Vor 50 Jahren begann mit der Unterzeichnung der Abkommen von Évian zwischen Frankreich und der algerischen Befreiungsfront FLN der Weg Algeriens in die Unabhängigkeit. Am 19. März 1962 trat der Waffenstillstand in Kraft, der die Ablösung der zwei algerischen Départements vom französischen Mutterland vorbereiten sollte.
Auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Unterzeichnung bilden die „Accords d’Évian“ nicht den Ausgangspunkt einer gemeinsamen Erinnerungskultur in Algier und Paris. So verzichten die algerische und die französische Staatsführung darauf, in einer bilateralen Zeremonie der Abkommen zu gedenken. Mit Verweis auf die Wahltermine haben Präsident Sarkozy und Präsident Bouteflika vereinbart, das Gedenken auf „einen späteren Zeitpunkt“ zu verschieben. Bouteflika gehörte 1962 bei der Friedenskonferenz im Alpen-Kurort Évian am Genfer See zur Verhandlungsdelegation des FLN.
Verschämte Erinnerung
Dass die Erinnerung an das Ende des Algerien-Krieges so verschämt ausfällt, hat auf beiden Ufern des Mittelmeers vielschichtige Gründe. In Frankreich bleibt der Algerien-Krieg, der erst seit der Verabschiedung eines Gesetzes 1999 offiziell so genannt werden darf, ein ungeliebtes Kapitel der eigenen Geschichte. Obwohl Nicolas Sarkozy die „Gnade der späten Geburt“ zuteil wurde - er war 1962 sieben Jahre alt -, behagt ihm das Thema kurz vor der Präsidentschaftswahl nicht. Denn Frankreich bleibt zutiefst gespalten.
Die „pieds-noirs“ genannten Algerien-Franzosen erinnert der 19. März an den Exodus über das Mittelmeer und die schwierige Integration in das „Mutterland“. Für die algerischen Helfer der französischen Armee, die „Harkis“, markiert das Datum den Beginn ihrer Verfolgung durch die Befreiungsfront FLN. Algerien-Franzosen, Harkis und deren Nachfahren stellen insbesondere in den südlichen Regionen Provence-Alpes-Côte d’Azur und Languedoc-Roussillon wichtige Wählergruppen dar.
Eine jüngste Studie des Forschungszentrums Cevipof von Sciences Po hat ihren Anteil auf 7,3 Prozent der Gesamtbevölkerung errechnet. Die Algerien-Franzosen und Harkis stellen demnach ein Potential von 3,2 Millionen Wählern dar. Das mag erklären, warum Nicolas Sarkozy Ende vergangenen Jahres den früheren Putsch-Führer Hélie Denoix de Saint Marc sowie den Präsidenten von mehreren Harki-Verbänden, Hocine Chieb-Bouares, mit dem Großkreuz der Ehrenlegion auszeichnete.
Testgebiet für atomare Bewaffnung
1961 hatten sich die Ereignisse in Algerien überstürzt, das keine Kolonie, sondern nach damals gültiger staatsrechtlicher Auffassung die Fortsetzung Frankreichs auf der anderen Seite des Mittelmeers war. Am 22. April 1961 wurde Frankreich frühmorgens von der Meldung überrascht, dass in der Nacht einige Offiziere in Algier die Macht an sich gerissen hatten - unter ihnen der jetzt mit der höchsten Auszeichnung der Légion d’honneur von Sarkozy rehabilitierte Denoix de Saint Marc.
Staatspräsident de Gaulle reagierte sofort, ließ unter Rückgriff auf Artikel 16 der Verfassung die Bürgerrechte in Algerien aufheben und schuf Sondergerichte. Der Putsch brach rasch zusammen, überzeugte de Gaulle aber von der Notwendigkeit, den Algerien-Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Am 20. Mai 1961 begann in Evian eine Gesprächsrunde, die nach drei Wochen ergebnislos unterbrochen wurde. Haupthindernis war der Wunsch Frankreichs, die Kontrolle über die Sahara-Gebiete zu behalten, in der große Rohstoffreserven vermutet und die als Testgebiet für die atomare Bewaffnung gebraucht wurden.
