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Jaghori : Bildungsbürger

  • -Aktualisiert am

Hazara-Siedlung in Bamiyan Bild: REUTERS

In Afghanistan geschieht ein Bildungswunder: Warum viele Menschen aus der einst unterdrückten Hazara-Minderheit Karriere machen.

          Erst in Iran ist Ali Hussein so richtig bewusst geworden, was es heißt, ungebildet zu sein. Wie viele Afghanen war er vor Krieg und Armut in das Nachbarland geflüchtet und hatte dort als Bauarbeiter gearbeitet. Einmal hatte er sich allein in die Innenstadt von Teheran getraut und konnte dann den Rückweg zu seinem Arbeitsplatz nicht mehr finden. „Ich suchte am Azadi-Platz nach dem richtigen Bus“, sagt Hussein, der inzwischen an einer Kabuler Straßenkreuzung als Schuhputzer arbeitet.

          Auf jedem Bus stand die Fahrtrichtung angeschrieben. „Aber ich traute mich nicht, die anderen Fahrgäste zu fragen, ob ich richtig sei, weil es mir peinlich war, dass ich nicht lesen konnte.“ Jedenfalls erwischte Ali Hussein den falschen Bus und wurde an der Endstation vom Busfahrer mit Hohn überschüttet. „Analphabeten sind wie Blinde“, sagt er.

          Solche Momente der Erniedrigung, von denen viele Afghanen berichten können, sind vielleicht eine Ursache für das Bildungswunder, das sich in den vergangenen Jahren hier ereignet hat. Die Universitäten sind voll mit Studenten, deren Eltern nie eine Schule besucht haben. Atemberaubend war der soziale Aufstieg bei Angehörigen der Minderheit der Hazara, die bis zur Intervention des Westens 2001 systematisch diskriminiert wurden und denen bis dahin viele Bildungschancen verwehrt waren. Bis dahin verrichteten sie die niedrigsten Tätigkeiten als Diener, Karrenschieber und Tagelöhner, heute gehören ihre Kinder zur jungen Kabuler Elite.

          In den Bergen die Schafe gehütet

          Wie zum Beispiel Ali Husseins Söhne, die für gute Gehälter bei ausländischen Hilfsorganisationen arbeiten - der eine als Ingenieur, der andere als studierter Sozialwissenschaftler. „Ich habe jeden Afghani gespart, um meine Söhne zur Schule und an die Universität zu schicken“, sagt der alte Mann, der eine rötliche Masse Kautabak in seinem Mund hin und her schiebt. Er selbst war in den sechziger Jahren in den Bergen von Bamiyan aufgewachsen und hatte schon als kleiner Junge Schafe gehütet. Eine Schule gab es in seinem Dorf ohnehin nicht. Lesen konnte hier, abgesehen vom Mullah, niemand. Heute gehen alle seine Enkelkinder zur Schule - auch die Mädchen.

          Unter den Hazara haben die neuen Möglichkeiten bis in die letzten Dörfer einen großen Bildungshunger entfacht. Das zeigt sich zum Beispiel im Distrikt Jaghori, in dem mehrheitlich Hazara wohnen: Dort bezahlen die Bürger die Gehälter von 400 Lehrern aus eigener Tasche, weil sie nicht darauf warten wollten, bis die Regierung dort Schulen eröffnet. Das zeigt sich auch bei den zentralen Hochschulzulassungsprüfungen, deren Ergebnisse jedes Jahr veröffentlicht werden. 2008 und 2009 erreichten die Hazara-Provinzen Bamiyan und Daikundi die höchsten Erfolgsquoten, obwohl sie zu den rückständigsten Regionen des Landes zählen. 2010 erzielten drei Hazara im ganzen Land die höchsten Punktzahlen und wurden von Präsident Hamid Karzai persönlich geehrt.

          Zwar unterscheidet die offizielle Statistik - aus gutem Grund - nicht nach ethnischer Herkunft. Doch der Sprecher des Ministeriums für höhere Bildung, Abdul Azim Nourbakhsh, bestätigt, dass der Anteil der Hazara an der Studentenschaft seit Jahren steigt und deutlich über ihrem Anteil an der Bevölkerung liegt. „Die Hazara sind die Gewinner des politischen Systemwechsels nach 2001“, sagt Sayed Askar Mosawi, Autor des Buches „Afghanistans Haraza“, der als Berater im Ministerium für höhere Bildung arbeitet. Für sie seien die vergangenen zehn Jahre ein goldenes Zeitalter gewesen.

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