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17. Juni 1953 : Verschleppt, gefoltert, verurteilt

  • -Aktualisiert am

Ein Rias-Reporter berichtet über den 17. Juni - sechs Jahre und neun Monate Hohenschönhausen.

          Es ist kein gewöhnlicher Fernsehabend für Richard Baier. Die ARD sendet den Politthriller "Zwei Tage Hoffnung". Hauptfigur ist ein Reporter, der für den Rias Berlin arbeitet und die Vorgänge am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin hautnah miterlebt. Den Stoff für das Drehbuch hätte Baier liefern können. Für den ehemaligen Reporter des Rias Berlin, der heute, 76 Jahre alt, bei Kassel lebt, ist es, als säße er in einer Zeitmaschine.

          Er findet sich wieder im Juni 1953 in Ost-Berlin, auf den Straßen zwischen Stalinallee und Leipziger Platz, sieht die wütenden Menschen, die Panzer der Roten Armee. Quäkende Lautsprecherstimmen verkünden den Ausnahmezustand. Vor Baiers Augen erscheinen brennende Kioske und berstende Fensterscheiben und Menschen, die mit Holzprügeln und Steinen gegen Panzer vorgehen. Das Columbus-Haus wird angesteckt. "Hier vermutete man eine Volkspolizei-Leitstelle, fand aber nur ein Depot der Handelsorganisation", sagt Baier. Er hält einen Moment inne: "Wenn die Russen gewollt hätten, dann hätten sie ein Blutbad anrichten können."

          Stoff für eine Fortsetzung

          Richard Baier könnte auch den Stoff für eine Fortsetzung des Films liefern. Eine Geschichte über geheimpolizeiliche Operationen, Bespitzelung, Verschleppung, über die Verhöre und Folter in den Stasi-Verliesen und den zermürbenden Alltag eines "Politischen" im Regelstrafvollzug. Im Film bekommt der Reporter drei Jahre Zuchthaus, Baier wurde zu 13 Jahren verurteilt.

          Nach dem Studium der Publizistik in Marburg zieht Baier 1950 nach Berlin und arbeitet unter anderem als Reporter für den Rundfunk im Amerikanischen Sektor. Da er eine Wohnung in Ost-Berlin bezogen hat, spürt er die Stimmung in der Bevölkerung. Schon Tage vor der Eskalation der Ereignisse im Juni 1953 bemerkt er die wachsende Unruhe. Die Versorgungslage, so schildert er, hat sich Wochen und Monate vor dem 17. Juni dramatisch verschlechtert. Durch Engpässe bei der Materialzulieferung können die geforderten Produktionsmengen nicht erreicht werden, die Arbeiter können die Normen nicht erfüllen und müssen deshalb Lohneinbußen hinnehmen. Die Verkündung von Normerhöhungen um zehn Prozent am 28. Mai 1953 heizt die Stimmung an. Bald flattern an Baustellen in der Stalinallee, Walter Ulbrichts geplanter sozialistischer Prachtstraße, Transparente mit der Forderung: "Runter mit den Normen". Es brodelt.

          "Im Osten tut sich was", berichtet Baier am 15. Juni den Kollegen in der Redaktion. Am 16. Juni werden die Unmutsäußerungen lauter. Einige hundert Bauarbeiter ziehen in ihren weißen Arbeitsanzügen zum Haus der Ministerien, Tausende von Ost-Berlinern schließen sich an. Der Reporter spricht mit den Menschen und notiert ihre Forderungen. "Es geht zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr nur um die Rücknahme der Normen, die Arbeiter fordern die Verbesserung der Arbeits-Lebensbedingungen, Erhöhung der Lebensmittelrationen auf den Lebensmittelkarten, besseres Mehl und Kartoffeln."

          Erste Sowjet-Panzer rollen

          Während Baier die Vorgänge in Berlin Mitte verfolgt und telefonisch an den Sender meldet, erscheint eine Delegation von ostdeutschen Bauarbeitern beim Rias und dessen Chefredakteur Egon Bahr. Ihr Ersuchen, ihren Aufruf zu einem Generalstreik zu senden, wird vom amerikanischen Direktor des Rias, Gordon Ewing, mit Nachdruck zurückgewiesen. "Den Amerikanern paßte in jenen Tagen eine Konfrontation mit der Sowjetunion nicht ins Konzept." Der Termin für die Versammlung auf dem Strausberger Platz am 17. Juni aber wird mehrmals über den Äther mitgeteilt.

