11.09.2002 · Ein Erdbeben in Lissabon erschütterte am 1. November 1755 die westliche Welt. Zum 11. September 2001 gibt es manche Parallele.
Von Susanne ScheererEs war keine Naturkatastrophe. Es war ein Terroranschlag. Dennoch reagierten viele Menschen beim Anblick zweier berstender Türme, als ob sich hinter dem Inferno ein höherer Plan oder doch zumindest eine Art irdisches Strafgericht verbergen musste. Die Katastrophe durfte nicht unerklärt bleiben. Die Suche nach einer Rechtfertigung begann. Antwort auf die Gründe für das Unheil aus der Luft und Hilfe erwarteten manche sogar von oben. Der Name des Höchsten ging reflexartig über die Lippen. Das monströse Verbrechen wurde zeitweise ins Metaphysische transzendiert. Ausgerechnet die „Bild“-Zeitung titelte am 12. September 2001 wider alle Diesseitigkeit: Großer Gott steh uns bei!
Wie sich die Bilder gleichen: An Allerheiligen des Jahres 1755 bebte um 9 Uhr früh die Erde in Europa. Es war ein sonniger 1. November, an dem die portugiesische Hauptstadt Lissabon in Schutt und Asche gelegt wurde. Die erste Nachricht von der Naturkatastrophe, die 28 Tage später über Paris nach Deutschland kam, berichtet von einer Stadt, „die gegenwärtig nichts als ein Steinhaufen ist, worunter mehr als 30.000 Menschen lebendig begraben wurden.“
Reiche Metropole
Wie die Terroranschläge von New York und Washington so fällt auch das Erdbeben von Lissabon nicht in irgendeine Zeit, ereignet sich nicht an irgendeinem Ort. Portugal hatte sich durch die Ausbeutung brasilianischer Gold- und Diamantminen einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet. Lissabon war der Umschlagplatz für diese wertvollen Rohstoffe, die zum großen Teil nach England weitertransportiert wurden.
In den großen europäischen Handelsstädten London, Hamburg, Amsterdam oder Venedig nahmen die Zeitgenossen die Zerstörung deshalb vor allem als Rückschlag ihrer Wirtschaftsbeziehungen wahr. Hamburg meldete: „Es kann nicht fehlen, man wird den Schaden dieses Unglücks auch hier empfinden, weil die Handlung nach Lissabon eine von denjenigen ist, welche sich hier bishero noch am besten erhalten hat“.
Alles stand plötzlich in Frage
Tiefer als die europäischen Kaufleute erschütterte das Erdbeben die gelehrte Welt. Plötzlich stand vieles auf dem Prüfstand und alles in Frage. Nach dem 30-jährigen Glaubenskrieg des vorangegangenen Jahrhunderts war endlich Frieden eingekehrt in Europa. Auf dem alten Kontinent lebten die Menschen in einem Zeitalter der Aufklärung, in dem die Vernunft den Aberglauben, das irdische Streben nach Glückseligkeit die Jenseitsgläubigkeit des Barock abgelöst hatten. Es war das Zeitalter der Empirie und der Wissenschaft, der Philanthropie und der Pädagogik. Natur und Mensch schienen berechenbar geworden zu sein. Vieles deutete auf eine glückliche Zukunft hin, auf einen gütigen Gott und darauf, dass man tatsächlich in der „besten aller möglichen Welten“ (Leibniz) lebte.
