20.06.2011 · Niemand versteht heute so recht, warum je ein Zweifel daran bestehen konnte, dass Berlin der richtige Ort sei. Alle Ängste, Befürchtungen und Vorurteile haben sich als unbegründet, wenn nicht als abstrus erwiesen.
Von Jasper von AltenbockumZwanzig Jahre nach der Entscheidung für Berlin ist längst eingetreten, was Wolfgang Schäuble in seiner legendären Rede in der Bonner Bundestagsdebatte über den Sitz von Parlament und Regierung damals bemerkt hatte: Niemand versteht so recht, warum je ein Zweifel daran bestehen konnte, dass Berlin der richtige Ort sei. Alle Ängste, Befürchtungen und Vorurteile, die damals in dem spitzfindigen Diktum gipfelten, Geschichte dürfe sich nicht wiederholen, haben sich als unbegründet, wenn nicht als abstrus erwiesen. Die Irrtümer von damals sind allerdings so groß, dass sie einen landläufigen Irrtum verdecken: Die Entscheidung für "Berlin" habe sich gegen "Bonn" gerichtet. Hat sie aber nicht.
Die dramatische Abstimmung vom 20. Juni 1991 ist das eine; das andere ist das Bonn-Berlin-Gesetz, das am 26. April 1994 verabschiedet wurde. Dazwischen liegt der Grund, warum aus Berlin nicht das Monster werden kann, zu dem es mancher Gegner des Umzugs hatte machen wollen, und warum Bonn nicht die Provinz geworden ist, die es aus Berliner Sicht immer schon zu sein schien. Das Gesetz ist ein Kompromiss, in dem sich all das widerspiegelt, was diese Republik ausmacht, ob nun die "Bonner" oder die "Berliner". Kern des Gesetzes: Jedes Ministerium behält einen Sitz in der "Bundesstadt" Bonn, etliche Ministerien sogar ihren ersten Dienstsitz, und die Mehrheit der Beamten und Angestellten aller Ministerien "soll" ebenfalls in Bonn arbeiten. Die Bundesrepublik hatte damit in guter Tradition wieder einmal unitarisch gedacht, föderal gehandelt; im "soll" steckte das Hintertürchen für die Wirklichkeit.
Über dieses Hintertürchen wird seither immer wieder gestritten. Warum es halb geschlossen sei, fragen die Berliner, warum halb geöffnet, die Bonner. Die Berliner können auf die Kosten, kurzen Wege, die Kraft des Faktischen bauen - und auf das Bild vom "Wanderzirkus", den niemand haben will, für den der Staat eine statische Angelegenheit ist. Doch der eigentliche Verbündete Berlins ist die Zeit. Schon heute wird das "soll" des Gesetzes überstrapaziert; längst gibt es in Berlin mehr Arbeitsplätze der Regierung als in Bonn. Längst gibt es auch ein Modell für die Zeit danach, vorgemacht vom Justizministerium, das komplett umzog und in Bonn ein (billiges?) Bundesamt für Justiz hinterlassen hat.
Die Bonner wiederum können die Milliarden, die ein Umzug mit Sack und Pack kostete, gegen die Millionen verrechnen, die das Pendeln kostet, können einen bunten, internationalen Behördenpark ins Feld führen, dessen lange Wege immer kürzer werden, je größer er wird; können schließlich fragen, welches verkrüppelte Politikverständnis dazu führt, den jährlichen Transport von 750 Tonnen Akten als Verschwendung anzuprangern. Die Bonner können vor allem darauf bauen, dass eine grundlegende Änderung des Bonn-Berlin-Gesetzes einen neuen Ausgleich bedeuten müsste und dass dieses Fass niemand noch einmal aufmachen möchte.
Schon deshalb nicht, weil die Reden der dann fälligen Umzugsdebatten wahrscheinlich nicht so schön wären wie die vom 20. Juni 1991. Der Aufbruch zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas ist vorbei, die Baustelle hat sich in eine Werkstatt verwandelt, aus Symbolen sind Tatsachen geworden und aus neuen Tatsachen schon wieder Symbole. Zum Beispiel Berlin. Weder 1991 noch 1994 wurde festgelegt, was der Regierende Bürgermeister Wowereit jetzt gerne als vollendete Tatsache darstellt: "Für die Menschen ist heute klar: Berlin ist die Hauptstadt der Deutschen, und Berlin ist der Sitz der Bundesregierung." Daran stimmt nur der zweite Teil. Aus dem ersten spricht die Großspurigkeit, mit der die Wichtigtuer dieses Landes meinen, alle Wege führten nach Berlin.
Die Hauptstadt ist nach dem Fall der Mauer zum Magneten geworden, der eine junge, kreative europäische Avantgarde anzieht. Das wäre sie vielleicht auch geworden, ohne Hauptstadt zu sein. Die Kombination verführt zum Glauben, hier könnten die Gesetze deutscher Staatlichkeit, Kultur und Vielfalt außer Kraft gesetzt werden. Als müssten sich Politik, Kultur, Geist und Macht an einem Ort verbinden, damit eine Hauptstadt auch wirklich die Hauptstadt ist. Das wird es in Deutschland aber nicht geben, selbst wenn in Berlin das Schmunzeln darüber besonders groß sein müsste, dass Landeshauptstädte wie Stuttgart darum kämpfen, ihren Hauptbahnhof zu erweitern. Die Entscheidung für Berlin vor zwanzig Jahren wurde dadurch gerade erleichtert, dass nicht nur die Erfahrungen der jüngsten Geschichte, sondern auch die Traditionen der älteren dafür sprechen, dass sich am Spreebogen keine Gouvernante niederlässt.
Den Wowereits dieser Welt sei deshalb gesagt: Die Hauptstadt Deutschlands ist Berlin. Die Deutschen aber haben noch immer die Hauptstadt, die ihnen am nächsten ist. So gesehen mag Berlin der richtige Ort sein. Es kann aber auch Bonn sein oder Bienenbüttel. Oder Boston. Oder Breslau.