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Veröffentlicht: 09.05.2017, 13:14 Uhr

#80Prozent für Deutschland Warum habe ich zwei Stimmen?

Verwirrung durch den Wahlzettel: Wo kommt das Kreuzchen hin, was will uns die Erststimme sagen, was die Zweitstimme? Wir klären zur Bundestagswahl auf – in unserem Lexikon für Erstwähler. Teil zwei.

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© Picture-Alliance Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele lebt in seiner eigenen Wahlkampfwelt – personalisiert und mit Distanz zur eigenen Partei, hier 2013. Mit Erfolg.

Wofür hat man eigentlich die Erststimme, was soll die Zweitstimme auf dem Zettel zur Bundestagswahl? Für jeden Wähler ist das die erste Frage, manchmal gar nicht so leicht zu durchschauen – und das betrifft nicht nur Erstwähler. Kurz erklärt: Mit der Erststimme auf der linken Seite des Zettels wählt man den Abgeordneten des Wahlkreises, in dem man seine Stimme abgibt, und mit der Zweitstimme auf der rechten Seite der Wahlunterlagen wählt man die Landesliste der Partei. 

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Das klingt ziemlich abstrakt und öde – ist es aber nicht: Denn hinter dem System mit einer Erst- und einer Zweitstimme steckt eine spannende Mischung aus kleinen politischen „Fürstentümern“, in dem ein direkt gewählter Abgeordneter „regiert“, und den Parteien, die Listen mit Kandidaten aufstellen, die später im Bundestag sitzen sollen. Beide Ebenen arbeiten zusammen, korrigieren und helfen sich gegenseitig, manchmal bekriegen sie sich, was in der Mischung gut für die Demokratie ist. 

Erstwählerlexikon

Warum lohnt es sich immer, zur Wahl zu gehen? Was machen Abgeordnete eigentlich den ganzen Tag? Und was ist der Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme? FAZ.NET erklärt, was man wissen muss.

Und das funktioniert so: Deutschland ist derzeit in 299 Wahlkreise eingeteilt. Das sind mehr oder minder große Gebiete, manche ländlich, manche städtisch geprägt. Die großen und manchmal auch die kleinen Splitterparteien stellen in jedem dieser Wahlkreise einen Direktkandidaten auf. Der Name der Frau oder des Mannes ist auf dem Wahlzettel mit der Partei, für die sie oder er antritt, eingezeichnet.

Dafür ist die Erststimme gut

Manchmal ist es gar nicht so leicht, geeignete Kandidaten zu finden, erst recht in einem Gebiet, in dem es eine Partei besonders schwer hat: Im Wahlkreis Dessau-Wittenberg in Sachsen-Anhalt zum Beispiel war es für die SPD gar nicht leicht, einen Kandidaten für die kommende Bundestagswahl im September zu finden – also wurde ein SPD-Politiker aus Berlin, der rheinische Wurzeln hat, gefragt. Stefan Stader tritt dort nun an. In der Eifel, in Bitburg-Prüm, schaltete die SPD sogar eine Stellenanzeige, weil sich kein geeigneter Kandidat fand. Im anschließenden Casting setzte sich schließlich Jan Pauls als Direktkandidat durch. Ein Auftrag in schwieriger Mission: In Bitburg hat seit 50 Jahren immer der CDU-Kandidat gewonnen, seit 2009 sitzt der CDU-Politiker Patrick Schnieder für den Eifel-Kreis im Bundestag.

Umfrage zur Bundestagswahl

, Umfrage von:
Quelle: wahlrecht.de Alle Ergebnisse aus Bund und Ländern

Bewerber für den Job des Wahlkreisabgeordneten müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Die Parteien im Wahlkreis küren ihren Kandidaten in einer geheimen Wahl. Manchmal, wenn sich mehrere Bewerber finden, kann es zu Kampfabstimmungen kommen. Es ist auch möglich, ohne Partei im Rücken anzutreten. Wer das vorhat, muss mindestens 200 Unterschriften zusammenbringen und wissen, was er sich antut: Denn Direktkandidaten opfern viel Freizeit und auch Geld für ihre Kandidatur. Ohne eine Partei zur Unterstützung ist das noch anstrengender.

Fleiß ist wichtig, Geduld – und Standvermögen im wahrsten Sinne des Wortes: Die Kandidaten stehen während des Wahlkampfes häufig an den Supermärkten, um Flyer zu verteilen und mit potentiellen Wählern ins Gespräch zu kommen. Nicht jede Begegnung ist sympathisch, gerade Kandidaten, die neu im Politgeschäft sind, müssen erst lernen, was es heißt, an einem Wahlkampfstand auch mal beschimpft zu werden. Wahlkreisabgeordnete werden dabei von manchen Wählern für sämtliche Themen in Haftung genommen, selbst wenn sie als Bundespolitiker wenig Einfluss auf den verschleppten Ausbau einer Umgehungsstraße haben dürften.

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Sei's drum, letztlich bekommt derjenige einen Platz im Bundestag, der die meisten Erststimmen in seinem Wahlkreis erhält. Für die Wähler ist der Abgeordnete damit der Vertreter „der Politik“ und muss möglichst alle Themen drauf haben, die die Menschen bewegen – vom G8- oder G9-Abitur (eigentlich Ländersache) über eine funktionierende Müllabfuhr (eigentlich Sache der Kommunen) bis hin zur Flüchtlingspolitik (Querschnittsaufgabe) und Verteidigung (Bund). Eine Mammutaufgabe für Allrounder. Fluch, aber auch Reiz in der Vielfalt der Aufgaben.

Die Freiheit der direkt gewählten MdBs

Wer es dann geschafft hat und offiziell seinen Platz in Berlin eingenommen hat, darf sich endlich „Mitglied des Deutschen Bundestags, MdB“ nennen. Direkt gewählte MdBs haben den Vorteil, dass sie besonders legitimiert sind, nämlich direkt durch den Willen der Wähler. Das kann man ihnen auch nicht so leicht nehmen, was die Partei der Kandidaten oftmals zu spüren bekommt, wie man am Beispiel von Christian Ströbele sehen kann.

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