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Ärger für Ahmadineschad : Die Macht der Kunst: S-W-I-N-E

Ahmadineschad: „Weltprovokateur Nummer eins” Bild: dpa

Die Anzeige in der „Tehran Times“ klang wie eine Ergebenheitsadresse für Ahmadineschad - und dann auch noch eingesandt aus dem Land der Mohammed-Karikaturen. Wie zwei dänische Künstler den iranischen Präsidenten hochnehmen. Von Michael Hanfeld.

          Diese Anzeige hätte die „Tehran Times“ besser nicht angenommen. Obwohl der Text - wenngleich in radebrecherischem Englisch formuliert -, erfreulich klang: Eine Ergebenheitsadresse für den Präsidenten Ahmadineschad, fünf Zeilen kurz, gegen Amerika gerichtet, und dann auch noch eingesandt aus Dänemark, dem Land der Mohammed-Karikaturen. Das mußte man ob des vermeintlichen Propagandaerfolgs einfach abdrucken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Genau damit hatten Pia Bertelsen und Jan Egesborg gerechnet. Sie bilden das Künstlerteam „Surrend“ und sind die Absender der Anzeige. Sie haben sich den kruden Text ausgedacht, der mit „support his fight against Bush“ beginnt und mit „Evil US military stay home“ endet. Es hätte einem auffallen können, was die ersten Buchstaben der ersten Worte ergeben, wenn man sie von der ersten bis zur fünften Zeilen hinunterliest: S-W-I-N-E.

          Coup der Kopenhagener

          Die Manager der „Tehran Times“ werden ihren Chefs nun erklären müssen, warum der Präsident in ihrem Blatt als „Schwein“ bezeichnet wird. Und diese Chefs sitzen im Revolutionskomitee, das Blatt gehört nämlich der „Islamic Propagation Organization“, die direkt dem Büro des Revolutionsführers Khamenei unterstellt ist. Ihre Anzeige in einem offiziellen Propagandablatt untergebracht zu haben, darin besteht der besondere Coup der beiden „Surrend“-Künstler aus Kopenhagen.

          Anzeige in der „Tehran Times”: Vermeintlicher Propagandaerfolg

          „Surrend“ steht als Abkürzung für das englische „Surrender“. Daß man sich aber niemals unterwerfen und nicht aufgeben möge, ist die Botschaft von Pia Bertelsen und Jan Egesborg. Die beiden wollen mit ihren Aktionen bis Januar 2008 an zwanzig Brennpunkte der Welt reisen, zwanzig politische Probleme auf- und am liebsten zwanzig Machthaber angreifen. Sie waren bereits auf den Faröer-Inseln, in Polen, der Türkei, in Serbien, auf Sri Lanka und in Weißrußland aktiv.

          Auch die Kaczynskis im Visier

          Für gewöhnlich verteilen sie Handzettel und kleben Poster, auf denen sie sich satirisch ihren Reim auf die Dinge machen. In Warschau zum Beispiel hat Jan Egesborg im September Aufkleber in Schwarz-Rot-Gold verbreitet, auf denen zu lesen war: „Deutsche Kartoffeln sind verträglicher als polnische Kartoffeln“ oder „Polnische Kartoffeln sind gefährlicher als deutsche“ Das war eine Aktion zu dem durch eine Satire der Berliner „taz“ ausgelösten „Kartoffelkrieg“. Es gehe nicht an, daß es in Polen wegen einer Satire staatsanwaltliche Ermittlungen gebe, das sei doch wie im neunzehnten Jahrhundert, sagte Egesborg damals.

          Angefangen hat „Surrend“ im vergangenen Mai mit einer Aktion in Serbien. Pia Bertelsen und Jan Egesborg überklebten Plakate des wegen Kriegsverbrechen gesuchten Ex-General Radko Mladic mit Zetteln, auf denen zu lesen war „Wir wissen, wo du dich versteckst - gib auf!“ Dann reisten die beiden Künstler an die weißrussische Grenze, um Poster gegen Lukaschenko zu kleben.

          „Kunst zu den Brennpunkten bringen“

          So etwas in Iran zu versuchen, das wäre wohl Selbstmord gewesen, sagt Jan Egesborg im Gespräch mit der Frankfurter Allgmeinen Zeitung. Aber den Protest gegen Ahmadineschad wollten die „Surrend“-Macher sich nicht verkneifen, und so verfielen sie auf die Idee mit der Anzeige. „Wir hatten die ganze Zeit über die Sorge, daß wir auffliegen“, sagt Egesborg. Schließlich hätten seine Gesprächspartner bei der „Tehran Times“ in astreinem Englisch parliert. Doch es klappte.

          „Wir wollen unsere Kunst zu den Brennpunkten dieser Welt bringen“, sagt Egesborg weiter. „Aus den geschützten Räumen der Galerien und Museen hinaus auf die Straße.“ Das Ergebnis soll dann aber doch im Januar 2008 in einer Galerie zu sehen sein. „Es geht uns um die Machthaber, um die mächtigen Männer dieser Welt“, sagt Egesborg. Und da führe kein Weg an dem iranischen Präsidenten Ahmadineschad vorbei. „Er ist der Weltprovokateur Nummer eins. Er kennt die Macht der Provokation ganz genau, also mußte er auf unserer Liste ganz oben stehen.“

          Und veralbert werden, denn Bertelsen und Egesborg, die beide als Journalisten gearbeitet haben, wollen nicht die Politkünstler der sechziger und siebziger Jahre wiederholen. „Es geht uns nicht nur um Aktionen“, sagt Egesborg, „und schon gar nicht darum, Vorurteile zu bedienen.“ Insofern verbiete sich auch, dies mit den Mohammed-Karikaturen der Zeitung „Jyllands-Posten“ zu vergleichen.

          Versuch, die Opposition zu unterstützen

          Ahmadineschad sei keine religiöse Figur, sondern ein Machthaber, der den Holcaust leugne und im Nahen Osten eine aggressive Politik betreibe. „Wir wollten ihm einmal zeigen, welche Macht die Kunst haben kann.“ Und, sagt Egesborg, damit wolle man in Iran die Opposition und die jungen Leute unterstützen, die gegen Ahmadineschads Politik seien. Mit der Anzeige in der „Theran Times“ selbst wäre das den „Surrend“-Machern allerdings nicht gelungen. Das Blatt wird, da in englisch und in geringer Auflage gedruckt, nur von wenigen Iranern gelesen, gedacht ist es als Aushängeschild für die Ausländer im Land. Seitens der Zeitung hieß es denn auch gleich, die Aktion werde nun Haß gegen die Dänen schüren.

          Dabei kommt es natürlich darauf an, wer den Haß schürt und protestierende Massen in Marsch setzt. Doch wenn man nur daran - an die Reaktionen - denke, sagt Jan Egesborg, dann sei die Kunst verloren. Und abgesehen davon, sei gerade Ahmadineschad als Provokateur doch hartgesotten. Direkte Reaktionen aus Iran hatten die Künstler am Donnerstag, vierundzwanzig Stunden nach ihrer Anzeige, noch nicht. Doch es meldeten sich Tausende von Leuten aus aller Welt, sagt Jan Egesborg. Sein Telefon und sein Email „explodierten“. Hoffen wir, daß es dabei bleibt.

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