24.07.2005 · Auch Ägypten ist eine Wiege des militanten Islamismus. Die radikalste Form des islamischen Fundamentalismus, der Dschihadismus, hat hier früh eine Rolle gespielt und entwickelte sich bis heute weiter.
Von Wolfgang Günter LerchWenn es um die Entstehung des sogenannten Dschihadismus geht, das heißt der radikalsten und aggressivsten Form des islamischen Fundamentalismus, werden oft Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan genannt.
Doch auch Ägypten gehört dazu. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen die Organisation der Muslimbrüder („Ikhwan al muslimin“) von dem Lehrer Hassan al Banna in Ismailia gegründet wurde, haben sich aus dieser Bewegung mehr und mehr radikale Gruppen gebildet, die die Schwelle zur Gewaltbereitschaft immer niedriger setzten.
Gruppen spalteten sich von den Muslimbrüdern ab
Die Muslimbrüder, angeregt auch durch panislamische Befreiungsideen aus dem 19. Jahrhundert, wollten zunächst ein Zurück zum gesetzesförmigen Islam traditioneller Prägung, nicht zuletzt um - damals herrschten die Engländer am Nil und anderswo in der Region - kulturelle westliche Einflüsse in der ägyptischen Gesellschaft einzudämmen. Der Muslimbruder Sajjid Qutb, den Präsident Nasser zunächst inhaftieren und 1966 hinrichten ließ, wurde dann schon zu einem der Stammväter des militanten Islamismus. Seine Bücher, etwa der berühmte Traktat „Wegmarken“ („mazalim al tariq“), werden bis heute überall in der islamischen Welt rezipiert.
In den siebziger Jahren spalteten sich von den für illegal erklärten, aber weiterexistierenden Muslimbrüdern kleinere Organisationen ab, denen die „Ikhwan“ zu gemäßigt waren, etwa die Gruppe „Takfir wa Higra“ - „Für ungläubig erklären und auswandern“ und der Islamische Dschihad. Stichwortgeber dieser Gruppen, aus deren Reihen auch der Mörder des ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat, Khalid al Islambuli, stammte, war der blinde Scheich Omar Abdal Rahman. Sadat wurde am 6. Oktober 1981 in dem Kairoer Stadtteil Abbassija erschossen, während er die Parade aus Anlaß des Jahrestages des Oktoberkrieges von 1973 abnahm. Die Islamisten warfen ihm vor, durch seinen Friedensvertrag mit Israel in Camp David 1979 den Islam „verraten“ zu haben und die „wahren Muslime“ zu unterdrücken. Sadat hatte zunächst, als Gegengewicht zur Linken, die Muslimbrüder gefördert, sie dann aber wieder in ihre Schranken zu weisen versucht und viele von ihnen ins Gefängnis geworfen.
Das neue Heidentum
Die islamistische Ideologie sieht in den gegenwärtigen Zuständen in der islamischen Welt ein neues „Heidentum“ („dschahilija“), das es zu bekämpfen gelte, so wie seinerzeit schon der Prophet Mohammed das altarabische Heidentum bekämpft und den Islam gestiftet habe. Zum „Heidentum“ gehören vor allem westlich orientierte Reformen, die Trennung von Religion und Staat sowie eine an der weitgehend westlichen Moderne orientierte Lebensweise, die sich mit der Globalisierung ausbreitet. In den Augen der Islamisten richtet sich all dies bewußt gegen den Islam und will ihn von innen und außen zerstören, um dann über ihn herrschen zu können. Sie sehen die westliche Politik im Nahen Osten in einer Linie mit den mittelalterlichen Kreuzzügen, dem Kolonialismus und dem Imperialismus. Hinzu kommt die Existenz Israels, das als fünfte Kolonne des Westens und Vorposten der „amerikanischen Religion“ (mit Individualismus, Demokratie und Gewaltenteilung) angesehen wird, als ein Staat, den die modernen „Kreuzfahrer“ dort etabliert haben.
Wichtigster Stichwortgeber der ägyptischen, dann auch anderer Dschihadisten von Marokko bis zum Hindukusch ist der blinde Scheich Omar Abdal Rahman geworden, der schon 1993 hinter dem ersten Versuch stand, das World Trade Center in New York zu zerstören, und in Amerika eine Gefängnisstrafe von vier Jahren verbüßte. Scheich Omar hatte an der berühmten Kairoer Al-Azhar-Moschee und -Universität studiert und in einer umfangreichen Arbeit dargelegt, der religiöse Begriff des „dschihad“ werde heute von den Muslimen völlig falsch verstanden. Unter dem Einfluß des Westens, um diesem zu gehorchen oder den westlichen Ländern schönzutun, verwende man diesen Begriff nur noch verharmlosend und rein defensiv und apologetisch, in einem geistig-kulturellen Sinne.
Der „kleine“ und der „große Dschihad“
Tatsächlich handelt es sich bei diesem Terminus um eine komplexe Angelegenheit. Der Prophet Mohammed selbst führte das Schwert gegen seine mekkanischen und andere Widersacher in etlichen Scharmützeln und Schlachten und war insofern ein „bewaffneter Prophet“. Seine Nachfolger, die Kalifen, dehnten den Herrschaftsbereich des Islams mit Waffengewalt aus und schufen in wenigen Jahrzehnten ein Weltreich. Dschihad - der sogenannte Krieg und Kampf um des Islams willen - hat in der Geschichte des Islams sowohl defensive als auch aggresssive Formen gezeitigt. Als allgemeine „Bemühung um den Glauben“ konnte man ihn freilich auch quietistisch auslegen. In der Mystik hatte er mit Aggression nichts zu tun, sondern meinte die Konzentration des Mystikers, des Sufis, auf die innere Erfahrung Gottes und auf die Verwirklichung ethischer Ziele. Die Tradition unterschied zwischen dem „kleinen“ und dem „großen Dschihad“, um die jeweiligen Bereiche zu trennen und die Unterschiede kenntlich zu machen. Die Eroberungskriege der Osmanen auf dem Balkan, in Nordafrika und sporadisch gegen Süditalien seit dem frühen 14. Jahrhundert waren typische Beispiele für die aggressive Auslegung des Begriffes „dschihad“, während der Krieg etwa des kaukasischen Imams Schamil in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen das Vordringen der Russen defensiven Charakter hatte.
Scheich Omar Abdal Rahman legte in seiner Arbeit, die zweitausend Seiten umfassen soll, dar, die ursprüngliche Bedeutung von Dschihad sei immer offensiv gewesen, ungeachtet späterer Verbiegungen und Verflachungen. Deshalb sei allein eine aggressive Auslegung gerechtfertigt. Daraus schließen die Dschihadisten, daß sie die religiöse Pflicht haben, Abtrünnige unter den Muslimen ohne Wenn und Aber zu bekriegen, vor allem aber auch den Herrschafts- und Geltungsbereich des islamischen Gesetzes, der Scharia, auf der ganzen Welt, wenn nötig mit Gewalt zu verbreiten. Nur dies sei die reine Lehre des Propheten gewesen. Die überwiegende Mehrheit der Ägypter lehnt solche Vorstellungen ebenso ab wie den blutigen Terrorismus der Dschihadisten, unter dem Muslime am meisten zu leiden haben.