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Adenauer-Attentat Ein später Freund

12.07.2006 ·  Jakow Hewel war der wichtigste Partner von Elieser Sudit, Haupttäter des geplanten Attentats auf Bundeskanzler Adenauer im Jahre 1952. Hewels Leben nahm aber später eine überraschende Wende. Er wurde zum Anhänger Deutschlands.

Von Henning Sietz, Berlin
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Nachdem Elieser Sudit sich als Haupttäter des Bombenattentats auf Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. März 1952 bezichtigt hat, gibt es neue Informationen über seinen wichtigsten Partner Jakow Hewel - jenen Mann, der mit seinen Decknamen „Lutan“, „Alfred“, „Dan“ und „Louis“ die deutschen Ermittler jahrelang zum Narren hielt. Sein Leben nahm eine überraschende Wende.

Jakow Hewel, der im April 2002 in Montreal starb, hatte in Deutschland einen Freund, mit dem er fast zwanzig Jahre in einem politischen Meinungsaustausch stand: Erich H. Sontag aus Bad Godesberg. Sontag, 1930 in Frankfurt geboren, 1944 am Westwall als Kindersoldat mit der Panzerfaust eingesetzt, hatte 1954 Deutschland verlassen, um in Süd- und Mittelamerika sein Glück zu suchen. Schließlich ging er in die Vereinigten Staaten, wo er in der Medizintechnik sein Geld verdiente. 1974 kehrte er nach Deutschland zurück - als „Patriot“, wie er sagt. Nebenbei pflegte er seine Interessen: Israel, das Judentum, Deutschland, politische Plakatkunst sowie Desinformationsforschung im Kalten Krieg.

„Mal in Zürich, mal in Paris“

Sontag berichtet, daß nach einer Diskussionsveranstaltung in Frankreich Anfang der achtziger Jahre ein Unbekannter auf ihn zugekommen sei, sich als Dan Nimrod vorgestellt und ihm verkündet habe: „Sie sind mein Mann in Deutschland!“ So begann für Sontag die ehrenamtliche Arbeit als „Korrespondent“ in einem Netzwerk von Meinungsträgern, die das politische Geschehen weltweit aus der Perspektive Israels kommentierten. Die Ergebnisse dieses Schriftwechsels mit etwa fünfzig Fachleuten in der ganzen Welt liegen heute als „Nimrod-Forum“ im Historischen Archiv der Stadt Köln und in der Gelman's Library der George Washington University in Washington. Nebenbei gründete Sontag 1979 das Politische Plakatmuseum Bonn, das bis 1984 existierte.

Bei der Lektüre des Buches „Attentat auf Adenauer“ war Sontag auf den Namen seines kurz zuvor in Kanada verstorbenen Freundes Dan Nimrod gestoßen. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, weil er nun eine seltsame Attitüde Nimrods verstand: „Wir haben uns mehrmals im Ausland getroffen, mal in Zürich, mal in Paris. Ich hatte immer das Gefühl, daß er Deutschland mied. Dabei hatte er gar nichts gegen Deutschland, im Gegenteil. Er zeigte vielmehr deutliche Sympathien für die deutsche Nachkriegsgeneration.“ Sontag nimmt heute an, daß Nimrods Beteiligung am Attentat auf Adenauer der Grund gewesen sein könnte, warum er einen weiten Bogen um Deutschland machte.

Untergrundarbeit in Europa

„Lutan“ alias Jakow Hewel führte ein bewegtes Leben. 1923 in Kowel in Ostgalizien geboren, verließ er mit 15 Jahren sein dem Chassidismus nahestehendes Elternhaus, um in Palästina den zionistischen Traum der Besiedlung des biblischen Landes zu leben. Sein Weg führte ihn von der zionistischen Jugendorganisation Betar zur rechtszionistischen Untergrundorganisation „Irgun Zwai Leumi“ (Nationale Militärorganisation), auch „Etzel“ genannt, die ab 1943 unter dem Kommando von Menachem Begin stand. 1941 meldete sich Hewel freiwillig zur britischen Armee und diente bis 1945 in der Jüdischen Brigade in Nordafrika und in Italien. Kurz nach Kriegsende desertierte er, um die Untergrundarbeit des Etzel in Europa aufzubauen. Es ging vor allem um die Einwanderung von Juden aus Osteuropa über Österreich und Italien nach Palästina, die Großbritannien mit nahezu allen Mitteln zu verhindern suchte.

Zunächst war Hewel in München tätig, wo er aufgrund seiner radikalen Einstellung fast alle Kontaktleute gegen sich aufbrachte. 1946/47 leitete er den Irgun in Italien. Nachdem er sich an der Erschießung eines mutmaßlichen Verräters aus den eigenen Reihen beteiligt hatte, holte ihn 1947 sein Freund Jakow Farshtej, einer der Chefs der „zweiten Front“ des Etzel in Europa, in die Zentrale nach Paris. Fortan beschaffte Hewel Waffen für Palästina und bildete Kämpfer aus, die er im Sommer 1948 auf dem Frachter „Altalena“ nach Palästina begleitete. David Ben Gurion sah dieses Schiff als militärische Provokation und stellte die Machtfrage. Nach tagelangem Tauziehen streckte Menachem Begin die Waffen, die Niederlage vergaß er seinen Lebtag nicht.

