http://www.faz.net/-ii0-8ycme

#80Prozent : Wer sind die „kleinen Leute“?

  • -Aktualisiert am

Will einen Wahlkampf für „die kleinen Leute“ führen: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in einer mittelständischen Fischfabrik in Eckernförde Bild: dpa

Politiker behaupten gern vollmundig, sie setzten sich für die „kleinen Leute“ ein. Doch wen meinen sie überhaupt damit? Ein Klärungsversuch – im Lexikon für Erstwähler, Teil sieben.

          Wenn es darum geht, wer eine Wahl entscheidet, sprechen Politiker und Journalisten oft von „kleinen Leuten“. Aber niemand sagt dazu, wen genau er damit meint. Aus gutem Grund. Wer von „kleinen Leuten“ spricht, will nichts erklären, sondern an ein Gefühl appellieren: „Kleine“ brauchen Hilfe, und wer ihnen hilft, ist gut. Ein Beispiel von vielen: Als CDU und SPD vor dreieinhalb Jahren beschlossen, gemeinsam zu regieren, schrieben sie einen Koalitionsvertrag. Der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte zufrieden, die große Koalition habe einen „Vertrag für die kleinen Leute“ gemacht.

          Für Arme? Für Facharbeiter? Für Arbeitslose? Fest steht nur, dass weder Kinder noch Leute von geringer Körpergröße gemeint waren. Ein Klärungsversuch: Was sagen die Parteien selbst, wenn man sie fragt, ob sie sich als Kleine-Leute-Partei verstehen, und wenn ja, warum?

          Hier die Antworten. Sie sind schwer zu verstehen; es ist so, als ob man Köche nach einem Rezept für heißen Brei fragt und sie einem antworten, wie man kalten Brei macht oder wer besonders gerne Brei isst. Trotzdem lohnt es sich, sie zu lesen. Denn dann versteht man das Problem der Parteien mit den „kleinen Leuten“.

          Was die Parteien unter dem „kleinen Mann“ verstehen

          Die CDU schreibt: „Die CDU ist die Volkspartei der Mitte. Es ist unser Anspruch, niemals Politik für nur eine bestimmte Gruppe, sondern immer für alle zu gestalten. Der viel zitierte ,kleine Mann‘ und der ,Manager‘ leisten beide ihren wertvollen Beitrag, damit Deutschlands Wohlstand und Zukunft gesichert werden. Wir kümmern uns um den Ausgleich der verschiedenen Interessen nicht nur dieser beiden Gruppen, sondern aller.“

          Heißt: Alle sind wichtig, also sowohl der „kleine Mann“ als auch der „große Mann“, wer auch immer das jeweils ist, was, da alle wichtig sind, egal ist.

          Die SPD windet sich am Telefon und antwortet schließlich mit einem Zitat ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz: „Mir ist wichtig, dass […] die hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten, die sich um ihre Kinder und oft auch um ihre Eltern kümmern, die manchmal trotz zweier Einkommen nur so gerade über die Runden kommen, dass wir diese Menschen und ihre Sorgen in den Mittelpunkt unserer Politik stellen.“

          Stellen Sie uns Ihre Fragen!
          Stellen Sie uns Ihre Fragen!

          Mit der Initiative „80 Prozent für Deutschland“ ruft die F.A.Z. Erstwähler auf, ihre Stimme bei der Bundestagswahl abzugeben. Stellen Sie uns Ihre Fragen zur Wahl, egal wie vermeintlich peinlich sie erscheinen – F.A.Z.-Redakteure recherchieren und antworten fundiert. Schr

          Initiative-80-Prozent@faz.de

          Heißt: Die SPD ist für „kleine Leute“, besonders, wenn man darunter hart arbeitende Menschen mit Familien versteht, manchmal auch solche, bei denen das Geld nur gerade so reicht.

          Die Grünen fragen mehrmals nach, worauf die Frage abziele, Sozialpolitik? Entfremdung?, und schreiben schließlich: „Der Begriff ,kleine Leute‘ macht eine Unterscheidung zwischen oben und unten auf und wird gerne mal populistisch gebraucht. Er fordert aber zu Recht von der Politik ein, sich nicht an den Interessen weniger zu orientieren. Grüne Politik zielt auf alle Menschen ab. Dabei ist uns egal, ob sie groß, klein, dick oder dünn sind. Allen wollen wir ein selbstbestimmtes Leben in Würde, in einer intakten Welt und ohne Armut ermöglichen.“

          Die FDP sieht „kleine Leute“ als Beleidigung an

          Heißt: Alle sind wichtig. Also wie bei der CDU. Und der Begriff „kleine Leute“ verweist auf viele Leute. Offen bleibt, welche Politik sich an den Interessen weniger orientiert. Fast niemand würde eine Millionärspartei wählen. Deswegen gibt es sie nicht.

          Die FDP antwortet deutlich. Sie teilt mit, sie mache sich den Begriff „kleine Leute“ nicht zu eigen. Diese Haltung werde in Interviews mit dem Parteivorsitzenden Christian Lindner deutlich, etwa in folgender Aussage: „Ich kenne in Deutschland keine kleinen Leute, ich kenne nur Bürgerinnen und Bürger. Die haben vielleicht ein schmales oder ein besser gefülltes Portemonnaie, aber man sollte den Menschen nicht die Würde absprechen, indem man sie zu kleinen Leuten degradiert.“

          Weitere Themen

          Wie geht es weiter mit Schulz und der SPD? Video-Seite öffnen

          Livestream : Wie geht es weiter mit Schulz und der SPD?

          Nach ihrem historisch schlechten Wahlergebnis strebt die SPD die Opposition an. Welche Begründung hat Martin Schulz dafür? Und wie antwortet er auf das Angebot von Angela Merkel? Verfolgen Sie die ersten Reaktionen der Parteien im Livestream.

          Auf der Zinne  der Parthey

          Parteienlandschaft : Auf der Zinne der Parthey

          Die Parteien stehen hierzulande nicht im besten Ruf. Doch neue Nachrichten aus dem politischen Archiv des Vormärz mehren die Zweifel am Mythos eines generellen deutschen Anti-Parteien-Affekts seit dem 19. Jahrhundert. Vor allem Heinrich Heine war ein kritischer Freund der Parteien.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.