Home
http://www.faz.net/-gpf-pyxl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

25 Jahre Grüne Matratzen, Melonen und eine ganz normale Partei

12.01.2005 ·  Die Grünen blicken auf 25 Jahre Parteigeschichte zurück. Vier Protagonisten erinnern sich an eine wirre wie bewegte Vergangenheit und einige sehr unterschiedliche Lernprozesse.

Von Markus Wehner, Berlin
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Neunzig Stunden die Wochen haben sie gearbeitet, dann ihr ganzes Gehalt abgegeben. „Mein Gott, müssen die verrückt gewesen sein“, sagt Tarek Al-Wazir.

Wie die Märchen aus Tausendundeiner Nacht klingen dem Fraktionsvorsitzenden der hessischen Grünen die Geschichten aus den Urzeiten der Partei. Abgeordnete ließen die Möbel aus ihrem Arbeitszimmer tragen und den Boden mit Matratzen auslegen, „weil sie nur im Liegen arbeiten konnten“, erinnert sich der 34 Jahre alte Offenbacher an eine skurrile Gründerzeit-Story. „Nein, von uns wäre keiner vor fünfundzwanzig Jahren den Grünen beigetreten.“

Petra Kelly: Ikone der Umweltpartei

Petra Kelly? Die tragisch ums Leben gebrachte Ikone der Umweltpartei ist für die Generation junger Pragmatiker, die 89er, nur Geschichte. Das Ende der Kämpfe zwischen Realos und Fundis hat der hessische Fraktionschef, Mitbegründer der Grünen Jugend, Anfang der neunziger Jahre noch mitbekommen, als Jutta Ditfurth, die radikalökologische Widersacherin der Realos, die Partei verließ, in der sie, so ihre Gegner, „gewaltfreien Stalinismus“ praktiziert hatte.

„Aber als mein Erbe betrachte ich diese Kämpfe nicht“, sagt Al-Wazir, der mit 29 Jahren Fraktionsvorsitzender in Wiesbaden wurde. Dort hatte 1986 der weltweit erste grüne Minister Joschka Fischer sein Umweltministerium aufgebaut. Selbst Schreibmaschinen gab es anfangs nicht, geschweige denn Leute mit Verwaltungserfahrung.

Die Bank, an der Fischer saß, wurde gerettet

Der Plenarsaal des damaligen Landtags ist inzwischen abgerissen - die Bank aber, an der Fischer saß, haben die Grünen gerettet. Sie steht im Flur der Fraktionsetage, so viel Tradition muß sein. Fischer sei wichtig gewesen, sagt Al-Wazir, „weil er die Regierungsbeteiligung durchgeboxt hat“. Mehr als zehn Jahre Opposition hätten die Wähler kaum mitgemacht, vermutet er. Doch die Verehrung des Außenministers hält sich in Grenzen bei Al-Wazir, dessen Name, geerbt vom jemenitischen Vater, selbst „der Minister“ bedeutet.

Als der heimliche Grünen-Chef weg war, habe es Jahre gebraucht, um normale Verhältnisse zu schaffen, damit Entscheidungen in geordneten Bahnen gefällt wurden. Denn vorher bestimmte nur einer.

Als die Grünen gegründet wurden, war der selbstbewußte Politologe neun Jahre alt. Seine Mutter nahm ihn mit auf Friedensdemos und zur Startbahn West. „Manchmal hätte ich ganz gerne einfach gewußt, was richtig war, nicht immer weiter diskutiert“, erinnert sich Al-Wazir an das linksalternative Milieu seiner Jugend.

„Wenn schon eine Partei, dann die“

Er sei seiner Mutter dankbar, daß sie ihm früh zum Zeitunglesen brachte. „Aber es wäre auch ganz hilfreich gewesen, wenn du mir auch noch die einen oder anderen bürgerlichen Manieren beigebracht hättest“, hat er ihr gesagt. Mit achtzehn trat er den Offenbacher Grünen bei. „Wenn schon eine Partei, dann die“, habe er gedacht. Auf der dritten Sitzung, an der er teilnahm, wurde er in den Vorstand gewählt.

Als Jugendlicher hatte Al-Wazir zwei Jahre im Jemen verbracht. Ein Großonkel aus seiner ehrbaren väterlichen Familie war einmal gar für kurze Zeit König in Jemen, nach einem Umsturz, aber dann wurde er geköpft. Sein Vater, ein Geschäftsmann, riet ihm: „Wenn du Politik machst, dann mach sie in Deutschland.“

„Hasi“, die „Petra Kelly von Baden-Württemberg“

Geköpft wurde bei den Grünen nicht. Aber es ging unerbittlich zu. „Es war ein Chaos“, erinnert sich Wolf-Dieter Hasenclever an den Gründungsparteitag in Karlsruhe am 13. Januar 1980. Der 59 Jahre alte Pädagoge hatte damals die Begrüßungsrede gehalten, „ziemlich umjubelt, aber wohl mehr aus Höflichkeit“, wie er sagt. Damals war „Hasi“ ein 34 Jahre alter Studienrat für Mathematik und Physik und schon Star der jungen grünen Bewegung, die „Petra Kelly von Baden-Württemberg“.

