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15 Jahre nach dem Mauerfall Die Herkunft ist kein Argument

09.11.2004 ·  Die Berliner haben aufgehört, über Ost und West zu reden. Die Herkunft wird nicht mehr als politisches Argument eingesetzt. Die innere Einheit der Stadt Berlin ist 15 Jahre nach dem Mauerfall hergestellt.

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Eine lustige Berliner Witwe hat abermals bewiesen, daß das Publikum eher über eingängige Kopien bittere Tränen vergießt, als daß es authentische Orte aufsucht und nach Relikten historischer Ereignisse fragt.

Am Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen dem westlichen Kreuzberg und dem östlichen Bezirk Mitte, der für West-Berliner gesperrt war, hatte ihr Ehemann ein überaus populäres Mauermuseum gebaut.

Eine Mauer, wo nie eine stand

Es verhöhnt Museumsdidaktik, indem dort einfach alles, was irgendwie mit dem Bauwerk zu tun hatte, irgendwie gezeigt wird. Seit einigen Jahren ist es ein Privatunternehmen; die Gemeinnützigkeit hat der Trägerverein noch zu Lebzeiten des Alten aufgegeben. Der konnte sich vieles herausnehmen; sein Leben bezeugte seinen Mut und seine Ernsthaftigkeit.

Die Witwe ist der Auffassung, Berlin gedenke der Mauertoten nicht angemessen, also baute sie eine Mauer, wo nie eine stand, und installierte ein Kreuz für jeden der über tausend Toten. Ihr neuer Themenpark am ehemaligen Checkpoint ist ein Hit: Genau das hat in Berlin gefehlt.

Stumm verzweifelt sehen es die Mitarbeiter der Gedenkstätten und die Hüter der echten Mauerreste. Gleich neben dem Preußischen Landtag und dem Martin Gropius Bau steht die Mauer noch; zerpickt von den souvenirjagenden Mauerspechten. Sie macht nicht viel her. Auch das Metallband, das den Verlauf der Mauer mitten durch die Stadt jedem Besucher sichtbar machen könnte, ist Stückwerk geblieben.

Kümmerlich ausgestattetes Dokumentationszentrum

In der Bernauer Straße, wo es beim Bau der Mauer zu ergreifenden Szenen kam, stehen ein kümmerlich ausgestattetes Dokumentationszentrum und das offizielle - ebenfalls in Mauerform gehaltene - deutsche Denkmal für die Mauer. 15 Jahre nach dem 9. November 1989, an dem die Mauer endlich fiel, steht das offizielle Berlin entgeistert vor der Tatsache, daß ihm die Mauer fehlt.

Den alten Satz, daß die deutsche Frage offen sei, solange das Brandenburger Tor geschlossen sei, könnte man für die Beschreibung der politischen Verhältnisse im Land Berlin so umformulieren: Weil die Berliner verstehen, daß sie die Mauer brauchen, ist die innere Einheit der Stadt Berlin hergestellt.

Anders als in Brandenburg, wo im Wahlkampf versucht wurde, aus der Herkunft von Politikern ihre Eignung für Posten in der Landesregierung abzuleiten, wird in Berlin die Herkunft aus dem Osten oder Westen nicht mehr als politisches Argument eingesetzt. Das verdankt sich ausgerechnet der Regierungsbeteiligung der PDS, deren gutes Abschneiden in Ost-Berlin jahrelang die SPD in die große Koalition mit der CDU zwang, die ihrerseits in West-Berlin dominant war.

„Das sechste neue Bundesland“

Seit die SPD vor drei Jahren das Tabu gebrochen hat und eine Koalition mit der PDS eingegangen ist, wird gespart. Wo Diepgens große Koalition zehn Jahre nach dem Mauerfall den „Aufbau Ost vor Ausbau West“ und in allem Westniveau anstrebte, hat Rot-Rot den öffentlichen Dienst in ein Abkommen gezwungen, mit dem eine Milliarde Euro an Personalkosten gespart wird.

Heute stellt sich der Berliner Regierende Bürgermeister ganz selbstverständlich zu den Ministerpräsidenten der (armen) neuen Länder. „Wir sind das sechste neue Bundesland.“ Berlin war zweimal Pionier: In den neunziger Jahren ließ es sich aus der Tarifgemeinschaft deutscher Länder ausschließen, weil es vor den vereinbarten Fristen im öffentlichen Dienst Westgehälter bezahlte, nun geht Rot-Rot voran, wenn es um Lohnkürzung oder Arbeitszeitverlängerung geht.

Ein Ostdeutscher im Senat

Zum fünfzigsten Jahrestag des Aufstands am 17. Juni 1953 beendete die Berliner PDS den untauglichen Versuch, die Politik ihrer Vorgängerpartei SED zu beschönigen: Sie finanzierte eine Edition von SED-Dokumenten. Der junge Partei- und Fraktionsvorsitzende Stefan Liebich sagte bei der Präsentation kühl, es sei jedem Parteimitglied zuzumuten, persönliche Erinnerungen mit den Dokumenten abzugleichen.

Einziger Ostdeutscher im Senat ist der Wissenschafts- und Kultursenator Thomas Flierl. Sein Vorhaben, alle im Reformprozeß entlassenen Berliner Wissenschaftler feierlich im Roten Rathaus zu empfangen, quittierte der Regierende Bürgermeister mit eisiger Ablehnung. Ihm wird von manchen der Ehrgeiz verübelt, Ostler zu berufen. Was ihm und möglicherweise der Sache jedoch mehr schadet als die vermeintliche Bevorzugung von Bürgern aus den östlichen Bundesländern, ist sein unkommunikativer Führungsstil. Sowohl der Wirtschaftssenator als auch die Sozialsenatorin stammen aus dem Westen, was ihnen in Ost-Berlin nicht vorgeworfen wird und in West-Berlin nicht hilft.

„Untergangserfahrene Generation“

Auch in Berlin wurde im Sommer gegen die Arbeitsmarktreform demonstriert, aber nicht etwa nach Ost und West getrennt, sondern nach unversöhnlichen Rissen im Lager der Veranstalter. Die einen wollten ihren Protest auf Rot-Grün im Bund beschränken, während die anderen auch Rot-Rot in Berlin anklagen wollten. Daß Hartz IV „Gift für den Osten“ sei oder daß man es, kaum beschlossen, wieder abschaffen solle, wie die wahlkämpfende PDS es in Brandenburg und Sachsen verlangte, wurde hier nicht behauptet und gefordert.

„Wir respektieren natürlich Bundesgesetze“, sagen die von der PDS gestellten Senatoren. Der CDU-Abgeordnete Mario Czaja sagte neulich, in Deutschlands Nordosten lebte eine „untergangserfahrene Generation“, der die Fehlentwicklungen durch reformscheue Politik deutlicher vor Augen stehe als den Rheinländern, die so innig am „Et is noch immer jut jejangen“ festhielten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004
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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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