06.09.2009 · Europa wollte die Drecksarbeit in Afghanistan die Amerikaner verrichten lassen und sich selbst ganz dem Wiederaufbau widmen. Doch die Taliban spielen bei dieser Rollenverteilung nicht mit. Ihr Hauptangriffsziel ist der Wille des Westens, diesen Krieg fortzuführen.
Von Berthold KohlerEin Satz des Luxemburger Außenministers verdeutlicht, warum Afghanistan zum Debakel für den Westen werden kann. Er sagte, er verstehe nicht, "dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden können". Aus diesem Unverständnis (schon für militärische Zusammenhänge) spricht die nicht nur in luftwaffenlosen Ländern verbreitete Ansicht, dass am Hindukusch eigentlich gar keine Bomben abgeworfen werden sollten - und wenn doch, dann nur nach gründlicher Beratung und am besten auf einstimmigen Beschluss des Europäischen Rats.
Europa wollte die Drecksarbeit in Afghanistan die Amerikaner verrichten lassen und sich selbst ganz dem Wiederaufbau widmen. Doch die Taliban spielen, welch Überraschung, bei dieser Rollenverteilung nicht mit. Sie führen einen jedenfalls aus ihrer Sicht totalen Krieg gegen alle "Besatzer", in den immer mehr auch die Bundeswehr hineingezogen wird. Die Taliban wollen diesen Krieg so schmutzig wie möglich werden lassen. Denn der Kampf um Afghanistan wird bei weitem nicht nur auf den Sandbänken des Kundus geführt und entschieden. Gekämpft wird auch in Europa, an der instabilen Front der öffentlichen Meinung.
Zivilisten als Schutzschild
Das Hauptangriffsziel der Taliban ist der Wille des Westens, diesen Krieg fortzuführen. Zu Recht stellt sich bei jedem weiteren toten Soldaten und Zivilisten die Frage dringlicher, wofür sie gestorben sind. Doch statt das den Bürgern zu erklären, fallen Europas Außenminister lieber über denjenigen her, der gerade den letzten Pyrrhussieg am Hindukusch erlitten hat.
Die Schlüsse, die die Taliban aus den Reaktionen in Stockholm, Washington und auch Deutschland ziehen können, liegen auf der Hand: Von Isaf-Streitkräften getötete Afghanen demoralisieren den Westen mindestens so sehr wie eigene Verluste. Also werden die Nato-Truppen noch stärker als bisher versuchen, zivile Opfer zu vermeiden. Und was folgt daraus? Die Taliban werden erst recht bei jeder Gelegenheit Zivilisten als Schutzschild benutzen, ganz ohne Skrupel. Das wird die militärischen Möglichkeiten der Nato weiter einschränken. Die Zeit aber arbeitet für die Taliban. Das hat ihnen freundlicherweise nun auch der ehemalige Bundeskanzler Schröder bestätigt, der forderte, 2015 müsse Schluss sein mit dem Einsatz in Afghanistan. Angesichts dessen, was Wahlkämpfe ans Licht zu bringen in der Lage sind, müssten die Taliban eigentlich langsam anfangen, die Demokratie zu lieben.