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15 Jahre danach „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

Nach seinem DDR-Besuch vor 15 Jahren wurde Gorbatschow überall mit dem Jahrhundertspruch zitiert. Doch der historische Satz war auf keiner Aufnahme zu finden. Wer hat ihn wirklich gesagt?

© dpa Begrüßung mit Bruderkuß: Gorbatschow und Honecker

Der 40.Geburtstag der DDR, damals, vor ziemlich genau fünfzehn Jahren, war ein eher unglücklicher: Dem Staat lief gerade das Volk weg. Züge mit Hunderten von Flüchtlingen aus der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag rollten durchs Land. Tag für Tag krochen junge Leute in Ungarn durch einen aufgeschnittenen Zaun in den Westen.

Derweil sangen in der Volkskammer alte Männer mit Arbeiterliedern gegen den Wind des Wandels an, als könnte das noch helfen. Zum Staatsgeburtstag kam Michail Gorbatschow nach Ost-Berlin. Was würde er sagen bei seinem Besuch im Frontstaat, fragte sich die Welt. Doch als der Kreml-Chef wieder abreiste und überall mit den Worten „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zitiert wurde - und diese Worte eine gewaltige Wirkung entfalteten -, da war Gorbatschows Jahrhundertspruch auf keinem Tonband, keiner Filmrolle zu finden.

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„Er kam direkt auf uns zu“

Wie also ist er in die Welt gekommen? Der 6.Oktober 1989 war ein klarer Herbsttag. Die Limousine des sowjetischen Staatsgastes rollte durch ein leer geräumtes Ost-Berlin, dessen Boulevards jetzt noch breiter aussahen als sonst. Gruppen jubelten am Straßenrand, manchmal rief jemand „Gorbi“, und Fahnen wehten. An der Neuen Wache unter den Linden stoppte die Wagenkolonne. Und dann: Nach der Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus trat Gorbatschow vor das Mahnmal und nahm überraschend Blickkontakt mit der Kamera der ARD auf.

„Er kam direkt auf uns zu“, erinnert sich Claus Richter, damals bei der „Tagesschau“, an soviel Reporterglück. Hatte es das schon mal gegeben - einen Sowjetführer, der vor der Westpresse spontan eine Erklärung abgibt? Es war ein langes Statement. DDR-Dolmetscher Arno Lange übersetzte im Hintergrund, aber an die genauen Worte erinnerte sich, wie so oft beim Fernsehen, nachher niemand mehr.

Alles passierte zur gleichen Zeit

Sondern an Gorbatschows pochende Schläfen, den malenden Unterkiefer - an die eigene Gänsehaut beim Gefühl, daß sich in diesem Moment die Geschichte ballte und man zusah. Die Szene an sich war die Botschaft. Ungefähr 30 Millionen Zuschauer sahen die Sternstunde am Abend in der „Tagesschau“. Am Tag danach, am 7. Oktober, passierte alles zur gleichen Zeit. Während der Staatsbesuch nach sozialistischem Prunkritual ablief, sammelten sich auf den Straßen die ersten Demonstranten.

Auch lagen die Spannungen zwischen Hardliner Honecker und Reformer Gorbatschow jetzt offen. Am Vormittag nahmen die beiden gemeinsam die Truppenparade ab, aber nachher war Gorbatschow im DDR-Fernsehen am Bildrand immer mal wieder abgeschnitten. Grauenvoll muß die Stimmung um die Mittagszeit beim Vier-Augen-Gespräch der beiden und bei der Sitzung mit dem Politbüro im Schloß Niederschönhausen gewesen sein.

In der DDR ein Fanal

Am Nachmittag saßen die Cutter beim ostdeutschen Fernsehen in Adlershof und schnitten die provozierenden „Gorbi“-Rufe aus den Filmen. Als der russische Staatschef gegen Abend beim Festakt seine Toasts auf die DDR ausbrachte, begannen die großen Demos ganz in der Nähe am Alexanderplatz. Die ersten Kommentatoren im Westen zeigten sich enttäuscht über die Zurückhaltung des sowjetischen Staatschefs, da stand plötzlich in allen Medien dieser Satz: „Wer zu spät kommt...“ wurde ein Schlüsselwort zur deutschen Einheit - der Anfang vom Ende der DDR.

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