Fünf Politiker aus fünf Parteien. Keiner von ihnen hat schon den dreißigsten Geburtstag gefeiert, aber alle wollen (wieder) in den Bundestag. Die Chancen von Katherina Reiche (CDU), Hubertus Heil (SPD), Daniel Bahr (FDP), Grietje Bettin (Bündnis 90/Die Grünen), Sandra Brunner (PDS) stehen gut. Zwanzigmal schreiben sie im Tagebuch von Wahlkampf, Visionen, Argumenten: 20 unter 30.
Von Daniel Bahr, FDP-Direktkandidat in Münster in Westfalen und Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen
9:15
Münster Innenstadt. Die Sonne scheint gelb, der Himmel ist blau. „Das könnte ein erfolgreicher Tag werden“, denke ich mir. Mit meinem Wahlkampfmobil, einem blau-gelben Mini, sozusagen dem Mini-Bahr, fahre ich zu meinem ersten Termin: ein Gespräch beim Ortsverband Münster des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Dehoga hat Wahlprüfsteine zusammengestellt - jetzt soll den Kandidaten auf den Zahn gefühlt werden.
9:25
Ich parke. Freundlich werde ich empfangen. „Das wird ein Heimspiel“, denke ich mir und betrete den Raum, in dem das Gespräch stattfinden wird. Mir wird der Stuhl am Kopf des Tisches angeboten, ich zögere und sage: „Ich sitze am liebsten in der Mitte des Tisches.“ Auch kein Problem.
9:37
Nachdem alle Platz genommen haben, wir mit Kaffee, belegten Brötchen und Apfelschorle bestens versorgt worden sind, steigen wir auch gleich ins Thema ein. Die Hauptanliegen sind: Das verkrustete Arbeitsrecht, Bürokratielasten, die De-facto-Abschaffung der 630-Mark-Jobs. Und schon echauffieren sich die Teilnehmer über die Politik der Bundesregierung: „Es kann doch nicht sein, dass der Mittelstand kaputt gemacht wird und die großen wie Daimler-Chrysler zahlen keine Steuern.“ Außerdem sei die derzeitige Regelung für 325-Euro Arbeitskräfte ein Witz: „Wir bekommen einfach keine Aushilfen für Biergärten.“
Weitere Forderungen der Anwesenden sind, den Ladenschluss abzuschaffen und den Kündigungsschutz zu lockern. „Schön, dass Sie das sagen“, entgegne ich. Es ist tatsächlich für mich ein Heimspiel, denn in unserem Wahlprogramm steht, dass wir mit pauschal besteuerten, sozialversicherungsfreien 630-Euro-Jobs (und damit das doppelte Niveau der ehemals 630-Mark-Jobs) die Möglichkeit geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse wieder einführen möchten. Außerdem stehen wir für eine Abschaffung des Ladenschlussgesetzes und eine Flexibilisierung des Kündigungsschutzes. Aber auch ich darf mir Kritik anhören: „Zeigen sie deutlich Profil und setzen sie sich noch mehr für den Mittelstand ein - dann können sie die 18 abschreiben und bekommen locker 25 Prozent.“ 25 Prozent für die FDP? Das wäre was!
11:25
Ich muss aufbrechen, der nächste Termin wartet. Aus diesem Gespräch nehme ich nicht nur Bestätigung mit, die zweifelsohne gut tut, sondern auch Anregungen.
11:42
Ich schließe mein Auto auf und schalte mein Handy wieder an. Mehrere Anrufe auf der Mailbox. Partei-Vize Rainer Brüderle bittet um Rückruf. Schnell melde ich mich zurück, bevor ich mein Hemd gegen ein blaues Polo-Shirt wechsle. Die Sonne scheint nämlich immer kräftiger. Dann fahre ich zum Martinikirchplatz. Der BDKJ (Bund der Deutschen katholischen Jugend) veranstaltet dort für Schülerinnen und Schüler eine Podiumsdiskussion mit allen Bundestagskandidaten für Münster.
