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Veröffentlicht: 31.05.2017, 11:12 Uhr

#80Prozent Wer sind die „kleinen Leute“?

Politiker behaupten gern vollmundig, sie setzten sich für die „kleinen Leute“ ein. Doch wen meinen sie überhaupt damit? Ein Klärungsversuch – im Lexikon für Erstwähler, Teil 4.

von Friederike Haupt
© dpa Will einen Wahlkampf für „die kleinen Leute“ führen: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in einer mittelständischen Fischfabrik in Eckernförde

Wenn es darum geht, wer eine Wahl entscheidet, sprechen Politiker und Journalisten oft von „kleinen Leuten“. Aber niemand sagt dazu, wen genau er damit meint. Aus gutem Grund. Wer von „kleinen Leuten“ spricht, will nichts erklären, sondern an ein Gefühl appellieren: „Kleine“ brauchen Hilfe, und wer ihnen hilft, ist gut. Ein Beispiel von vielen: Als CDU und SPD vor dreieinhalb Jahren beschlossen, gemeinsam zu regieren, schrieben sie einen Koalitionsvertrag. Der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte zufrieden, die große Koalition habe einen „Vertrag für die kleinen Leute“ gemacht.

Für Arme? Für Facharbeiter? Für Arbeitslose? Fest steht nur, dass weder Kinder noch Leute von geringer Körpergröße gemeint waren. Ein Klärungsversuch: Was sagen die Parteien selbst, wenn man sie fragt, ob sie sich als Kleine-Leute-Partei verstehen, und wenn ja, warum?

Hier die Antworten. Sie sind schwer zu verstehen; es ist so, als ob man Köche nach einem Rezept für heißen Brei fragt und sie einem antworten, wie man kalten Brei macht oder wer besonders gerne Brei isst. Trotzdem lohnt es sich, sie zu lesen. Denn dann versteht man das Problem der Parteien mit den „kleinen Leuten“.

Was die Parteien unter dem „kleinen Mann“ verstehen

Die CDU schreibt: „Die CDU ist die Volkspartei der Mitte. Es ist unser Anspruch, niemals Politik für nur eine bestimmte Gruppe, sondern immer für alle zu gestalten. Der viel zitierte ,kleine Mann‘ und der ,Manager‘ leisten beide ihren wertvollen Beitrag, damit Deutschlands Wohlstand und Zukunft gesichert werden. Wir kümmern uns um den Ausgleich der verschiedenen Interessen nicht nur dieser beiden Gruppen, sondern aller.“

Heißt: Alle sind wichtig, also sowohl der „kleine Mann“ als auch der „große Mann“, wer auch immer das jeweils ist, was, da alle wichtig sind, egal ist.

Die SPD windet sich am Telefon und antwortet schließlich mit einem Zitat ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz: „Mir ist wichtig, dass […] die hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten, die sich um ihre Kinder und oft auch um ihre Eltern kümmern, die manchmal trotz zweier Einkommen nur so gerade über die Runden kommen, dass wir diese Menschen und ihre Sorgen in den Mittelpunkt unserer Politik stellen.“

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Heißt: Die SPD ist für „kleine Leute“, besonders, wenn man darunter hart arbeitende Menschen mit Familien versteht, manchmal auch solche, bei denen das Geld nur gerade so reicht.

Die Grünen fragen mehrmals nach, worauf die Frage abziele, Sozialpolitik? Entfremdung?, und schreiben schließlich: „Der Begriff ,kleine Leute‘ macht eine Unterscheidung zwischen oben und unten auf und wird gerne mal populistisch gebraucht. Er fordert aber zu Recht von der Politik ein, sich nicht an den Interessen weniger zu orientieren. Grüne Politik zielt auf alle Menschen ab. Dabei ist uns egal, ob sie groß, klein, dick oder dünn sind. Allen wollen wir ein selbstbestimmtes Leben in Würde, in einer intakten Welt und ohne Armut ermöglichen.“

Die FDP sieht „kleine Leute“ als Beleidigung an

Heißt: Alle sind wichtig. Also wie bei der CDU. Und der Begriff „kleine Leute“ verweist auf viele Leute. Offen bleibt, welche Politik sich an den Interessen weniger orientiert. Fast niemand würde eine Millionärspartei wählen. Deswegen gibt es sie nicht.

Die FDP antwortet deutlich. Sie teilt mit, sie mache sich den Begriff „kleine Leute“ nicht zu eigen. Diese Haltung werde in Interviews mit dem Parteivorsitzenden Christian Lindner deutlich, etwa in folgender Aussage: „Ich kenne in Deutschland keine kleinen Leute, ich kenne nur Bürgerinnen und Bürger. Die haben vielleicht ein schmales oder ein besser gefülltes Portemonnaie, aber man sollte den Menschen nicht die Würde absprechen, indem man sie zu kleinen Leuten degradiert.“

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Quelle: wahlrecht.de
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