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300. Geburtstag: Unser Fritz Unser Fritz

 ·  Friedrich der Große könnte sich vom nationalen Mythos vollends in eine geschichtslose Ikone verwandeln. Es gibt nichts, was er nicht war. Auch Preußen ist kaum wiederzuerkennen.

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© dpa Was aus Friedrich dem Großen zu dessen 300. Geburtstag gemacht wurde, hätte sich vor Jahren selbst der glühendste Preuße nicht ausmalen können

Das waren noch Zeiten, als Deutschland bebte, wenn Preußens gedacht wurde. Die Auseinandersetzungen wurden geführt, als gehe es um die Grundfesten von Staat und Kultur. Es bedurfte dafür nicht einmal eines runden Geburtstages, es reichte schon, wenn aus einem mehr oder weniger nichtigen Anlass „preußische Tugenden“ gepriesen wurden. Zum letzten Mal zog dieser intellektuelle Schlachtenlärm vor zwanzig Jahren durchs Land, als die sterblichen Überreste Friedrichs des Großen nach Sanssouci übergeführt wurden, sozusagen mitten in die kommende "Berliner Republik" hinein. Doch es war, im gerade wiedervereinigten Deutschland, schon nicht mehr der bemüht hysterische Aufschrei, der den Ton in der Bundesrepublik immer dann angegeben hatte, wenn ein geschichtspolitischer Aufpasser betrübt feststellte, Preußen sei wieder schick. Die Umbettung von 1991 war vielleicht wirklich so etwas wie ein letztes historisches Begräbnis, das sagen sollte: Preußen ist tot.

Es lebe Preußen! Was aus Friedrich dem Großen zu dessen 300. Geburtstag gemacht wurde, hätte sich vor Jahren selbst der glühendste Preuße nicht ausmalen können. Der Preußenkönig ist zum Markenartikel geworden. Friedrich, der Pirat; Friedrich, der Schwule; Friedrich, das Genie; Friedrich, die Quietschente; Friedrich, der Multikulti; Friedrich, der Künstler; Friedrich, der Popstar. Ja, selbst das: Friedrich, die Frau. Gibt es noch etwas, das Friedrich der Große nicht war? Und das alles soll mit Preußen zu tun haben? Dieses Preußen ist nicht wiederzuerkennen.

Der ewige Widerspruch

Friedrich der Große war allerdings seit jeher nicht ganz das Preußen, das in Deutschland (im Westen) den politisch korrekten Gleichschritt aus dem Takt brachte. Der Alte Fritz war die personifizierte Widersprüchlichkeit, die "vielfach gebrochene, zwischen Selbstaufopferung und Zynismus schwankende Figur" (Joachim Fest), die sich der Verklärung, der Identifikation und der simplen Deutung entzog. In gewisser Weise war er schon immer - bei allen Hymnen, die blinde Verehrer auf ihn hielten - ein ganz Fremder und doch "einer von uns".

Der ewige Widerspruch, dass sich jede Zeit auf der Suche danach, wie sie aus der anscheinend doch immer selben Geschichte heraus zu erklären sei, ihre ganz eigene, ganz neue Geschichte schreibt, schien in seinem Fall irrelevant zu sein. Der immer neue ist doch immer wieder der Alte Fritz. Das ist beruhigend authentisch in Zeiten fortwährender Veränderungen. Wenn es also noch die Gefahr der Verklärung geben sollte, dann deshalb, weil sich Friedrich der Große vom nationalen Mythos vollends in eine geschichtslose Ikone verwandeln könnte.

Wird es so auch mit Preußen gehen? Die Art und Weise, wie in Deutschland mit Preußen umgegangen wird, ist etwas komplizierter. Noch immer ist die Versuchung groß, Gericht zu sitzen über eine Großmacht, in der Höhen und Tiefen deutscher Geschichte angeblich so angelegt waren wie in keiner anderen deutschen Macht. Dass dabei oft der Fehler gemacht wird, Größe, Glück, Tragik und Abgründe deutscher Geschichte in der Retrospektive für zwangsläufig zu halten, hilft dem Angeklagten nicht. Preußen mag sich deshalb wie sein größter König in eine tote touristische Attraktion verwandeln. Die geschichtslose Distanz, die trotz Faszination darin zum Ausdruck kommt, wird gegenüber Preußen nicht so leicht gelingen.

Wo bleiben Militarismus, Marschmusik und Menschenverachtung?

Denn es geht, da lagen die manchmal zermürbenden Auseinandersetzungen in einer sich immer wieder selbst vergewissernden Bundesrepublik durchaus richtig, tatsächlich um die Grundfesten von Staat und Kultur. Dafür hat das deutsch-slawische Königreich dann doch zu viele Spuren hinterlassen, ist Preußen zu sehr Teil deutscher Staatlichkeit geworden und durch alle Katastrophen hindurch geblieben. Nicht nur äußerlich im Sinne folgenreicher Ereignis- und Staatengeschichte, auch innerlich im Sinne des von Sebastian Haffner so genannten „Vernunftstaats“, der wie ein Meteor in Europa eingeschlagen und wieder verglüht sei, dessen Verwaltung, Beamtentum und Räson aber Maßstäbe gesetzt haben, an deren Abwägung wohl kein deutscher Staatsmann, kein deutscher Staat, ja vielleicht nicht einmal ein europäisches Staatensystem so leicht vorbei kommen.

Dieser „vernünftige“ Staat definierte sich nicht über sein Volkstum, seine Nation, auch nicht über sein Militär, wie immer getan wird, sondern er versprach wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fortschritt auf der Basis eines allgemeinen, wenn auch damals noch nicht individualistisch begriffenen, sondern obrigkeitsstaatlich abverlangten Leistungswillens.

Und wo bleiben Militarismus, Marschmusik und Menschenverachtung? Dreihundert Jahre nach der Geburt Friedrichs des Großen hat sich dieser preußenkritische Reflex irgendwie erledigt. Nicht weil er unberechtigt wäre oder verdrängt worden ist, sondern weil die deutsche Demokratie nach der Wiedervereinigung ungefähr so in sich ruht wie die Mark Brandenburg, das Kernland Preußens, in den melancholischen Betrachtungen eines Günter de Bruyn. Zugegeben: Es könnte dort mitunter etwas weniger provinziell zugehen. Doch es gibt Schlimmeres, wenn es um Preußen geht.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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