Afghane? Welche Sprache spricht er? Ein Blick auf die ethnische Gemengelage in dem Bürgerkriegsland verdeutlicht die derzeitige Frontstellung.

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Afghanistan ist ein zerissenes Land: Vier große und mehrere kleinere ethnische Gruppen treffen aufeinander, bekriegen sich oder schmieden Allianzen gegen andere. Die Zukunft Afghanistans wird davon abhängen, wie die Bevölkerungsgruppen ihre Konflikte lösen können. Ein Überblick über die Konstellationen in dem Bürgerkriegsland.

Paschtunen: Gastfreundschaft und Blutrache

Den größten Anteil an der Bevölkerung stellen die Paschtunen - mit 43 Prozent die mächtigste Gruppe. Seit rund hundert Jahren existiert eine Paschtunistan-Bewegung, die die paschtunischen Gebiete in Afghanistan mit denen in Pakistan vereinen möchte.

In Pakistan sollen mehr Paschtunen ansässig sein als in Afghanistan. Sie bewohnen die North Western Frontier Province. In diesem Bereich, der den Briten als Pufferstaat zu Afghanistan diente, gilt statt der pakistanischen Gesetze das paschtunische Stammesrecht. Der Handel mit Drogen und Waffen ist hier quasi legal.

Die Paschtunen leben nach dem sogenannten Paschtunwali, einem vorislamischen Stammeskodex. Dessen Säulen sind Gastfreundschaft (Nanawate) und Blutrache (Badal) für den Fall eines Angriffs auf die eigene Sippe oder auf Gäste, denen man Schutz gewährt hat. Der Gastfreundschaft kommt so große Bedeutung zu, dass sie selbst Feinden zugestanden werden muss. Auch der arabische Extremist Usama bin Ladin steht unter dem Schutz dieses Gastrechts. Im Krieg gegen die Sowjets wurden die Paschtunen von Gulbuddin Hekmatyar angeführt, der heute im iranischen Exil interessiert die Ereignisse abwartet.

Das Sagen haben - unabhängig von der jeweiligen Regierung in Kabul oder Kandahar - die Versammlung der Patriarchen der zahlreichen paschtunischen Stämme, die sogenannte „Loya Jirga“. Auf diese stützt sich der Versuch des in Rom im Exil lebenden ehemaligen afghanischen Königs Zahir Schah, auch er ein Paschtune, die Verteilung der Macht für die Zeit nach den Taliban zu regeln.

Die überwiegende Mehrheit der Taliban besteht aus paschtunischen Flüchtlingen und Stammeskriegern. Das Wort „Taliban“ ist übrigens der persische Plural des arabischen Wortes „Talib“, das Student oder Schüler (nicht nur im religiösen Sinne) bedeutet.

Tadschiken: Bei der Nordallianz tonangebend

In der Nordallianz, die die paschtunische Taliban-Bewegung bekämpft, dominieren dagegen die tadschikischen Mujaheddin. Angeführt wurden sie lange von ihrem legendären Feldherrn Ahmad Schah Masud, der Anfang September einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Die Sprache der Tadschiken ist das „Dari“, ein persischer Dialekt.

Auch der international anerkannte afghanische Präsident und politische Kopf der Nordallianz, der gemäßigte Religionsgelehrte Burhanuddin Rabbani, ist Tadschike. Die militärische Zentrale der Nordallianz ist das Panjir-Tal, etwa 60 Kilometer nördlich von Kabul - eine natürliche Festung aus Bergkämmen und tiefen Tälern, die schon die Sowjets etliche Male erfolglos angriffen.

Afghanische Usbeken: Wechselnde Allianzen

Der andere Teil der Nordallianz besteht aus usbekischen Kämpfern. Die türkisch sprechenden afghanischen Usbeken stellen rund neun Prozent der Bevölkerung. Sie haben im Verlauf der vergangenen 20 Jahre auf unterschiedlichen Seiten gestanden. Ihr langjähriger militärischer Führer, der General Raschid Dostam, kämpfte nach dem sowjetischen Einmarsch 1979 zunächst mit den Russen. Nach deren Abzug 1989 schlug er sich abwechselnd auf die Seite Masuds und Hekmatyars, als diese in ihrem Kampf um Kabul die Stadt in Trümmer legten und die Randbezirke in Minenfelder verwandelten.

Dostam flüchtete nach der Eroberung seiner Hauptstadt Masar-i-Scharif durch die Taliban in die Türkei. Vor zwei Wochen meldete er sich von dort zurück und steht nun mit einer Streitmacht unbekannter Größenordnung (Schätzungen sprechen von 5.000 bis 15.000 Mann) angeblich in der Nähe von Masar-i-Scharif.

Hazara: Die Nachfahren Dschingis Khans

Geradezu mysteriös ist die Herkunft der Minderheit der Hazara, die rund 19 Prozent der Bevölkerung stellen. Sie sind eine mongolische Gruppe, die ihre ethnische Eigenart irgendwann durch die Annahme des Schiitentums auch religiös dokumentierte. Sie bekennt sich zm Schiitentum, während die überwiegende Mehrheit der Afghanen Sunniten sind. Ihre Heimat ist die zentralafghanische Provinz Bamian, in der auch die im März von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen standen.

Ihr Stammesname „Hazara“ ist das persische Wort für „Tausendschaft“. Die Hazara sollen direkte Nachfahren einer Besatzungsarmee sein, die der mongolische Eroberer Dschingis Khan im frühen 13. Jahrhundert dort zurückgelassen hat.

Auch sie kämpften in dem langen Bürgerkrieg nach dem Abzug der Sowjets auf unterschiedlichen Seiten. Zu den radikal-sunnitischen Taliban haben die Hazara als Schiiten ein gespanntes Verhältnis. Daher ist zu erwarten, dass sie sich der Nordallianz anschließen, sobald deren Frontlinie ihre Provinz erreicht hat.

Neben diesen vier Ethnien gibt es noch kleinere Minderheiten von Turkmenen, Kirgisien, Belutschen und Aimak, die jedoch im Machtpoker nur untergeordnete Rollen spielen.

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