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Günter Schabowski : Der späte Dissident

Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, auf der Pressekonferenz am 9.November 1989. Auf ihr gab Schabowski die Öffnung der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin bekannt. Bild: dpa

Günter Schabowski glaubte im Herbst 1989 noch, die DDR durch Reformen und Dialog retten zu können – und leitete schließlich selbst deren Ende ein. Nach der Wende wurde er für viele alte Genossen endgültig zum Verräter.

          Aus dem Abstand von 25 Jahren ist man geneigt zu sagen, niemand sei geeigneter gewesen als Günter Schabowski, mit einem – eigenwillig formulierten – Satz das Ende der DDR einzuleiten. Denn als Einziger aus der Führungsriege der ehemaligen Staatspartei SED hat sich Schabowski zu seiner Verantwortung für Untaten des Systems bekannt und sich aus dessen ideologischem Gedankengefängnis gelöst.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Bis zur Wende hatte der am 4. Januar 1929 in Anklam in Pommern geborene Diplom-Journalist (Studienabschluss an der Universität Leipzig im Jahre 1962) allerdings als einer der „Hundertprozentigen“ in der Führung gegolten. Anders wäre auch die Bilderbuchkarriere als Funktionär nicht möglich gewesen. Oppositionelle haben durchaus unangenehme Erinnerungen an den SED-Politiker Schabowski.

          Schon als Politbüromitglied – er gehörte seit 1984 als stimmberechtigtes Mitglied zum engsten Kreis der Parteiführung – musste er erleben, wie es einem Funktionär erging, der sich gegen die vom Generalsekretär vorgegebene „Generallinie“ der Partei stellte: Der Funktionär Herbert Häber wurde 1985 aus dem Politbüro ausgeschlossen und war von einem Tag zum anderen fast so etwas wie ein Aussätziger.

          Nach der Wende erzählte Schabowski gerne, der „Fall Häber“ habe ihn stark beeindruckt. Schabowski war damals gerade zum Bezirksparteichef von Ost-Berlin aufgestiegen und hatte den wichtigsten „journalistischen“ Posten, den die DDR zu vergeben hatte, aufgegeben. Seit 1978 war er Chefredakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ gewesen.

          Der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten

          1989 gehörte Schabowski zu denen, die den Sturz Erich Honeckers als SED-Generalsekretär betrieben. In den turbulenten Wochen jenes Herbstes bemühte er sich, der nach eigenem Bekunden immer noch glaubte, die DDR durch Reformen retten zu können, um den Dialog mit der Opposition.

          Er traute sich sogar auf den Alexanderplatz, wo am 4. November Hunderttausende für Veränderungen demonstrierten. Seine Rede wurde freilich unfreundlich aufgenommen. Zwei Monate später befanden sich SED und DDR im Strudel des Untergangs. Die Partei benannte sich in „Partei des demokratischen Sozialismus“ um und entledigte sich ihrer personellen Altlasten, zu denen auch Schabowski gehörte.

          Endgültig zum „Verräter“ mutierte Schabowski in den Augen vieler alter Genossen in den Folgejahren. Er wurde zwar, wie der Kurzzeit-Parteichef Egon Krenz, wegen der Toten an der Berliner Mauer vor Gericht gestellt. Im Gegensatz zu Krenz und anderen bekannte er sich aber zu seiner moralischen Verantwortung und bat die Opfer um Entschuldigung.

          Seine Verurteilung zu drei Jahren Haft akzeptierte er am Ende. Etwa ein Jahr davon saß er ab. Nach der Wende hatte er als Redakteur einer Lokalzeitung gearbeitet. Vor allem aber reiste Günter Schabowski als Zeitzeuge durchs Land.

          Seine journalistische Ausbildung kam ihm dabei ebenso zugute wie der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten. Nach mehreren Infarkten lebt er heute mit seiner Frau Irina, einer ehemaligen russischen Fernsehjournalistin, fern der Öffentlichkeit.

          Quelle: F.A.Z.

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