Er gilt als Urvater des liberalen, bürgerlichen Flügels der südwestdeutschen Grünen und gehörte später der „ökolibertären“ Strömung der Partei an, in der liberale und wertkonservative Realos zusammenfanden. „Wir sind keine Melonenpartei, außen grün und innen rot“, hatte er den 254 Parteitagsdelegierten zugerufen.

„Keine Melonenpartei, außen grün und innen rot“

Doch der Parteitag war „eine Enttäuschung“, erinnert sich Hasenclever. Schon damals habe man sich mit den Ultralinken und Linken herumgeschlagen. Seinen „ökologischen Humanismus“, den er im Ländle durchgesetzt hatte, wollten die Delegierten in Karlsruhe nicht mittragen. Draußen fotografierte der Verfassungsschutz die Nummernschilder der Autos der Delegierten, drinnen bekämpfte man sich mit der gnadenlosen Härte, die für die kommenden Jahre das Parteiklima prägte.

Dabei hatten die Grünen in ihrer „Antiparteien-Partei“ einen neuen Umgang, neue Menschlichkeit, praktizieren wollen. „Das haben wir wohl schon in Karlsruhe zerstört“, sagt Hasenclever heute. Der Gründungsgrüne, den „jede Mutti als Schwiegersohn gern gehabt hätte“, wie ein Gefährte jener Zeit sagt, war noch bis 1983 dabei. Dann zog er den „kleinen Bereich exekutiver Verantwortung“ als Leiter freier Schulen vor.

Primus inter pares

Die Gegner der Hasenclevers wie der Fischers waren die radikalen Linken. Zu den Grünen sei er als Kommunist gegangen, sagt Rainer Trampert, „ohne ökologische und friedenspolitische Ambitionen, weit weg von Gandhi und Mutter Teresa“. Auch die Anti-Atom-Bewegung habe man als antikapitalistisch betrachtet. Trampert kam wie sein Freund Thomas Ebermann vom Hamburger Kommunistischen Bund (KB) zu den Grünen, war von 1983 bis 1987 einer der drei Sprecher der grünen Bundespartei, wie die Vorsitzenden hießen, galt als Primus inter pares.

Wenn man vom Wegfall der Lockenpracht absieht, sieht er heute im verwaschenen grauen Sweatshirt immer noch so aus und redet auch noch ähnlich. Für die Achtundsechziger seien die Grünen „der letzte Zug hinein in die Gesellschaft“ gewesen. Die „mangelnde Bereitschaft, nichts zu werden“, und die Angst vor dem Altwerden hätten viele dazu gebracht, sich anzupassen, bedauert Trampert, der seit zwanzig Jahren im alternativen Hamburger Schanzenviertel lebt. Deshalb sei das Projekt, eine wirkliche gesellschaftliche Opposition zu schaffen, gescheitert. 1990 ist er ausgetreten.

„Mangelnde Bereitschaft, nichts zu werden“

Trampert, der sich weiter „philosophisch als Kommunist“ versteht, hält sich zugute, an der „radikalen Kritik der Verhältnisse“ festgehalten zu haben, obwohl er nach eigener Einschätzung das Zeug zum Finanzminister gehabt hätte. Mit Artikeln schlägt er sich durch, auch mit einem sarkastisch-kabarettistischen Programm, das er zusammen mit Ebermann vorträgt. In einer Nummer, in der Originalzitate bekannter Persönlichkeiten der Gegenwart in eine erfundene Geschichte montiert werden, fährt Umweltminister Jürgen Trittin, ebenfalls einst im KB, Jahr für Jahr ins Wendland, um die Erhöhung der Laufzeit von Atomkraftwerken als Erfolg zu verkaufen.

„Historischer Trugschluß“

Er sei kein Fundamentalist gewesen, sondern durchaus für Reformen, sagt Trampert. Doch daß man Reformen statt im Widerstand auch in der Regierung verwirklichen könne, sei ein historischer Trugschluß. „Wer die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt regiert, kann das nur als Spielball der Verhältnisse tun und muß bei den wirklich Mächtigen, den großen Konzernen, betteln gehen“, kommt ihm der linke Grundkurs leicht von den Lippen.

