26.04.2011 · Kurz nach der Explosion des Reaktors waren auch Michailo Urupow und seine Frau weggebracht worden. Aber heimlich kehrten sie zurück. In der verbotenen Zone von Tschernobyl werden sie leben bis zum Ende ihrer Tage.
Von Konrad SchullerZum Schluss war nur noch der Fluss zwischen ihnen und dem Dorf. Ein paar Fischer waren da, und Marija Adamewna setzte das Gepäck ab. „Setz uns über.“ Einer der Fischer blickte kurz hoch: Bauern. Nicht mehr jung, schwere Hände, schwere Schuhe, Koffer. Der Fischer sah übers Wasser.
„Hab kein Benzin.“ „Und wenn wir Wodka haben, hast du dann Benzin?“ „Dann hab ich.“ Sie fuhren über den Fluss. Weil die Miliz drüben einen Posten hatte, legte der Fischer ein wenig abseits an, bei den Büschen. Dann gingen sie weiter, die letzten Kilometer nach Perischiw, über Felder, über Pfade. Es wurde Nacht, und als Michailo nicht mehr gehen konnte (er hatte einen Splitter im Bein; eine Granate war explodiert, die er mit den anderen Jungs aufgelesen hatte, das war nach dem Krieg), setzte Marija Adamewna sich am Wegrand neben ihn unter einen Apfelbaum. Ein Lastwagen nahm sie mit, der gerade ein paar Liquidatoren aus der Zone geschafft hatte, und so waren sie gegen zwei Uhr nachts zu Hause. Sie fanden Streichhölzer und Kerzen, sie machten Licht. Alles war an seinem Platz: die Einmachgläser auf dem Tisch, die Decken auf der Ofenbank, die Kartoffelkörbe im Flur und die Webteppiche an der Wand. Der heilige Georg mit dem Drachen wachte in der Küche und die heilige Jungfrau mit dem Kinde im Schlafzimmer. Marija und Michailo waren zurückgekommen.
Ab und an trifft man Menschen in der Zone
Das war im Juni 1986, zwei Monate nach der Evakuierung. Heute ist dort, wo damals der Lastwagen Marija Adamewna und ihren Mann Michailo Matwejewitsch Urupow aufgelesen hatte, die Straßenmarkierung verblichen. Gerade ist der Schlagbaum hochgegangen, noch ein kurzes Nicken des Milizionärs, und seither zieht groß und leer die Zone vorbei. Die Piste holpert, Haselschößlinge arbeiten sich durch den Asphalt, 25 Sommer und Winter haben den Belag bröselig gemacht. Abseits der Straße hat der Wald seine Fesseln gänzlich abgestreift. Wo früher der Pflug Forst und Acker trennte, sind die Linien unscharf geworden. Gebüsch zieht von den Waldrändern ins Freie, Kiefern und Birken folgen, erst einzeln, dann in Gruppen. Die eingefallenen Strohdächer der Dörfer sinken in den Boden, vermengen sich mit dem Unterholz des triumphierenden Waldes. Mähdrescher und Kipplaster haben ihre Farben gegen ein einheitlich rostiges Braun eingetauscht und verbinden ihre zerfallenden Gerippe mit dem feuchten Erdreich. Die Straße folgt dem Wasserlauf. Breit und verzweigt zieht der Pripjat durch die Waldsteppe, von Weißrussland hinunter in den Dnjepr, dann weiter nach Kiew und zum Schwarzen Meer. Wo der Flusshafen der Kreisstadt Tschernobyl war, rosten Schiffe im tauenden Eis. Im Schilf stehen Pferde.
Ab und an trifft man Menschen in der Zone. Wilderer queren nachts die Patrouillenwege, huschen durch die Lücken des Zaunes, verlieren sich in den Wäldern, wie die Plünderer, welche die Keller der Bauernkaten durchstreifen, die Kulturpaläste und Kreißsäle der zerfallenden Städte, die Ställe und Maschinenstationen der Kolchosen. Ab und zu fasst die Miliz einen von ihnen; erst vor kurzem haben die Männer Oberstleutnant Semenjuks, eines rotbackigen, ordengeschmückten Offiziers, der den Außenposten Tschernobyl kommandiert, wieder eine Ladung abgeschraubter Heizkörper aufgegriffen. Der Lastwagen, der mit ins Netz ging, parkt vor dem Stützpunkt, die Männer stehen rauchend um ihn herum.
