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Veröffentlicht: 09.11.2014, 13:23 Uhr

Gastbeitrag von John Kerry Ein neuer Kalter Krieg?

Die Freiheit ist in Europa wieder bedroht. Doch der Westen darf sich von Russland nicht in eine Konfrontation zwingen lassen, schreibt der amerikanische Außenminister John Kerry in einem F.A.S.-Gastbeitrag zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

© dpa Der amerikanischer Außenminister John Kerry an den Resten der Berliner Mauer bei seinem Besuch im Oktober

Im Oktober haben Außenminister Steinmeier und ich in Berlin die Mauergedenkstätte besucht. Wir sind an der Mauer entlanggegangen und haben uns dabei noch einmal in dieses dunkle Kapitel der Vergangenheit zurückversetzt. Wir trafen einen Mann, dem nicht nur die mutige Flucht von Ost- nach Westdeutschland gelungen war, sondern der später sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, um anderen die Flucht zu ermöglichen.

Wir haben uns auch mit deutschen Schülerinnen und Schülern zusammengesetzt, die das große Glück hatten, nach dem Kalten Krieg geboren zu werden. Sie hatten in ihrer Kindheit immer wieder von Verwandten persönliche Geschichten erzählt bekommen über die sichtbaren und politischen Grenzen, welche die freien Menschen im Westen von Familien und Freunden trennten, die im Osten eingesperrt waren.

Einer der Schüler kam am Ende der Veranstaltung auf mich zu und stellte mir folgende Frage: Kann es heute wieder zu einem Kalten Krieg kommen? Viele Menschen stellen sich diese Frage. Genau 25 Jahre, nachdem der Wind des Wandels durch die Staaten des Warschauer Paktes wehte, die Berliner Mauer zum Einsturz brachte und nach dem Kalten Krieg den Weg für ein geeintes, gestärktes Deutschland ebnete, ist diese Frage von besonderer Bedeutung.

Amerikaner fiebern mit Deutschen mit

Auf der anderen Seite des Atlantiks, in den Vereinigten Staaten, haben wir großen Anteil an dem gewaltigen, jahrzehntelangen Ringen Deutschlands genommen. Jeder Amerikaner hörte gebannt zu, als Präsident Kennedy während seines Besuchs in West-Berlin 1963 die berühmten Worte „Ich bin ein Berliner“ sprach, um die Solidarität der Vereinigten Staaten mit den Deutschen auf beiden Seiten der Mauer zu bekräftigen. Mein ganzes Land verfolgte mit, wie Präsident Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor Michail Gorbatschow aufforderte, die Mauer niederzureißen, wenn er es mit Liberalisierung, Frieden und Wohlstand ernst meine.

© afp, AFP Kerry zu Mauerfall-Gedenken in Berlin

Ich war persönlich besonders betroffen. Denn ich habe prägende Jahre meiner Kindheit in Berlin verbracht. Mein Vater war für die amerikanische Vertretung in West-Berlin tätig, als ein vereintes Deutschland noch ferne Zukunftsmusik war. Mit eigenen Augen sah ich die Unterschiede zwischen Ost und West. Ich konnte sie regelrecht spüren. Es war der Unterschied zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Licht und Dunkelheit. Letztendlich war es der Unterschied zwischen Menschen, die die Chance hatten, etwas aus ihrem Leben zu machen, und Menschen, denen diese Chance verweigert wurde.

Vereinigte Staaten und Deutschland: Zusammen für die Ukraine

Diese Erfahrung hat mich mein Leben lang begleitet, und ich denke bei meiner täglichen Arbeit oft daran zurück. Denn leider ist es traurige Wahrheit, dass die Freiheiten, mit denen Amerikaner und Deutsche heute gesegnet sind – die politisch Verantwortlichen frei wählen, ihre Meinung sagen und ihres eigenen Glückes Schmied sein zu können – , dass diese Freiheiten in zu vielen Teilen der Welt immer noch bedroht sind. Sogar in Europa.

Russlands aggressives Verhalten in der Ukraine ist nicht hinnehmbar. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Deutschland und die Vereinigten Staaten an der Seite unserer Partner stehen und die ukrainische Souveränität und Unabhängigkeit verteidigen. Die Nachkriegsordnung und die Ordnung nach dem Fall der Mauer, von denen Millionen Menschen weltweit profitiert haben, stehen auf dem Spiel.

Angela Merkel – die unermüdliche Diplomatin

Es ist von ebenso entscheidender Bedeutung, dass wir uns um die Erneuerung konstruktiverer Beziehungen mit Russland bemühen, falls Moskau willens ist, die notwendigen Schritte zu gehen. Es ist für uns alle besser, wenn Russland, Europa, die Vereinigten Staaten und Kanada es schaffen, an einem Strang zu ziehen, um globalen Herausforderungen wie Extremismus, Weiterverbreitung von Atomwaffen und ansteckenden Krankheiten zu begegnen und die Dividende des Friedens, der Stabilität und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit einzufahren.

Bundeskanzlerin Merkel ist sich dessen voll und ganz bewusst. Durch ihre unermüdliche Diplomatie hat sie Präsident Poroschenko den Rücken gestärkt, und sie hat auch darauf hingewirkt, dass die Gesprächskanäle zu Präsident Putin offen bleiben. Sie hat eine führende Rolle gespielt, die sonst niemand hätte spielen können, und die Vereinigten Staaten sind ihr hierfür außerordentlich dankbar.

Kann es heute wieder zu einem Kalten Krieg kommen?

Gemeinsam engagieren sich unsere beiden Länder und unsere Partner in ganz Europa für die Zukunft der Ukraine. Wir setzen alles daran sicherzustellen, dass das Protokoll von Minsk vollständig umgesetzt wird, damit das ukrainische Volk wieder in die Lage versetzt wird, seine Demokratie zivilisiert und friedlich zu gestalten.

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Wir engagieren uns, denn wir haben erlebt, was Menschen erreichen können, wenn sie ihren Werten treu sind und zusammen mit anderen ein gemeinsames Ziel verfolgen. Auf diese Weise hat das deutsche Volk die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht, und so haben wir es seither immer wieder geschafft, Freiheitsbeschränkungen zu überwinden.

Kann es heute wieder zu einem Kalten Krieg kommen? Die Antwort ist nein, wenn wir uns daran erinnern, dass wir vor 25 Jahren für Deutschland wie auch für Europa Einheit, Freiheit und Frieden anstrebten. Die Antwort ist nein, wenn wir andere Staaten davon überzeugen, die alten Ost-West-Trennlinien hinter sich zu lassen. Die Antwort ist nein, wenn wir uns heute, morgen und in den nächsten Jahrzehnten weiterhin gemeinsam auf diese Ziele konzentrieren.

Quelle: F.A.S.

 

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