Voltaire zweifelt an der Ordnung der Welt
Unter den Philosophen der Zeit war es vor allem Voltaire, der unter dem Eindruck der Opfer und der Zerstörung diese vorgebliche Harmonie der Welt, wie sie Leibniz in seiner Theodizee („Rechtfertigung Gottes“) entworfen hatte, lautstark hinterfragte. An seinen Bankier Tronchin in Lyon schrieb er: „ Da sehen Sie, mein Herr, wie grausam die Natur ist. Man wird Mühe haben zu erraten, wie die Gesetze der Bewegung so entsetzliche Verwüstung in ´der besten aller möglichen Welten´ anrichten. Tausend Ameisen auf einen Schlag in unserem Ameisenhaufen zerquetscht, und die Hälfte gehen gewiss in unsäglicher Angst inmitten dieser Trümmer unter, aus denen sie keiner retten kann: ruinierte Familien am Rande Europas, und das Vermögen von hundert Kaufherren Ihres Landes in den Ruinen von Lissabon versunken.“
Gottsched mahnt zur Mäßigung
Andere dagegen - wie der Leipziger Literatur-Papst Johann Christoph Gottsched - deuteten das Ereignis als einen bewussten Akt göttlicher Verwüstung, als Strafaktion für die Hybris eines sich emanzipierenden Stadt-Bürgertums: „Oh Herr! Vor dessen Wink auch Fels und Berge beben, von dessen Odem sich auch Flut und Wellen heben, wie schrecklich ist dein Zorngericht! Es kostet dich dein viertelstündig Wetter, so sinkt die Welt! Und wo ist dann ein Retter? Und du, o Mensch, erzitterst nicht! Ihr Spötter schweigt! Lasst ab von eurem Hohne. Gott schlägt das Haupt, und ganz Europa bebt! Ihr stolzen Städte zagt! Und merkt´s an eurer Krone; wer weiß, wann euch sein Zorn in Schutt und Graus begräbt? Nicht Lissabon allein hegt Sünder: Wen dieser Fall nicht lehrt, dem droht sein Grimm nicht minder.“
Beides, Gottscheds Moral und Voltaires Zweifeln, ist typisch für das Denken des 18. Jahrhunderts. Doch während sich Voltaire jeder Sinnsuche verweigert, untersucht Gottsched die Katastrophe nach dem rationalen Prinzip von Ursache und Wirkung. Am Ende birgt das Erdbeben für die Menschen sogar eine Lehre. Gottscheds Reim ist Aufruf zur Mäßigung, die Katastrophe gerät unter seiner Feder zum Vehikel permanenter Kritik an den ungezügelten Leidenschaften des Menschen.
Anerzogene Denkmuster westlicher Kultur
Wie sich die Reaktionen gleichen. Freilich lässt sich über die mutmaßliche Motivlage jener 19 Attentäter, die das World Trade Center zum Einsturz brachten und das Pentagon angriffen, eher spekulieren als über den Zorn einer gekränkten Gottheit. Auffallend ist jedoch die Ähnlichkeit in den moralisch-belehrenden Denk- und Argumentationsmustern: Je weiter weg vom Tatort desto mehr waren Beobachter bestrebt, die Terroranschläge von New York und Washington nach dem rationalen Prinzip von Ursache und Wirkung zu erklären, erlagen der Versuchung aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer zu machen.
Kaum hatte sich der Staub der Zwillingstürme über die Toten gelegt und die geistige Welt ihre Besinnung wieder gefunden, da sinnierten Intellektuelle unablässig über die Gründe für das Unfassbare. Mal wurden die Anschläge als Verzweiflungstat, mal als Strafaktion Unterdrückter gegenüber einer hegemonialen Kultur gedeutet. Die Hybris der einzig verbliebenen Weltmacht wurde verantwortlich gemacht für Ground Zero. Und die Weigerung Washingtons, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, galt manchem als der Tropfen, der das Fass der Wut zum Überlaufen gebracht hatte.
Amerika, so eine weit verbreitete Meinung, hatte den Terror, den es erdulden musste, selbst verschuldet. Nun musste das Land Lehren aus der Katastrophe ziehen. Den Terroristen jedoch wurden rationale Motive zugebilligt, sie verkörperten in den Augen mancher Moralisten eine Art weltliches Strafgericht. Massenmord als Sühne.
Die Kritiker aber, die derlei Erklärungsversuche als plumpen Anti-Amerikanismus abtaten, übersahen, dass es sich dabei nicht nur um Ressentiments, sondern auch um anerzogene Denkmuster westlicher Kultur handelte. Tugendrichter wie Gottsched hätten sich möglicherweise einen ähnlichen Reim auf die Terroranschläge des 11. September gemacht. Noch bevor Lessing die Bühne betrat und gegen die Eindimensionalität seine „gemischten“, mitfühlenden Charaktere setzte, regierte der duldsame Stoiker mit einer zweifelsfreien Moral das deutsche Schauspiel. Hier gab es - anders als bei Voltaire - kein ungerechtfertigtes Leid. Es ist dieser Teil unseres aufklärerischen Erbes, der sich nach dem 11. September wieder zu Wort meldete - und den wahren Opfern jedes Mitleid versagte.