          In den frühen Morgenstunden des 17. Juni rollen die ersten Sowjet-Panzer auf Berlin zu. Gegen sieben Uhr ist auch Rias-Reporter Baier wieder in Berlin Mitte. Demonstrationszüge sind zum Stadtzentrum unterwegs. Es ist kühl und regnerisch an diesem Vormittag. "Die Demonstranten erheben jetzt politische Forderungen, sie wollen den Rücktritt der Regierung und freie und geheime Wahlen." Baier erinnert sich, daß der massive militärische Einsatz am späten Mittag einsetzt. Er sieht Panzer und Mannschaftswagen vom Alexanderplatz kommen. Sie fahren langsam, stoppen, rollten wieder an und schieben die Menge vor sich her. Ihre Kanonen sind halb nach oben gerichtet, auch die Soldaten halten die Läufe ihrer Kalaschnikows nach oben. Sie geben vereinzelt Warnschüsse in die Luft ab. Baier hört das Pfeifen der Kugeln.

          Bis zum Abend ist Ost-Berlin nahezu abgeriegelt. Zwischen 18 und fünf Uhr wird in der ganzen DDR eine Ausgangssperre verhängt. Über Nebenstraßen und Hinterhöfe schleicht sich Baier in den Westteil zurück und verbringt die Nacht und den 18. Juni in der Rias-Redaktion. "An Schlafen war nicht zu denken, wir waren viel zu aufgeputscht von den Ereignissen."

          Sechs Stunden in einer Stehzelle

          Am 19. Juni kehrt Baier wieder in seine Wohnung in Ost-Berlin zurück. Die Lage hat sich weitgehend normalisiert. Noch wird er nicht behelligt. Es vergehen knapp zwei Jahre, dann wird der Rias-Reporter auf offener Straße von Stasi-Leuten verhaftet. "Ich hatte mich am 11. April verlobt und wurde am 13. April 1955 morgens um 7.30 Uhr in der Marienstraße festgenommen." Zwei Männer stellen sich Baier in Weg, packen ihn und zerren ihn in einen Wartburg. Baier wird in das berüchtigte Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Im "U-Boot", dem Stasi-Verlies im Keller des Gefängnisses, lernt er die Palette perfider Verhörmethoden am eigenen Leib kennen. Befragungen finden nur nachts statt, Inhaftierte werden mit Handschellen tagelang an Heizungsrohre gekettet. Baier wird sechs Stunden in eine Stehzelle von der Größe eines Besenschranks gesperrt. Erspart bleibt ihm die gefürchtete Wasserzelle, in der die Opfer bis zum Hals im Wasser stehen. "Nach einigen Wochen bist du so weit, daß du alles sagst, was die hören wollen", sagt Baier.

          Viele seiner Leidgenossen gehen an der psychischen Folter zugrunde. Richard Baier braucht Jahre, bis er nachts ohne Albträume durchschlafen kann. Nahezu ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen fällt es ihm nicht leicht, darüber zu sprechen. Immer noch quälen ihn die Erinnerungen: "Es fehlten eigentlich nur die Gaskammern."

          Mit fünf weiteren Angeklagten steht Baier drei Monate später vor dem Tribunal. Den Verteidiger hat er erst am Vortag gesehen. Der Prozeß ist eine Farce. Wegen seiner Tätigkeit für den Rias, nach den Worten des Generalstaatsanwaltes "eine der übelsten Spionageorganisationen des Westens", wird Baier auf persönliche Weisung Ulbrichts zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der mitangeklagte 27 Jahre alte Joachim Wiebach wird zum Tode verurteilt. "Ulbricht hatte unter das vorgefertigte Urteil bei ihm das Wort lebenslänglich durchgestrichen und Vorschlag Todesurteil darübergeschrieben."

          Nach sechs Jahren und neun Monaten wird Baier am 21. August 1961 entlassen. Am 13. August war die Mauer gebaut worden. "Meine Freilassung sollte eigentlich schon im November 1960 erfolgen, doch auf Anweisung von Stasi-Chef Erich Mielke wurde das verschoben." Der Weg in den Westen ist versperrt. Baier darf nicht nach Berlin zurück, bekommt Berufsverbot, wird überwacht und bespitzelt. Und vor allem, er darf mit niemandem über diese Zeit sprechen. Ehefrau Ute, die er 1968 heiratet, erfährt erst viel später von der Vergangenheit ihres Mannes. Baier ist frei, doch Schikane und Bespitzelung gehen weiter. Stoff für eine weitere Fortsetzung des Films. "Wer will das heute noch hören?" fragt Baier.

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