Andere leiden bis heute an der linksradikalen Verirrung ihrer politischen Jugend. „Das Maß an Verblendung hat mich später immer wieder gewundert“, sagt Winfried Kretschmann, Fraktionsvorsitzender der baden-württembergischen Grünen, über seine vier Jahre dauernde Vergangenheit im Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) Anfang der siebziger Jahre. Daß er später sektenpolitischer Sprecher der Partei war, „ist quasi eine Strafe dafür gewesen“.

Mit Fäusten für die Frauensache

Als die Grünen gegründet wurden, war Kretschmann schon geheilt. Als er sich 1984 heftig gegen einen Antrag zur Umkehr der Beweislast bei Vergewaltigung auf einem Parteitag wehrte, kam es zum Tumult. Die aufgebrachten weiblichen Delegierten stürmten das Podium und drohten dem Verräter an der Frauensache mit Fäusten.

Kretschmann mußte als Spitzenkandidat zurücktreten. Heute ist der Stuttgarter Fraktionschef Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. Er sei „ein in der Wolle gefärbter Katholik“ aus einem gleichermaßen liberalen wie katholischen Elternhaus auf der Schwäbischen Alb. „Das ist eine schöne Kombination, weil sie den Gedanken der Freiheit mit dem des guten Lebens verbindet“, sagt der 56 Jahre alte Vater von drei erwachsenen Kindern.

„Wir haben uns nie Genosse genannt“

Daß er als Katholik eher am Rand der Partei steht, gibt er ungern zu. Kretschmann wirbt seit Jahren für Schwarz-Grün, wäre wohl gern Minister in einer Regierung Günther Oettinger. Daß die Grünen eine ganz normale Partei geworden sind, hat er sich stets gewünscht: „Wir waren immer eine bürgerliche Partei, wir haben uns nie Genosse genannt.“

Tarek Al-Wazir, der junge Pragmatiker, sieht sich hingegen in linker Tradition. Schließlich habe man sich unter den Grünen auch nie gesiezt, wie es bei CDU und FDP der Fall ist. Daß die alten Grünen ganz anders als alle anderen sein wollten, sei, bei allem Krampf, wichtig gewesen. „Eine zweite SPD hätte keine Chance gehabt.“ Die Grünen hätten die Öffnung der Gesellschaft beschleunigt. „Ich bezweifle, daß Frau Merkel ohne die Grünen heute CDU-Vorsitzende wäre oder Guido Westerwelle seinen Freund neben Herrn Stoiber plazieren könnte“, sagt er.

„Langweilig und vor allem zu staatsgläubig“

Hasenclever, der liberale Gründungsvater, lernte Westerwelle in Berlin kennen, wo er seit Ende der neunziger Jahre als Unternehmensberater arbeitete. Seit zwei Jahren ist er bildungspolitischer Berater für die FDP-Fraktion, vor einem Jahr ist er der Partei „aus Loyalität“ beigetreten. Als Bewußtseinsbewegung hätten die Grünen viel bewirkt. „“Das Wort Nachhaltigkeit wird ja heute auf dem Papier jeder Partei überstrapaziert.“ Die Grünen findet Hasenclever heute „langweilig, vor allem zu staatsgläubig“.

Es gebe wenig Vertrauen in die Gestaltungskraft des einzelnen, man schaffe lieber „noch ein paar Umweltbeauftragte, Frauenbeauftragte, Gleichstellungsbeauftragte - ein unheimlich teurer Apparat“. Die dringend notwendige Innovation, der Aufbruchsgeist, den Deutschland brauche, werde von Rot-Grün blockiert, vom Gentechnik-Gesetz bis zur Kernfusion, sagt Hasenclever.

Wenn Joschka Fischer von einer Auslandsreise per Videoschaltung auf die Großleinwand auf den Grünen-Parteitag zugeschaltet werde, dann zeige es die „tragikomische Entwicklung der Partei“, sagt Aussteiger Trampert, der sich „immer wieder beim Arbeitsamt“ meldet, weil sein politisches Kabarett zuwenig einbringt. Bei den Grünen herrsche eine Patriarchalstruktur, wie es sie in der Bundesrepublik nur in der CDU unter Kohl gegeben habe. Er sei heute politisch einflußlos, gibt der einstige Parteivorsitzende zu. „Aber bei den Grünen wäre ich noch einflußloser.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.01.2005, Nr. 1 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Konfrontation

Von Markus Bickel

Mit dem Urteil gegen Mubarak hat sich Ägyptens Justiz noch lange nicht von dessen jahrzehntelanger Herrschaft befreit. Seine Söhne und Sicherheitsbeamte gingen straffrei aus. Das wirkt wie ein Zugeständnis an eine Restauration der alten Herrschaft. Mehr 1