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Peter Gauweiler im Gespräch : „Die Jacke ist falsch eingeknöpft“

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Peter Gauweiler: „Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa geteilt hatte, wurde ein Kapitel abgeschlossen. Und ein neues wurde geöffnet“ Bild: Roeder, Jan

25 Jahre nach dem Fall der Mauer: Wir sehen das neue Europa mit alten Augen. Peter Gauweiler spricht im F.A.S.-Interview darüber, wie sich am 9. November in der deutschen Geschichte Freude und Schmerz mischen.

          Peter Gauweiler, als in Berlin die Mauer fiel, war das ein Freudenfest. Die Stadt war voller Leute, die einander grüßten, anlachten, umarmten, miteinander sprachen, was tranken – wirklich wie Brüder und Schwestern, die lange voneinander getrennt waren.

          Ich war auf der Autobahn von Garmisch nach München. Im Radio sagte ein ungläubig klingender Redakteur, der Sprecher des Politbüros solle erklärt haben, dass die Mauer offen sei. In der übernächsten Sendung hörte man dann, dass der Bundestag in Bonn nachts im Wasserwerk zusammengetreten war. Und dass die Abgeordneten sich erhoben und unsere Hymne angestimmt hatten. Da wusste man dann: Das Unglaubliche ist wahr. Solche Erinnerungen behält jeder, bis er stirbt.

          Ist von der Freude denn noch etwas übrig? Oder ist sie verbraucht, verschlissen?

          Es ist die Freude aus einem großen Familienfest. Wenn man es feiert, dann steigt sie wieder hoch. Und ich freue mich auch heute noch, wenn ich durch die Ex-DDR fahre. Die schönen Ortsbilder, was dort alles wiederhergestellt werden konnte! Das ist doch eine große Sache. Einer der Gründe, warum ich immer noch im Bundestag bin: Ich freue mich immer noch, wenn ich durchs Brandenburger Tor gehe.

          Der 9. November ist auch ein Datum des Schmerzes: Das schändliche Reichspogrom an den Juden 1938 fand in dieser Nacht statt.

          Und vor hundert Jahren verkündete Max von Baden an diesem Datum von sich aus die Abdankung Kaiser Wilhelms. In München, das liegt mir etwas näher, endete nach tausend Jahren die Herrschaft des Hauses Wittelsbach. Stattdessen kam die Räterepublik.

          November 2014: Achttausend Lichtballons erinnern in Berlin daran, wo die Mauer verlief

          Am 9. November wurde in München fünf Jahre später aber auch der Putsch von Hitler und Ludendorff niedergeschlagen.

          Ja, so mischen sich an diesem Datum Freude und Schmerz. Unsere deutsche Geschichte. Auch den Schmerz spürt ja jeder, wenn er nur das Fotoalbum der Familie aufschlägt. Und er wird wohl auch noch unsere Kinder begleiten.

          Wirklich deutsch. Schon sind wir wieder traurig.

          Vom Ergebnis her betrachtet haben wir es doch ganz gut hingekriegt. Eigentlich haben wir den Zustand erreicht, den der Kaiser unseren Großeltern versprochen hat.

          Den berühmten Platz an der Sonne?

          Genau. Wir leben in Eintracht mit unseren Nachbarn.

          Helmut Kohl hat jetzt einen Essay vorgelegt, in dem er das Scheitern Europas beschwört. Dasselbe tut, ebenfalls in einem Buch, Ex-Außenminister Joschka Fischer. Wobei Kohl für das Scheitern Fischer mitverantwortlich macht.

          Man kann nicht gleich von einem Scheitern Europas sprechen, wenn überall in jeder Umfrage in jedem Land alle sagen: Vielleicht ist der Weg, den wir gerade gehen, nicht der richtige. Aber das friedliche Zusammenleben, die Bindung und Einbindung der Regionen, Stämme, Völker – das nennt doch jeder als Ziel. Das Bewusstsein für die europäische Idee ist überall lebendig. Selbst bei den verschiedenen europaskeptischen Parteien.

          Das Misstrauen in die Europäischen Institutionen ist groß.

          Da geht’s vor allem um den Euro. Diese Sache ist wirklich nicht so gut gelaufen – und da begehren Kohl und Fischer, nicht daran schuld zu sein. Der eine hat Probleme damit, ob die Idee als solche überhaupt richtig war. Der andere mit der Umsetzung und dem Bruch von Regeln.

          Wenn bereits die Idee nicht richtig war, dann kann die Umsetzung wohl kaum das Problem sein.

          Wie Franz Josef Strauß gelegentlich sagte: Ist die Jacke einmal falsch eingeknöpft, bekommt man sie nicht mehr gerade zu. Falsch eingeknöpft wurde 1992 in Maastricht.

          Die Währungs- und Wirtschaftsunion.

          Ja, und jeder wusste, dass die Voraussetzungen einer einheitlichen Währung nicht gegeben waren. Wenn Sie die damaligen Reden im Bundestag nachlesen, dann sehen Sie, dass auch die Befürworter sagten: Das klappt nur in einer politischen Union. Die gab es nicht, und es gibt sie auch heute nicht.

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