Fünf Politiker aus fünf Parteien. Keiner von ihnen hat schon den dreißigsten Geburtstag gefeiert, aber alle wollen (wieder) in den Bundestag. Die Chancen von Katherina Reiche (CDU), Hubertus Heil (SPD), Daniel Bahr (FDP), Grietje Bettin (Bündnis 90/Die Grünen), Sandra Brunner (PDS) stehen gut. Zwanzigmal schreiben sie im Tagebuch über Wahlkampf, Visionen, Argumenten: 20 unter 30.
Von Hubertus Heil, Mitglied des Bundestages und SPD-Direktkandidat in Peine/Gifhorn
Wenn Edmund Stoiber die Ergebnisse der Pisa-Studie zitiert und über die Bildungsmisere in den nördlichen Bundesländern wettert, ärgere ich mich stets aufs Neue. Ich habe ein niedersächsisches Abitur. Nachgeworfen hat mir das keiner. Ich habe Goethe, Mann, Lessing und Storm gelesen, im Englischunterricht Shakespeare, die Gedichte von William Blake und natürlich Oscar Wilde.
Der Fehler des Sachkundelehrers
Unsere Sozialkunde- und Geschichtslehrer haben keine Einser fürs Phrasendreschen verteilt. Stattdessen haben wir das Grundgesetz studiert und es mit der Weimarer Reichsverfassung verglichen. Mit unserem Philosophielehrer haben wir über das Demokratieverständnis von Aristoteles gestritten. Und um unsere Matheklausuren anständig zu bestehen musste jeder von uns täglich büffeln.
Als jetzt schon um 3:50 Uhr mein Wecker klingelt entdecke ich die erste gravierende Schwachstelle im niedersächsischen Bildungssystem. Anders als mein Sachkundelehrer in der 3. Klasse behauptete, werden die Tage nach dem 21. Juni nicht kürzer. Seit die heiße Phase des Wahlkampfes begonnen hat, klingelt mein Wecker jeden Morgen zuverlässig fünf Minuten eher als am Vortag. Ein Glück, dass der 22. September nicht mehr fern ist. Sonst wäre ich demnächst schon kurz nach Mitternacht wieder auf Achse.
Früh verteilen
Mein Grundsatz lautet jedoch: Nicht klagen sondern handeln. Nach der Wahl werde ich also einen Brief an meine Kollegin im niedersächsischen SPD-Bezirksvorstand, die Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper, schreiben. Die Sachkundeschulbücher müssen bezüglich der 21-Juni-Regel grundlegend überarbeitet werden. Dazu ist jetzt allerdings keine Zeit.
Denn heute habe ich die zweite Frühverteilaktion dieser Woche. Gemeinsam mit Kollegen von der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen stehe ich vor den Werkstoren verschiedener Unternehmen und verteile beim Schichtwechsel Flugblätter zur Arbeitsmarktpolitik. Auf der Vorderseite ist der Aufruf „Arbeitnehmer für Hubertus Heil und Gerhard Schröder“ abgedruckt.
Mit Greta gegen Stoiber
Arbeitnehmer aus dem ganzen Landkreis appellieren an ihre Kollegen, am 22. September SPD zu wählen. Auf der Rückseite legen sie ihre Gründe dar: Die SPD hat die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wiedereingeführt, die Kohl abgeschafft hatte. Mit dem Betriebsverfassungsgesetz haben wir die Mitbestimmungsrechte von Arbeitnehmern erneuert. Stoiber will nun den Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer antasten, die Feiertags- und Nachtzuschläge von Schichtarbeitern höher besteuern, eine Zwei-Klassen-Medizin einführen, und er hat im Bundesrat das Tariftreuegesetz blockiert. Das sind gute Gründe für die SPD und gegen Stoiber. Einer der Arbeiter bleibt verdutzt stehen. „Ich habe Sie doch erst gestern Abend beim Kandidatenduell vom DGB gesehen. Und jetzt sind Sie schon wieder putzmunter. Wie schaffen Sie das?“
Die Antwort ist ganz simpel: Mit Gerda Grete und der „Bild“. Gerda Grete ist Sozialdemokratin durch und durch. Seit über 40 Jahren ist sie eine der guten Seelen der Gifhorner SPD. Bei jeder Plakatieraktion, jedem Ortsvereinsfest, jedem Infostand ist sie mit ihrem Mann Peter dabei. In der ganzen Stadt ist das Sozi-Ehepaar bekannt. Wenn jemand Probleme hat, fragt er die Gretes um Rat.
Wahlkampf zum Abreagieren
Auch heute ist Gerda natürlich wieder am Ort. Eine Riesenthermoskanne Kaffee hat sie mitgebracht. Die hat sie früher immer ihrem Peter mitgegeben, als der selbst noch schichtarbeiten musste. Zum Kaffee lese ich die „Bild“. Seit Tagen schon bringt mich die Lektüre dieser Zeitung so in Rage, dass ich danach eine ordentliche Portion Wahlkampf zum Abreagieren brauche. Heute ist das nicht anders. Die „Bild“ kürt entgegen allen Umfragen und wider dem, was jeder am Sonntag gesehen hat, Edmund Stoiber zum Sieger des zweiten TV-Duells.
Meine Mitarbeiter beruhigen mich immer, wenn ich gerade wieder auf die „Bild“ schimpfe. Jeder, der den Wahlkampf in den letzten Wochen auch nur am Rande verfolgt hat, bekommt mit, dass sich der Wind zu unseren Gunsten gedreht hat. Mittlerweile sehen uns alle Meinungsforschungsinstitute zumindest gleichauf mit der Union. Auch wenn mich die Parteinahme der „Bild“ nicht gänzlich kalt lässt, weiß ich, dass meine Kollegen recht haben.
Fotofinish
Besonders stark spüre ich das auf einer SPD-Wahlkampfkundgebung im Peiner Stadtpark am selben Abend. Obwohl das Wetter zu wünschen übrig lässt, strömen über 500 Menschen in den Stadtpark. Der Tenor der Gespräche, die ich am Rand der Veranstaltung führe, ist stets der gleiche: Dieses Jahr gibt es ein „Fotofinish“, so knapp wird es. Trotzdem werden wir das Rennen gewinnen. Denn auch wenn noch viel Arbeit vor uns liegt - eine Stoibermannschaft, die nur eine Wiederbelebung des schwarz-gelben Horrorkabinetts der 16 Kohl-Jahre ist, stellt keine Alternative dar.
Die Stimmung ist also wieder optimistisch. In den letzten zwei Wahlkampfwochen wollen sich noch einmal alle ins Zeug werfen. Jeder der Ortsvereine hat etwas auf die Beine gestellt. Überall stehen Infotische, auf dem Rasen ist eine Bodenzeitung ausgebreitet, freiwillige Helfer schmieren Schmalzbrote, grillen Würstchen, brutzeln Kartoffelpuffer. Eine Live-Band spielt „Sweet home Niedersachsen“, als Gastredner Sigmar Gabriel eintrifft. Pünktlich zu dessen Redebeginn entlädt sich dann der Wolkenbruch, der sich den ganzen Tag über schon angekündigt hat. Als mein junges Wahlkampfteam dem Ministerpräsidenten einen Schirm aufspannen will, lehnt der jedoch ab. „Wenn die anderen im Regen stehen, dann halte ich das auch aus.“ Das imponiert den Leuten. Jetzt weiß ich, dass weder Petrus noch „Bild“ uns Sozis noch aufhalten können.