12:05
Mit Ruprecht Polenz (CDU), Christoph Strässer (SPD), Winfried Nachtwei (Bündnis 90/Die Grünen), Frauke Grieger (PDS) und dem Moderator Matthias Bongard vom WDR stehe ich auf der Bühne. Trotz des herrlichen Wetters sind ungefähr 150 Jugendliche anwesend, um unsere Diskussion zu verfolgen und Fragen zu stellen. Es geht um Wehrpflicht - die wir aussetzen wollen - , um die schlechte Lage am Arbeitsmarkt und natürlich um Bildungspolitik. Bei einer konkreten Nachfrage zur Ausbildung der Erzieherinnen stehen wir alle auf dem Schlauch. Ganz speziell kann man sich eben nicht in jedem Thema auskennen.
12:25
Während der Diskussion werden Wahlzettel ausgeteilt. Die Jugendlichen sollen angeben, was sie heute wählen würden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die FDP hier so gut abschneiden wird. Die Leute, die ich bisher vom BDKJ kenne, würde ich eher als Grüne oder als CDUler einschätzen.
13.15
Ein Kritikpunkt seitens der Schülerinnen und Schüler wird immer lauter: Die Bundestagskandidaten würden sich mal wieder nur parteipolitisch zanken, sich persönlich angreifen und nichts für die Sache tun. Komisch, denn eine andere Forderung ist häufig, dass die Parteien sich nicht genügend unterscheiden, alle sowieso nur das selbe wollen und die Unterschiede immer mehr verwischen. Also was soll nun gelten? Wenn ich nicht einer Meinung bin, dann gehört Diskussion dazu. Gerade weil ich jung bin, habe ich mir vorgenommen, die Unterschiede zwischen mir und den anderen Kandidaten deutlich zu machen. Apropos jung: Erstaunlich ist es schon, dass mich der Moderator als einzigen duzt. Klar, ich bin der jüngste auf dem Podium, dennoch werden die anderen gesiezt.
14:10
Die Wahlergebnisse kommen. CDU 18 Prozent, SPD 24 Prozent, Grüne 20 Prozent, FDP 25 Prozent, PDS 3 Prozent, Nichtwähler 7 Prozent. Meine Gegenkandidaten Polenz und Strässer gucken verdattert. Wer hätte das gedacht? Mit diesem Ergebnis hätte ich das Direktmandat geholt!
14:50
Auf dem Weg nach Ibbenbüren. Das Keppler-Gymnasium hat heute Schulfest und der Schulleiter hat alle Partei gebeten, mit einem Stand dabei zu sein. Auch ich möchte kurz vorbeischauen. Unterwegs stehe ich an einer roten Ampel. Zwei Frauen überqueren die Straße. Die eine nimmt neugierig ihre Sonnenbrille ab und beäugt den Mini ganz genau. Die blaue 18 auf gelbem Lack ist eben nicht zu übersehen. Ich lächle sie an und winke. Erstaunt, aber dann doch fröhlich winkt sie zurück.
15:41
An der Schule angekommen und noch beflügelt von dem tollen Ergebnis der BDKJ-Veranstaltung, stehe ich am FDP-Stand auf dem Schulhof Rede und Antwort. Doch bis zum Ende des Schulfestes kann ich leider nicht bleiben.
17:07
Abermals Aufbruch. Ich fahre zurück nach Münster und dann direkt nach Hause. Denn für heute Abend muss ich mich noch umziehen. Im Auto sitzend schalte ich das Radio ein. Es läuft: „Murder on the dancefloor“ von Sophie Ellis Bextor. Ich mag das Lied und zum Wetter passt es auch. Es geht zum Sommerfest des FDP Kreisverband Münster.
19:14
Eine Gaststätte in Münster. Die Sonne geht unter. Bierbänke, Stehtische und ein Grill sind aufgestellt und überall blaue und gelbe Luftballons. Der Abend verspricht gut zu werden. Aber ein bisschen anstrengend ist es auch, denn kaum sitze ich an einem Tisch, kommen andere vorbei, die auch noch mit mir reden wollen. Es geht also von Tisch zu Tisch. Die Bratwurst nur halb gegessen.
23:50
Geschafft. Ich liege auf meinem Bett. Ein bisschen kaputt, aber Politik kann auch wie eine Droge wirken; heute jedenfalls hat sie mich aufgeputscht.