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KZ-Häftling Alexander Bergmann : Das Ende einer Höllenfahrt

Flucht durch die Ruinen: Das stark zerstörte Magdeburg ist Alexander Bergmanns erster Zufluchtsort Bild: Picture-Alliance

Am 11. April 1945 stoßen die Amerikaner Richtung Magdeburg vor. Alexander Bergmann, Gefangener im Außenlager des KZ Buchenwald, hofft auf sie – und fürchtet, in letzter Minute von der SS ermordet zu werden.

          Der 11. April 1945 beginnt im Magdeburger Außenlager des KZ Buchenwald wie jeder andere, grausame Tag. Nach Verabreichung eines trüben Gesöffs, das die Aufseher Kaffee nennen, erhalten die knapp 800 Häftlinge den Befehl zum Aufstellen. Angetrieben von den Schreien und Schlägen der SS-Männer, nehmen die Reihen Gestalt an. Es sind Reihen ausgezehrter Menschen in gestreiften Häftlingsanzügen, Anzügen und Mützen. An den mit Lumpen umwickelten Füßen tragen sie Holzpantinen. „Ich war einer von ihnen.“ Alexander Bergmann begrüßt den deutschen Gast in seiner Wohnung unweit des Stadtzentrums mit Handschlag. Sein Gang ist unsicher, aus dem Haus wagt sich der 89 Jahre alte Rechtsanwalt nur noch selten. Doch die Erinnerungen an das Ende seiner Höllenfahrt vor siebzig Jahren klingen aus seinem Munde so, als ob er alles erst kürzlich erlebt hätte.

          Bergmann stammt aus Riga. Er ist Jude und, als die Deutschen die lettische Hauptstadt im Juli 1941 besetzen, gerade 16 Jahre alt. Dass er im Frühjahr 1945 noch lebt, grenzt an ein Wunder. In den vier Jahren als Gefangener der Nazis hat er Unterernährung, Misshandlungen und Zwangsarbeit ausgehalten. Auch den Mordaktionen der SS ist der kleingewachsene Junge entgangen. Aus einer Gruppe Kranker, die verbrannt werden sollen, holt ihn ein Kapo wieder heraus - weil zwei Personen zu viel gemeldet worden sind. Ein anderes Mal werden die angetretenen Häftlinge einfach abgezählt. Bergmann steht an der richtigen Stelle. Die beiden Häftlinge neben ihm werden ermordet. „Ich habe mich bemüht, nicht aufzufallen“, sagt Bergmann rückblickend. „Aber letztlich hatte ich einfach Glück.“

          KZ-Überlebender Bergmann : Sein Verhältnis zu den Deutschen

          Als Bergmann und seine Mithäftlinge am Morgen des 11. April von den SS-Leuten Schaufeln bekommen und Richtung Magdeburger Innenstadt marschieren, lebt nur noch sein Bruder Mika. Das Zentrum der Stadt an der Elbe mit einst 400 000 Einwohnern existiert nicht mehr. Am 16. Januar 1945 hat ein alliierter Bombenangriff Magdeburg in eine Trümmerwüste verwandelt. Adolf Hitler will, dass der große Schutthaufen gegen die anrückenden Amerikaner verteidigt und gehalten wird - mit Hilfe jener Menschen, deren Ausrottung sich das Dritte Reich und sein Führer auf die Fahnen geschrieben haben. Die Juden müssen aus Trümmern Panzersperren bauen. Die schwere Arbeit fordert den Häftlingen alles ab. Dabei erhalten Alexander Bergmann und seine Leidensgenossen pro Tag nichts außer einem Stück Brot und einer Suppe aus Abfällen und verfaulten Kartoffeln.

          Eineinhalb Stunden nach Beginn der Arbeit heulen die Sirenen. Für Alexander Bergmann ist das kein Grund aufzuschauen. Für gewöhnlich künden die Sirenen davon, dass Flugzeuge die Stadt in Richtung Berlin überfliegen. Doch dieses Mal klingt das Geheul anders. Aus  Zeitungsresten, die sie ihren Bewachern entwenden, wissen die Häftlinge, dass sich das Dritte Reich im Todeskampf windet. An der Oder treffen in diesen Stunden 2,5 Millionen Soldaten der Sowjetarmee letzte Vorbereitungen für einen gewaltigen Zangenangriff auf Berlin. Im Westen haben die Alliierten die 250 000 Mann umfassende Heeresgruppe B der Wehrmacht im Ruhrkessel eingeschlossen. Künden die Sirenen von der bevorstehenden Befreiung? Die Häftlinge beginnen zu diskutieren, bis eine Gruppe von Männern sich durch die Trümmer auf sie zubewegt. Es sind SS-Männer ihres Lagers. Bergmann stutzt. Keiner von ihnen trägt die schwarze SS-Uniform, die für ihn in den dreieinhalb Jahren seiner Gefangenschaft zum Symbol des Terrors geworden ist. Einige der Bewacher haben Uniformen der Wehrmacht angelegt, andere tragen Zivilkleidung. Alle sind schwer bewaffnet, auf ihren Oberarmen erblicken die Häftlinge Binden des Roten Kreuzes.

          Bilderstrecke

          Bergmann ist verwirrt. Er kennt diese Männer nur als Befehle bellende Ungeheuer, jederzeit bereit, Gefangene zu schlagen oder zu töten. Jetzt aber tritt einer der SS-Männer auf die Häftlinge zu und spricht sie in höflichem Ton an: Ein Angriff amerikanischer Panzer stehe unmittelbar bevor. Im Stadtzentrum sei es zu gefährlich. Er schlägt vor, ins Lager zurückzukehren. Dort warte ein Mittagessen. Auf dem Weg zurück denkt Bergmann über das merkwürdige Verhalten der SS-Männer nach und bleibt misstrauisch. Handelt es sich um einen perfiden Trick, um die Häftlinge kurz vor Ankunft der Amerikaner noch zu ermorden? Seine Erfahrungen sprechen dafür.

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