Von wirklicher Kontrolle weit entfernt
Sie tun hier, was sie können. Sie gehen Streife am Sperrzaun, sie stehen Posten weiter drinnen in der Zone, bei den verstrahlten Gruben, wo man damals die Bagger der Liquidatoren verscharrte. Die Arbeit der Miliz ist belastend und potentiell gefährlich da draußen, und trotzdem sind Semenjuks Männer auch nach 25 Jahren weit davon entfernt, die Zone wirklich zu kontrollieren. Die Spezialkarten in den Dienststellen zeigen in Rosa, Rot und Purpur weit über Land fließende Kleckse: die Zonen in der Zone, die Territorien, wo damals, als der Reaktor brannte, Nebel und örtliche Fallwinde besonders viel Plutonium, Strontium und Cäsium in den Boden gesenkt haben. Die Wilderer und die Diebe kümmern sich nicht um die Kleckse auf den Karten, aber die Miliz hat ihre Vorschriften. Nach jeweils zwei Wochen Einsatz muss jeder der Männer die nächsten zwei Wochen außerhalb der Zone pausieren, damit die Strahlung, welche das kleine Messgerät an seiner Uniformjacke unablässig registriert und addiert, nicht schon im Juni die Jahresdosis überschreitet.
Es gibt auch Inseln der Geschäftigkeit. Plötzlich wird die Straße besser, ein Bautrupp gießt dampfenden Teer aus, und in den Überresten einer verlassenen Kleinstadt stehen plötzlich erst ein, dann zwei, dann zehn oder zwanzig Gebäude mit intakten Fensterscheiben und Vorhängen. Eine Köchin in gelber Kittelschürze ist kurz ins Freie getreten, um zu rauchen, ein Kastenwagen hat Brot geliefert. Das Personal des Reaktors von Tschernobyl, der abermals von Zäunen und Stacheldrahtverhauen umgebenen strahlenden Ruine im Herzen der Zone, hat hier seine Kantinen und Schlafstationen, seine Garagen und Verwaltungstrakte. Rauch steigt aus den Schornsteinen, Kohldunst dringt aus den Küchen.
Das Kraftwerk fordert seinen Tribut
Und da ist natürlich das Kraftwerk selbst: die vier Reaktoren der „Elektrostation Tschernobyl“. Seit am 26. April 1986 um ein Uhr dreiundzwanzig Nummer vier detoniert ist, fordert das Kraftwerk Tag für Tag seinen Tribut. Weil für die Brennstäbe in den intakt gebliebenen Blöcken eins bis drei noch kein Lager gefunden worden ist, müssen seine Pumpen und Kühlkreisläufe, seine Schalträume und seine Fuhrparks noch beinahe mit dem gleichen Personalaufwand betrieben werden wie bei einem intakten Reaktor. So beschäftigt Tschernobyl also bis heute 3400 Menschen: Mechaniker und Wachleute gehen Tag für Tag durch die klackenden Dosimetertore, Sekretärinnen und Putzfrauen, Chauffeure, Ingenieure, Dekontaminateure.
Busladungen von Besuchern kommen täglich hinzu: Wissenschaftler und Lieferanten, Politiker und Kirchenfürsten, vor allem aber ein nicht enden wollender Zug von Schaulustigen, Journalisten, Fotografen und Filmteams, den Glücksrittern der Zone. Ihr Strom ist längst so breit geworden, dass das Kraftwerk sich entschlossen hat, in der entleerten Kreisstadt Tschernobyl eine Hotelbaracke nebst Küche und Dosimetern für sie aus dem Boden zu stampfen. Gleich an der aufragenden Ruine des havarierten Reaktors, der gerade ein gewaltiges stählernes Schutzdach für die nächsten hundert Jahre bekommt, steht ein Besucherzentrum nebst Aussichtsplattform. Rezeptionistinnen stellen für ein moderates Entgelt Rundumpakete einschließlich Führung, Gulasch und Übernachtung zusammen; Bürogehilfen unterfertigen vorgedruckte Belehrungen über die Gefahren der Radioaktivität; und Tourbegleiter mit exzellenten Englischkenntnissen führen einen Reportertrupp nach dem anderen durch die geplünderten Polikliniken, Postämter und Strandcafés der einstigen sowjetischen Musterstadt Pripjat, die sich damals, als der Reaktor brannte und Hunderte Busse die Bewohner für immer fortschafften, gerade darauf vorbereitete, zum 1. Mai einen Rummel mit Riesenrad, Schiffsschaukel und Autoscootern zu eröffnen. Pflichtschuldig, aber nicht über die Maßen nachdrücklich weist die Tourbegleiterin auf die Strahlengefahr hin, die abseits der Wege drohe. Durch die verfallenen Blocks streifen Kameratrupps, die Führer sind ausgebucht, und längst hat eine dünne Schicht journalistischer Inszenierung die Ruinen dieses neuen Pompeji überzogen: Im Eingang des Krankenhauses steht, sorgfältig arrangiert und wie gestern erst verlassen, ein rotes Kinderfahrrad, und auf das Karussell am Rummelplatz hat ein Fotograf als dramatischen Blickfang ein Plüschhäschen plaziert. Auch an den Feierabend im Themenpark ist gedacht. Im Kramladen gleich beim Hotel prangt ein imposantes Schnapsregal, dessen Inhalt allerdings erst um 19 Uhr freigegeben wird.