Sprengstoff im Gepäck

In Begins erbittertem Kampf gegen den „Shilumim“, die Wiedergutmachungszahlungen aus Deutschland (siehe auch: Begin war Auftraggeber für Attentat auf Adenauer), erkor Elieser Sudit seinen Jugendfreund Jakow Hewel als Partner für die geplanten Bombenattentate gegen Adenauer und die deutsche Delegation im holländischen Wassenaar, dem Ort der Verhandlungen. Da man knapp bei Kasse war, reiste zunächst Sudit mit dem Sprengstoff im Gepäck nach Frankreich, Hewel folgte später nach. In Paris beschaffte sich Hewel über seine alten Kontakte bei der Polizeipräfektur Paris einen Paß für Staatenlose mit anderem Namen und machte sich mit der Paketbombe auf den Weg nach München. Bis heute ist ungeklärt, warum er unterwegs in Frankfurt einen Textilkaufmann aufsuchte. Nächstes Reiseziel war Österreich, wo ihm ein ehemaliger, mit dem kleinen Grenzverkehr vertrauter Irgun-Mann nach Bayern half. In München suchte Hewel die Brüder Kronstein auf. Mit Josef Kronstein, dem älteren der Brüder, erkundete er am späten Nachmittag des 26. März 1952 das Terrain um den Hauptbahnhof.

Am Tag darauf mietete ein „Mario Mirelli“ in der Pension „Daheim“ in der Schillerstraße ein Zimmer und übergab kurz darauf am Hauptbahnhof zwei Jungen das Paket mit der Bombe, die kurz darauf im Keller des Polizeipräsidiums explodierte und den Brandmeister Karl Reichert tötete. Wer jener Unbekannte war - Josef Kronstein oder Jakow Hewel - wird sich wohl nie klären lassen. Über Wien reiste Hewel zurück nach Paris, wo sich die Lage inzwischen zugespitzt hatte. Mit Farshtejs Hilfe konnte Hewel aus Frankreich flüchten. Kurz darauf verhaftete die französische Kriminalpolizei Sudit, Farshtej und einige andere Israelis.

Nervtötende Kleinarbeit

Mit Jakow Hewel taten sich die bayerischen Kriminalbeamten schwer. In nervtötender Kleinarbeit ermittelten sie nach Jahren ein paar Details über jenen rätselhaften „Lutan“ - daß er aus Kowel stammte, als Etzel-Aktivist unter dem Namen „Alfred“ in München gearbeitet und in der Lucile-Grahn-Straße in Untermiete gewohnt hatte. Man erfuhr sogar, daß seine Frau in Israel bei der Gewerkschaft arbeitete. Doch als die Ermittler sich bei britischen Behörden über einen Soldaten der Jüdischen Brigade mit Namen Lutan erkundigten, war die Auskunft negativ: Einen Lutan habe es dort nicht gegeben. Sie hätten nach Jakow Hewel fragen sollen.

Jakow Hewel dachte radikal und polarisierte sein Leben lang die Menschen seiner Umgebung. Man konnte nur für ihn sein - oder gegen ihn. Politisch war er mitunter von großer Weitsichtigkeit. Als Menachem Begin Mitte der fünfziger Jahre als Vorsitzender der „Cheruth“-Partei ohne politische Perspektive war, schlug Hewel ihm ein Bündnis aller nichtsozialistischen Parteien vor. Begin und seine Parteifreunde lehnten ab, es kam zum Zerwürfnis.

Überzeugt davon, daß er in der Diaspora mehr für Eretz Israel tun könne, verließ Hewel Israel, um sich in Montreal in Kanada unter dem Namen Dan Nimrod niederzulassen. In Israel verschoben sich 1965 die politischen Kräfteverhältnisse, die Cheruth bildete mit den Liberalen den Gahal-Block, der Begin ein Ministeramt einbrachte; 1973 entstand im Zusammenschluß mit anderen rechtskonservativen Parteien der Likud-Block, der Begin zum Ministerpräsidenten wählte. Es war genau zu jenem Bündnis gekommen, das Hewel Mitte der fünfziger Jahre vorgeschlagen hatte.

Verkannter Prophet, einsamer Rufer

In Montreal gründete Dan Nimrod den Verlag Dawn Publishing und arbeitete als Publizist für jüdische Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für den „Canadian Jewish Herald“, die in New York erscheinenden Zeitungen „The Jewish Press“ und „The Jewish Week“ sowie die israelischen Zeitschriften „Cheruth“, „Haboker“ und „Nativ“. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Hebräisch-Lehrer, was bei ihm nur heißen konnte: Lehre im Judentum, Kampf für Israel. Im Laufe der Jahre rief er einen weltweit tätigen Korrespondenten-Kreis ins Leben, der das politische Geschehen in der Welt kommentierte. Man verstand sich als geistige Elite von Insidern, wurde aber von der internationalen Medienwelt nicht wahrgenommen. In dieser Gruppe und ihrem Umfeld wurde Dan Nimrod zu einer Art Kultfigur. Er war der verkannte Prophet, verehrt als einsamer Rufer in der Wüste.

Weil die Existenz Israels im Denken Nimrods an oberster Stelle stand, erkannte er irgendwann, wie wichtig die Wiedergutmachungszahlungen an Israel gewesen waren. Sie hatten die Wirtschaft Israels angeschoben, vielleicht sogar die Existenz des Staates gerettet. Wann dieser Sinneswandel stattfand, ist ungewiß. Sicher ist jedoch, daß Deutschland in seinem Denken eine positive Bedeutung hatte. Noch heute kann sich Erich Sontag an einen Brief Nimrods erinnern, nachdem Deutschland insgeheim Waffen an Israel geliefert hatte: „Nimrod war dankbar dafür.“ Er sah in Deutschland eine „nie endende Bereitschaft, finanzielle Forderungen anzuerkennen“ - sie würde „den Makel des Holocaust keinen Deut verringern, vielmehr immer nur neue Anschuldigungen und Geldforderungen verursachen“.

Quelle: F.A.Z., 12.07.2006, Nr. 159 / Seite 2
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