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Brandt-Zitat : In der Erinnerung zusammengewachsen

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Zum Kennenlernen über die Grenze: Hans-Jochen Vogel, Willy Brandt, der später enttarnte Stasi-Spitzel Ibrahim Böhme und Martin Gutzeit (v.l.) am 10.November 1989 im Ost-Berliner Hotel Albrechtshof Bild: Barbara Klemm

Brandts Worte an die Jubelnden in Berlin am Tag nach dem Mauerfall sind legendär: Nun wachse zusammen, was zusammengehöre. Das Problem: Brandt hat das dort damals gar nicht gesagt.

          Ansgar Hocke, der erfahrene Berlin-Reporter des „Senders Freies Berlin“ (SFB), mag aufgewühlt und angespannt gewesen sein – an jenem Freitag, dem 10. November 1989. Am Vorabend war die Mauer geöffnet worden. Tausende Menschen strömten zwischen Ost- und West-Berlin hin und her. In der brodelnden, noch geteilten Stadt wurde eine Kundgebung vorbereitet – vor dem Rathaus Schöneberg, dort, wo John F. Kennedy 1963 den Satz „Ich bin ein Berliner“ ausgerufen hatte. Helmut Kohl, der Bundeskanzler, unterbrach seinen Besuch in Warschau. Willy Brandt, der vormalige Bundeskanzler und davor Regierender Bürgermeister, traf vormittags in Berlin ein.

          Hocke, der Reporter, erinnert sich an seine Begegnung mit Brandt: „Gegen 11 Uhr 45 trifft er ein. Er steigt aus dem Wagen, keine Menschentraube, kein weiterer Journalist ist zu sehen. Meine Einstiegsfrage: ,Willy Brandt, wir stehen hier vor den Stufen des Roten Rathauses, was geht in Ihnen an so einem Tag vor?‘“ Brandt habe gelacht und ihm den Arm auf die Schulter gelegt. „So weit ist es noch nicht.“

          Zweiter Anlauf. Hocke: „Sie standen oft hier – was geht in Ihnen vor?“ Brandt: „Sie haben recht: Ich habe hier oft gestanden, vor allen Dingen am 16. August 1961, kann ich mich erinnern, da haben wir unseren Zorn, unsere Ohnmacht hinausgeschrien. Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“

          Andere Radioanstalten übernahmen den O-Ton des damaligen SFB (heute: rbb). Die Deutsche Presse-Agentur zitierte ihn. Auch ein Reporter der „Berliner Morgenpost“ sprach an jenem Freitag mit Brandt. Der Sozialdemokrat wiederholte die Worte vom „Zusammenwachsen“ dessen, was „zusammen“ gehöre. Doch schien die Bemerkung Brandts der Zeitung nicht sonderlich spektakulär. Das Zitat erschien im Text, nicht aber in der Überschrift. Und doch: Das Zitat nahm seinen Lauf. Die SPD druckte es auf Flugblättern und Plakaten. In einem Sonderheft der Zeitschrift „Stern“ wurde der Wortlaut in ein Foto mit Brandt montiert. Später, auf einem SPD-Bundesparteitag im Berliner ICC, schmückte es zeitweise die Stirnwand.

          Jetzt wurde gerufen, was nicht gerufen wurde

          Viel später als geplant an jenem Freitag im November 1989, nicht schon am frühen Nachmittag, sondern erst in der Dunkelheit, konnte die Veranstaltung am Schöneberger Rathaus abgehalten werden. Stundenlang hatten zuvor die Fraktionen des Abgeordnetenhauses gestritten – über Resolutionen und darüber, ob der Begriff der deutschen „Einheit“ darin erwähnt werden solle.

          Walter Momper (SPD), der Regierende Bürgermeister, wollte sein Koalitionsbündnis mit der „Alternativen Liste“, damals der Berliner Ableger der Grünen, der gegen die Perspektive der Vereinigung Deutschlands war, nicht platzen lassen. Helmut Kohl wurde ausgepfiffen, Willy Brandt bejubelt. Unter einem Pfeifkonzert von Demonstranten wurde die Nationalhymne gesungen. Kohl war empört, Brandt entgeistert. Die linksalternative Szene presste den schrägen Gesang der deutschen politischen Prominenz auf eine Schallplatte.

          Die „tageszeitung“ präsentierte die Schlagzeile: „Die Mauer tritt zurück – Wann geht Kohl?“ Warum und wie auch immer: Die Erinnerung setzte sich fest, Brandt habe sein „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ gerufen – gar unter dem Jubel der Anwesenden, was auch daran lag, dass Brandts Bemerkung gegenüber Hocke via Deutsche Presse-Agentur in Zeitungstexte kopiert worden war – so auch damals in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

          Der Tonmitschnitt gibt Aufschluss

          Wenige Wochen später plante der Dietz-Verlag, zu dessen Schwerpunkten die (Zeit-) Geschichte der deutschen Sozialdemokratie gehört, einen Sammelband mit Reden Willy Brandts zur deutschen Einheit. Der Titel des Buches stand – die mittlerweile entstandene Prominenz des Zitats nutzend und dessen Bekanntheit voraussetzend – fest: „...was zusammengehört“. Und tatsächlich: Das Zitat war enthalten, vermeintlich ausgerufen am Freitag, dem 10. November 1989, am Schöneberger Rathaus. Brandt war zufrieden, die Journalisten, die Zeithistoriker und der Verlag waren es auch.

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