„Wir machen, was alle machen“
Ein wenig abseits des Rummels hatte ein weiterer Schlagbaum sich gehoben, wieder hatte ein Milizionär unmerklich genickt. Dann war es über Sandwege gegangen, tief in die Unwegsamkeit der Zone. Weidengehölz, tote Dorfplätze, zerfallende Bushaltestellen. Plötzlich Wagenspuren im Sand. Ofenrauch in der Luft, Gebell. Jenseits eines Feldes versinkender Mähdrescher klein, geduckt, von einem Lattenzaun umgeben, ein frisch geweißeltes Häuschen. Marija und Michailo hatten bis in den Tag geschlafen. Der Lastwagen, der sie damals, vor 25 Jahren, vom Fluss bis in ihr Dorf mitgenommen hatte, nach Perischiw, war fast bis an ihr Haus gefahren, und als dann spät nachts endlich die Kerze brannte, und sie sahen, dass nichts fehlte, hatten sie sich auf die Ofenbank geworfen und wie Steine geschlafen. Als die Sonne sich hob, ging Marija in den Wald und holte Pilze.
Die Katastrophe, die Evakuierung lagen damals gerade zwei Monate zurück. Zuerst hatten sie im Dorf von dem Unglück nichts mitbekommen. Aber am Abend des 3. Mai, Marija und Michailo hatten gerade für Ostern geschlachtet, waren plötzlich Männer da gewesen, die gaben Kommandos und luden in der Kolchose die Schweine auf. „Wo bringt ihr sie hin?“ fragte Marija Adamewna. – „Dahin, wo du auch gleich hinkommst.“ Als die Männer nicht hinsahen, flüsterte Marija zu Michailo: „Wir gehen nicht mit. Wir verstecken die Kuh und wir bleiben. Wir verstecken uns mit der Kuh im Keller.“ – „Wir machen, was alle machen“, gab Michailo zurück, und so fuhren sie also mit, im Lastwagen, wie die Schweine, die Kühe und die Nachbarn auch.
„Weißt du, wie es einem das Herz zerreißt?“
Man trennte sie. Marija kam in ein Dorf in der Nähe von Kiew, einquartiert bei fremden Bauern. Michailo musste bleiben. Am Hafen Tschernobyl lud er Sand aus Flussschiffen aus, den die Liquidatoren dann in den Reaktor warfen. Witja, sein Neffe, war dabei. Später starb Witja an der Strahlenkrankheit und liegt jetzt in Moskau in einem Sammelgrab.
Als Michailo vom Sandschaufeln zurückkam, ins fremde Haus bei Kiew, warf er sich hin und weinte. Bei der Abfahrt hatte er noch einmal sein leeres Dorf gesehen, immer noch österlich geschmückt, genauso, wie sie es zurückgelassen hatten. Marija beschreibt detailliert, wie er damals dalag, wie es ihn schüttelte, was er sagte: „Weißt du, wie das ist, sein Dorf zu sehen? Weißt du, wie einem das das Herz zerreißt?“ Sie packten die Sachen. Sie nahmen die Elektritschka nach Kiew, und dann den Bus, aber weil sie bei Nacht fortgeschafft worden waren und den Weg nicht kannten, fuhren sie zuerst in die falsche Richtung. Jemand zeigte ihnen schließlich die richtige Straße; sie fuhren über den Fluss, und eines Nachts saßen sie dann unter dem Apfelbaum, wo der Lastwagen sie auflas.
