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Ärzte Die Evolution des Medizinmanns

Im Mittelpunkt soll immer noch der Patient stehen. Aber in der Entwicklung hin zur Medizinindustrie ist das Verhältnis des Arztes zum Kranken ein anderes geworden. Die individuelle Wertschätzung der Patienten hat gelitten.

© dpa Vergrößern Zählung des Operationsbestecks in einer Klinik

Müssen wir uns darüber wundern, dass ein seit Jahrzehnten von Reform zu Reform hechelndes Gesundheitssystem das Ansehen des Arztberufs verdirbt? Wenn zu beklagen ist, dass ökonomische Anreize die Heilkunst zu korrumpieren vermögen und öffentlich mehr über Ärztepfusch geredet wird als über die Wohltaten, die wir aus den Fortschritten der Medizinwissenschaft gewinnen?

Als der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer vor fünfzig Jahren halb bewundernd, aber auch leicht zerknirscht feststellte, dass der Arzt schon lange nicht mehr der mit magischen Kräften umkleidete Medizinmann früherer Kulturen ist, sondern „ein Mann der Wissenschaft“, da ahnte er nicht, welche Veränderungen in der Heilkunst in kürzester Zeit noch dazukommen würden. Klar, im Mittelpunkt soll immer noch der Patient stehen. Aber in der Entwicklung hin zur Medizinindustrie ist das Verhältnis des Arztes zum Kranken ein anderes geworden. Immer noch nagt es am Ego des Arztes, wenn er Patienten halbgesund nach Hause schicken muss. Doch es ist eines, ob er es tun muss, weil er an die Grenzen seiner ärztlichen Möglichkeiten gelangt ist, oder ob er es tun muss, damit die Wirtschaftlichkeit der Therapie erhalten bleibt. In den Kliniken geben zunehmend die kaufmännischen Direktoren vor, was an Therapie- und Diagnoseangeboten geleistet werden kann. Dass Managerkurse für den Erfolg des Arztes mindestens ebenso bestimmend geworden sind wie seine medizinischen Kompetenzen, hat nichts daran geändert, dass es gleichzeitig Unter- und Überversorgung an allen Ecken gibt - und Bürokratie zudem immer stärker den Alltag des Medizinmanns bestimmt. Bert Brecht wird heute gerne zitiert, wenn beschrieben werden soll, wohin das geführt hat: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das ist übertrieben. Sicher hat der Ökonomisierungsdruck den Arztberuf schon massiv verändert, doch hat er die humanitären Ideale keineswegs eliminiert.

Das System blockiert sich selbst

Medizin hat als Studienwunsch nichts von seinem Reiz verloren. Nur wollen die jungen Leute die zunehmende Arbeitsbelastung nicht einfach hinnehmen und sich mit einem System abfinden, dessen Perspektiven hauptsächlich von kommerziellen Erwartungen geprägt sind. Auch dafür wird gestreikt.

Das System blockiert sich aber auch selbst. Der Mangel an Landärzten etwa ist nur ein Symptom einer Entwicklung, die von der Gesundheits- und Sozialpolitik in den letzten Jahren konsequent ausgeblendet wurde. Der demographische Wandel wird zur größten Herausforderung. Und keineswegs nur in quantitativer Hinsicht. Der Arzt hat heute die Bedürfnisse des Patienten ebenso wie die Qualitätsforderungen einer wissenschaftlichen Medizin zu erfüllen, gleichzeitig „sprechende Medizin“ und Hochleistungsmedizin zu bezahlbaren Preisen abzuliefern. In dem auf Medizinerkongressen längst allgegenwärtigen Begriff „individualisierte Therapie“ kommt dieser Zwiespalt zum Ausdruck. Der Patient versteht darunter eine Wunschmedizin. Der Arzt schenkt ihm möglichst viel Zuwendung und behandelt ihn seinen Bedürfnissen gemäß mit modernsten Mitteln. Der moderne Mediziner hingegen, wissenschaftlich orientiert, wie er ist, versteht darunter objektive Kriterien, nach denen er die Therapie für den Patienten plant. Man ahnt es: Das soll mehr Qualität bringen, kostet aber auch viel Geld.

Die Wertschätzung  der Patienten hat gelitten

Mit den maßgeschneiderten Therapien wird hingegen die Frage, wo eine leichte Befindlichkeitsstörung aufhört und wo eine manifeste Krankheit beginnt, auch nicht leichter zu beantworten sein. Stattdessen werden die fachlichen und moralischen Anforderungen an den Arzt weiter steigen. Nicht die Politik, sondern die Ärzte sind es, die dem Patienten und seinen Angehörigen sagen müssen, wenn es nicht mehr weitergeht. Was in solchen Situationen vom Arzt erwartet wird, ist in der ärztlichen Ausbildung zu spät berücksichtigt und systematisch betrieben worden: emotionale Nähe und Empathie, die intensive und ausdauernde Beschäftigung mit dem Kranken.

Die individuelle Wertschätzung von Patienten gehört freilich zu jenem Teil der Wunschmedizin, der unter den Bedingungen des Ökonomismus am stärksten gelitten hat - der nun allerdings stärker wieder eingefordert wird. Man könnte sagen: Der Arzt als Dienstleister soll wieder stärker vom Rand in die Gesellschaft rücken. Die elektronischen Medien verstärken diesen Trend. Telemedizin vergrößert nicht die Distanz vom Arzt zum Patienten, sie lässt sie schrumpfen. Gleichzeitig entsteht durch das Sammeln von Daten der Wunsch nach mehr Transparenz. Die Chance besteht, dass damit die Ergebnisse der ärztlichen Behandlungen insgesamt besser werden - dass ein Wettbewerb um Qualität auch dem Patienten zugutekommt. Aber seien wir ehrlich: Transparenz gehört zu jenen Tugenden, für die im Medizinbetrieb selten bis zur letzten Konsequenz gefochten wurde. Ein Paradebeispiel dafür sind die jüngsten Skandale um Transplantationen und Korruption. Das berufliche Ansehen wird nicht durch den Arzt aufs Spiel gesetzt, sondern durch die Unfähigkeit des Systems, sich den Bedürfnissen der Patienten und der Beitragszahler entsprechend weiterzuentwickeln.

Quelle: F.A.Z.

 
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