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11. September 2001 Rausch der Vernichtung

08.09.2006 ·  Was die Anschläge auf Amerika vor fünf Jahren so einzigartig macht, ist ihre Monstrosität, ist der einem Milliardenpublikum in Echtzeit vorgeführte grenzenlose Vernichtungsrausch. Ebenso dramatisch waren die Folgen.

Von Klaus-Dieter Frankenberger
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Die Geschichte des islamistischen Terrorismus begann nicht am 11. September 2001. Bin Ladin hatte seine Kriegserklärung gegen „Juden und Kreuzfahrer“ 1998 verfaßt; kleinere und verheerende Anschläge hatte es schon in den neunziger Jahren gegeben - erst als Flugzeuge zu Raketen umfunktioniert und Amerika im Zentrum seiner wirtschaftlichen und politisch-militärischen Macht und seines Selbstbildes getroffen wurde, erinnerte man sich des ersten Anschlags auf das World Trade Center 1993.

Was das Geschehen vor fünf Jahren so einzigartig macht, ist seine Monstrosität, ist der einem Milliardenpublikum in Echtzeit vorgeführte, im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlose Vernichtungsrausch der islamistischen Täter und ihrer Anführer. Als mindestens so dramatisch haben sich die politischen, militärischen und (völker-)rechtlichen Folgen erwiesen: für die Weltpolitik, für das Verhältnis von Freiheit und innerer Sicherheit, das in Zeiten terroristischer Bedrohung liberale, offene Gesellschaften neu austarieren müssen.

Die Kluft ist tiefer und breiter geworden

Unter Amerikas Führung wurde erst das Regime der Taliban in Afghanistan, welches die Terroristen der Al Qaida beherbergt hatte, und dann das des irakischen Diktators Saddam Hussein gestürzt. Während der „Krieg gegen den Terror“ - der semantische Streit über Sinn oder Unsinn dieses Begriffs ist bis heute nicht entschieden - breite Unterstützung fand, führte die Irak-Politik des amerikanischen Präsidenten und des britischen Premierministers zu beispiellosen Verwerfungen. Die reichten bis hin zum Versuch innerwestlicher Gegenmachtbildung. Der Zusammenhalt, der unter dem Eindruck der kollabierenden Zwillingstürme beschworen wurde, löste sich im Irak-Zerwürfnis auf.

Seitdem ist die Kluft zwischen der arabisch-muslimischen Welt und den Vereinigten Staaten (aber auch dem Westen insgesamt) tiefer und breiter geworden. Die amerikanische Politik und die handelnden Schlüsselakteure - vom Präsidenten bis zum Verteidigungsminister - treffen selbst in Europa unverändert auf großes Mißtrauen und Ablehnung. Das ist bedauerlich und auf der Kostenseite der Politik Bushs zu buchen.

Blutspur von Asien bis Europa

Daß Al Qaida, die lokalen Ableger dieses Netzes und die von dessen Ideologie Inspirierten transkontinental operieren, ist in den vergangenen Jahren offenkundig geworden. Bali, Djerba, Casablanca, Riad, Madrid und London - blutig ist die Spur, welche die Terroristen von Asien bis nach Europa gelegt haben. Dabei ist es gelungen, viele Köpfe von Al Qaida auszuschalten; aber sie scheinen nachzuwachsen wie die der Hydra.

Zweierlei ist dabei besonders bedenklich: Der Irak ist zum neuen Trainingsplatz für vagabundierende Dschihadisten geworden; und unter jungen Muslimen in Europa, besonders unter denen pakistanischer Herkunft in Britannien, lassen sich nicht wenige in ihrer islamischen Identität indoktrinieren und bis zur terroristischen Gesinnung radikalisieren. Es stellt die betroffenen westlichen Gesellschaften vor fundamentale Fragen, wenn eine beträchtliche Zahl der einheimischen Muslime Anschläge auf U-Bahnen für eine gerechte, gute Sache hält. Die Antworten darauf fangen bei der polizeilichen Überwachung allenfalls an.

In den Grauzonen des Rechts

Manche würden die Antwort auch auf eine Änderung westlicher, speziell amerikanischer Außenpolitik ausweiten. Da ist dann in erster Linie das Verhältnis zu Israel und zu den Palästinensern gemeint; der Irak-Krieg kommt als späteres Mobilisierungsphänomen hinzu. Mal von der in der islamischen Welt verbreiteten Opferselbstdarstellung abgesehen und auch davon, daß der Al-Qaida-Terror nicht mit dem Sturz Saddams begann und seine Protagonisten nichts weniger im Sinn haben als einen israelisch-palästinensischen Ausgleich: Demokratische Staaten können sich nicht von (potentiellen) Mördern vorschreiben lassen, welche Politik sie zu betreiben und welche sie zu unterlassen haben.

Nach jenem Tag im September vor fünf Jahren war oft die Auffassung zu hören, fortan werde nichts mehr so sein wie bisher. Manches ist so gekommen - man denke nur an die neuen Allianzen, die sich wenigstens für einen gewissen Zeitraum gebildet haben, und an das Vordringen in die Grauzonen des Rechts. Auf anderen Feldern gelten die Gesetze der (Welt-)Politik weiter. Aber selbst wenn man davor zurückschreckt, die Auseinandersetzung mit dem terroristischen Islamismus auf eine Stufe zu stellen mit den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts, so handelt es sich doch um einen Konflikt von großer Intensität, der die westlichen Gesellschaften noch lange in Atem halten und ihren Widerstandsgeist prüfen wird.

Und nicht nur ihren: Sosehr dieser Terrorismus uns bedroht, so sehr bedroht er auch jene moderaten Kräfte in der arabisch-muslimischen Welt, die den Weg der Moderne beschreiten wollen. Dieser Terrorismus ist ein politischer und ein Kulturkampf sowie innerislamischer Bürgerkrieg in einem.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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