Verbotene Zone von Tschernobyl
Sie mussten sich verteidigen, als sie wieder zu Hause waren. Die Miliz stand eines Tages am Hoftor, kurz nach der Rückkehr. Was ihnen einfalle. Ob sie nicht wüssten, dass das hier die Zone sei, die verbotene Zone von Tschernobyl? Marija Adamewna hat damals ihre immer noch energische Stimme erhoben und der Miliz die Meinung gesagt. „Was fällt euch ein?! Zuerst baut ihr diese Elektrostation, die alles vergiftet, und dann wollt ihr uns auch noch vertreiben?! Wehe euch, wenn der Stalin noch lebendig wäre, denn der hätte euch längst erschossen.“ Man ließ sie in Ruhe, und die Jahre vergingen. Man legte Strom, und heute kommt zweimal die Woche ein Auto vorbei, da kaufen sie Zucker, Salz und Streichhölzer.
Jetzt liegt Michailo meist auf dem Bett am Ofen. Ob es die Granate ist, ob es die Strahlen sind, die er damals beim Sandschaufeln abbekam – gleichviel. Die Beine wollen nicht mehr, das eine Ohr ist taub, das andere beinahe. Marija kümmert sich um den Hof. Sie hat sich gut gehalten, die Heugabel ist kein Problem für sie, die Einmachgläser auch nicht, und im Mund hat sie noch ein paar Zähne. Dem Hühnervolk, das jetzt zusammen mit Hund und Katze den Hof bewohnt, hat sie einen Truthahn als Wächter gegeben, nachdem zuletzt der Habicht die Hennen geholt hatte. Das Kalb „Tscherwen“ (Ukrainisch für „Juni“, den Geburtsmonat des Kalbes) leckt lang und gierig ihre Hand. Vor dem Winter wird es geschlachtet.
Zwei Leben, eine Rückkehr
Später sitzt Marija zwischen Einmachgläsern und Heiligenbildern, Hochzeitsfotos, Stickvorhängen und Filzstiefeln in der Stube und breitet das Gewebe ihres Lebens aus. Die große Hungersnot zieht vorbei, vor fast achtzig Jahren, als die Eltern auf dem abgeernteten Feld Roggenkörner einzeln auflasen und sie zum Backen mit Eicheln vermischten; der große Terror wenig später, als die Nachbarn ihre Mutter nicht verstecken wollten, weil sie selbst Angst hatten vor Sibirien. Marijas Tante hat damals heimlich Speck und Brot zu dem Garten gebracht, in dem die Mutter in Todesangst saß, und wenn niemand hinsah, hat sie ihr das Essen, in ein Tuch gewickelt, über den Zaun geworfen. Der Krieg kommt, die Deutschen sind da, der Vater fällt an der Front. Die „Faschisten“ bauen in der Schule ein Stabsquartier, und Galja, Marijas Schwester, muss zur Zwangsarbeit ins Reich. Mit Geschenken beladen, macht sie sich nach dem großen Sieg auf den Weg nach Hause (die Brotherren in Deutschland, ein Bauernpaar ohne Kinder, hatten sie eigentlich nicht gehen lassen wollen), aber an der Grenze nimmt die Miliz ihr die grüne Decke weg, das beste Stück. Ein Kraftwerk explodiert, Schweine werden verladen, Fischer setzen über den Fluss.
Geschichte, zwei Leben, eine Rückkehr. Marija erzählt, ihr starker Alt füllt das Haus. Dorfhochzeiten und Hungersnöte, Kindstaufen und Deportationen, Flucht, Heimkehr, Hintergrundstrahlung. „Frau!“, ruft Michailos rauhe Stimme vom Ofenbett. „Was ist los, warum kommst du nicht?“ – „Ich komm ja schon“, antwortet Marja. „Nur noch ein bisschen.“
Wie bei Hamlet
Holger Muschal (Holly01)
- 26.04.2011, 08:13 Uhr
Letzte ausfahrt Atommüll
Sara Blattner (speedmax)
- 26.04.2011, 11:28 Uhr
Wie empfindlich sind die Menschen gegen radioaktive Strahlen?
Wolfgang Neuber (durchblick)
- 26.04.2011, 14:42 Uhr
Atommüll, Kinder mit Behinderung in der zweiten Generation
Thomas Deibler (Hr.Dr.Deibler)
- 26.04.2011, 16:13 Uhr
@ Wolfgang Neuber - Wie kann man uns noch Angst machen … ? Und wovor?
Rolf Horstig (Fischermannsnetz)
- 26.04.2011, 18:08 Uhr
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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