Am 5. September 1961 erkannte de Gaulle bei einer Pressekonferenz die Sahara als algerisches Territorium an. Die Nutzung des Atombombentestgeländes sowie des Marinestützpunktes Mers-el-Kebir ließ sich Frankreich absichern. Am Abend des 18. März 1962 konnte de Gaulle seinen Landsleuten die Feuereinstellung für den nächsten Tag und zwei Volksabstimmungen ankündigen, am 8. April im Mutterland, am 1. Juli in Algerien. Am 19. März schwiegen zum ersten Mal seit siebeneinhalb Jahren die Waffen. Doch das Morden hatte kein Ende. Historiker schätzen die Zahl der algerischen Hilfssoldaten, die für ihren Dienst für Frankreich mit dem Verlust ihres Lebens büßten, zwischen 40.000 und 100.000. Offizielle Zahlen gibt es nicht.
„Spur der Barbarei“
Die „Harkis“ wurden als „Verräter“ und „Kollaborateure“ von den Milizen der Befreiungsfront umgebracht. Der Rachezug gegen die profranzösischen Hilfssoldaten war ein klarer Verstoß gegen die Abkommen von Évian, die alle Akte kollektiver und individueller Gewalt untersagten. Aber Frankreich verschloss die Augen angesichts des Schicksals der „Harkis“. Im Juli 1962 wurden in einer geheimen Anweisung „alle individuellen Initiativen, französische Muslime im metropolitanen Frankreich zu installieren, strengstens untersagt“.
Dennoch gelangten etwa 40.000 Harkis mit ihren Familien, insgesamt etwa 100.000 profranzösische Algerier, nach Frankreich. Sie wurden zunächst in Lagern interniert, erst spät erlangten sie volle Bürgerrechte. Als erstes französisches Staatsoberhaupt gestand Jacques Chirac am 25. September 2001 die „Unterlassungen“ des französischen Staates ein, welche die Massaker an den Hilfssoldaten ermöglicht hätten. „Die Massaker, die 1962 begangen wurden, werden für immer eine unauslöschliche Spur der Barbarei hinterlassen“, sagte Chirac. „Wir haben unsere Kinder nicht zu schützen vermocht“, sagte er. Der 25. September ist seither - und zum Ärger der algerischen Staatsführung - ein Tag zum Andenken an das Schicksal der Harkis.
Sarkozy lehnt Entschädigungszahlungen ab
Nicolas Sarkozy umwirbt die Familien der Harkis und Algerien-Franzosen gleichermaßen. Am 27. Februar ließ er ein Gesetz verabschieden, mit dem fortan Beleidigungen oder Diffamierungen der Harkis mit Geldstrafen bis zu 45.000 Euro sanktioniert werden können. „Das Vergessen darf sie (die Leidtragenden des Rückzugs aus Algerien) nicht ein zweites Mal töten“, sagte Sarkozy. Dennoch fühlen sich mehrere Verbände von Sarkozy getäuscht, weil sie keine Entschädigungszahlungen enthalten haben. „Sarkozy zieht die Öldollars der algerischen Befreiungsfront den Euros vor, die er den Opfern des 19. März zahlen sollte“, sagte der Generalsekretär des Verbandes „Jeune Pied-Noir“, Bernard Coli.
Sarkozy lehnt Entschädigungszahlungen ab: „Frankreich kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden.“ Die Weigerung Sarkozys, im Namen des „Französischen Staates“ eine Schuld an den „Verbrechen der Kolonisierung“ zu bekennen, belastet weiterhin das Verhältnis zum algerischen Regime. Präsident Bouteflika hat wiederholt verlangt, dass sich Frankreich zu seinen Kolonialverbrechen bekenne. In Nizza wies Sarkozy dies kürzlich zurück: „Die militärischen Interventionen Frankreichs in Algerien, das damals zum nationalen Territorium gehörte, wurden von der Republik Frankreich unternommen und von legitimen und demokratisch gewählten Regierungen geleitet“, sagte Sarkozy.
„Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“ Die Verhandlungen über einen französisch-algerischen Freundschaftsvertrag nach dem Vorbild des deutsch-französischen Elysée-Vertrages, die unter Präsident Chirac aufgenommen wurden, betrachten beide Seiten als gescheitert. Nicolas Sarkozy lehnt entschieden eine Diplomatie der Reue ab - und nimmt in Kauf, dass beide Länder in der Vergangenheitsbewältigung getrennte Wege gehen.