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Auschwitz-Prozess in Lüneburg : Spätes Recht

„Es geht nicht um Strafe“: Éva Pusztai-Fahidi und weitere Nebenkläger des Prozesses in Lüneburg Bild: Daniel Pilar

In Lüneburg ist ein Mann angeklagt, der das Geld der Menschen verwaltete, die in die Gaskammern von Auschwitz geschickt wurden. Warum erst jetzt?

          Es geht mir nicht um die Strafe“, sagt Eva Pusztai-Fahidi mit milder Stimme und blickt in die vor ihr aufgereihten Kameras. „Es geht mir um das Urteil.“ In ihrem weichen, ungarisch eingefärbten Deutsch erzählt Pusztai-Fahidi von der Zeit vor mehr als 70 Jahren. „Wer einmal in Auschwitz-Birkenau gewesen war, der weiß etwas, was niemand anderes wissen kann“, sagt Pusztai-Fahidi.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Sie wurde im Mai 1944 mit ihrer Familie in Viehwagons ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. An der Rampe wurden ihre Mutter und ihre kleine Schwester sofort in die Gaskammern geschickt. Eva und ihr Vater kamen in den Arbeitsdienst. Sie selbst hatte Glück, sie wurde nach sechs Wochen in ein Außenlager des KZ Buchenwald überstellt.

          Ihr Vater und der Rest der Familie blieben in Auschwitz, 49 Familienmitglieder verlor sie dort. Nach dem Krieg hatte sie keine Familie mehr. Jetzt sitzt Pusztai-Fahidi gemeinsam mit einer weiteren Auschwitzüberlebenden Hedy Bohm in dem kleinen, völlig überfüllten Gemeindesaal der Kirche Sankt Nicolai in Lüneburg, vor ihr Reporter aus aller Welt.

          Beihilfe zu 300.000-fachem Mord

          An diesem Dienstag beginnt vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess gegen Oskar Gröning. Ihm wird vorgeworfen, von September 1942 bis Oktober 1944 zur SS-Mannschaft im Vernichtungslager Auschwitz gehört zu haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft dem heute 93 Jahre alten Mann Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vor.

          Es geht um die sogenannte Ungarn-Aktion, mit der im Sommer 1944 innerhalb weniger Wochen etwa 425.000 ungarische Juden in 137 Eisenbahntransporten nach Auschwitz gebracht wurden. Etwa 300.000 von ihnen wurden gleich nach ihrer Ankunft in den Gaskammern getötet. Es ist möglich, dass Oskar Gröning an der Rampe stand, als Pusztai-Fahidis kleine Schwester und ihre Mutter in die Gaskammern geschickt wurden.

          Der Prozess gegen Oskar Gröning ist der erste Prozess gegen einen SS-Mann aus Auschwitz seit mehr als 20 Jahren. 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers und nach dem Ende der Nazi-Zeit wird noch einmal ein alter Mann wegen der Verbrechen von damals vor Gericht gestellt. Aber dieser Mann beteuert, selbst „kein Blut an den Händen“ zu haben. Gröning hat niemanden getötet, er gehörte noch nicht mal zu denen, die an der Rampe die Menschen für die Gaskammern selektierten.

          Die Tötungsmaschine am Laufen gehalten

          Gröning verwaltete das Geld, das die Menschen, die nach Auschwitz verschleppten worden waren, in ihrem Gepäck auf der Rampe zurücklassen mussten. Das Geld, das die Räumkommandos in den Kleidern fanden, die die Häftlinge vor den Gaskammern ausziehen mussten. Gröning war in der Gefangeneneigentumsverwaltung von Auschwitz tätig, der Buchhaltung des Menschheitsverbrechens. Durch seine Hände ging das Geld, das in den unterschiedlichsten Währungen aus ganz Europa nach Auschwitz gekommen war.

          Er führte Buch und schickte es in regelmäßigen Abständen nach Berlin. An der Rampe stand er nur, um dort das zurückgelassene Gepäck zu beaufsichtigen. Aber Gröning war jemand, der die Tötungsmaschine Auschwitz am Laufen hielt, obwohl er wusste, was dort geschah.

          Dass der Prozess gegen Gröning erst im Jahr 2015 beginnt, hat viel mit der Geschichte der bundesdeutschen Justiz zu tun und ihrer Schwierigkeit, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Nach dem Krieg war es zu einer kurzen Welle von Prozessen gegen NS-Verbrecher gekommen. Zunächst vor alliierten Militärgerichten, dann vor den Gerichten der wiedereingesetzten deutschen Justiz. Als Gröning 1948 aus britischer Gefangenschaft heimkehrte, war diese Welle schon fast abgeklungen. Der Geist der Adenauer-Ära setzte sich durch, die Vergangenheit sollte endlich ruhen. Gröning fand eine Anstellung als Lohnbuchhalter in einer Fabrik.

          Lüneburg : Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“

          Synonym für den Holocaust

          Erst mit der zweiten Welle der juristischen Aufklärung, die mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess Ende der fünfziger Jahre mehr durch Zufall in den Gang gekommen war, wurde offenkundig, dass noch viele Verbrechen ungesühnt waren und die Verbrecher unauffällig und angepasst in Deutschland lebten. Diese zweite Welle sollte mit dem großen Frankfurter Auschwitzprozess bis 1965 ihren Höhepunkt erreichen.

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