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Pferdefleisch-Skandal Drei Festnahmen in Großbritannien

Im Zusammenhang mit dem Pferdefleisch-Skandal sind in Großbritannien drei Männer festgenommen worden. Verbraucherschützer fordern derweil deutlich schärfere Kontrollen.

© dpa Gut und günstig, aber mit Pferd: Auch in Produkten der Einzelhandelskette Edeka wurde in einzelnen Stichproben Fleisch gefunden, das dort nicht hätte sein sollen

Der Skandal um falsch deklariertes Pferdefleisch in Hackfleischprodukten weitet sich in Großbritannien aus. Am Donnerstagabend wurden in Wales und West Yorkshire drei Männer unter dem Verdacht festgenommen, Betrug begangen zu haben. Zuvor war bekanntgeworden, dass das Fleisch von Pferden, die mit dem für Menschen unter Umständen schädlichen Rheumamittel Phenylbutazon behandelt wurden, vermutlich in die Nahrungskette gelangt war.

Von 206 Proben waren acht positiv, teilten die britischen Gesundheitsbehörden am Donnerstag mit. Das Fleisch sei nach Frankreich geliefert worden. Das Mittel wird bei Pferden auch als Dopingmittel verwendet, bei Menschen kurzzeitig gegen Rheuma. Die britische Lebensmittelaufsicht FSA testete die Tiere nach Angaben vom Donnerstag am Tag ihrer Schlachtung in einem Betrieb in der südenglischen Grafschaft Dorset. Die Proben seien jetzt ausgewertet worden.

Razzien in britischen Betrieben

Die Gesundheitsamtschefin für England, Dame Sally Davies, verwies allerdings darauf, dass Phenylbutazon im Fleisch für Menschen ein geringes gesundheitliches Risiko aufweist. Man müsse etwa 600 Hamburger essen, um nur annähernd die Tagesdosis zu erreichen. Die Festnahmen in den Betrugsfällen sind offenbar davon unabhängig. Zwei von drei Betrugs-Verdächtigen seien in einem Fleischverarbeitungsbetrieb in Südwest-Wales festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Es handele sich um zwei Männer im Alter von 42 und 64 Jahren. Bei dem 64-Jährigen soll es sich um den Inhaber des Betriebes handeln. Der dritte Verdächtige im Alter von 63 Jahren sei in einem Fleischbetrieb in der englischen Grafschaft West Yorkshire festgenommen worden. Beide Betriebe waren am vergangenen Dienstag bereits bei einer Razzia von der Polizei durchsucht worden. Sowohl Fleisch als auch Papiere wurden sichergestellt. Die britische Lebensmittelaufsicht FSA entzog dem Unternehmen vorübergehend die Betriebserlaubnis.

Pferdefleischer Dohrmann © dpa Vergrößern Sie dürften nach diesem Skandal einen noch schwereren Stand haben: Pferdefleischer wie dieser in Bremen

Unterdessen bestätigte die britische Supermarktkette Asda, dass erstmals nicht in einem Tiefkühlprodukt, sondern in einer Bolognese-Sauce aus frischem Hackfleisch Pferdebestandteile gefunden wurde. Asda nahm die betroffenen Produkte umgehend aus den den Regalen und entschuldigte sich bei den Verbrauchern. Auch in Irland wurden neue Fälle von mit Pferdefleisch versetzten Burgern bekannt. In London kritisierte der Umwelt- und Nahrungsmittelausschuss des Unterhauses die langsame Reaktion der britischen Regierung auf den Fleischskandal. Es entstehe der Eindruck, dass die Öffentlichkeit systematisch und auf eine zynische Art und Weise hinters Licht geführt worden sei, damit sich Lebensmittel-Hersteller bereichern konnten. Der Ausschuss rief Regierung und Lebensmittelaufsicht auf, noch schärfere Lebensmittel-Tests anzuordnen.

Französische Firma täuschte vorsätzlich

Die französische Regierung hat unterdessen einen Schuldigen im Pferdefleisch-Skandal  identifiziert: Die französische Firma Spanghero habe gewusst, dass sie Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte, hieß es am Donnerstag aus Paris. Die Firma Spanghero habe sich eines „Wirtschaftsbetruges“  schuldig gemacht und werde zur Verantwortung gezogen werden, sagte der französische Verbraucherminister Benoît Hamon in Paris. Der Firma wurde mit sofortiger Wirkung die Zulassung zur  Fleischverarbeitung entzogen, wie Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll hinzufügte. Spanghero erklärte indes, „nur als Rind geltendes Fleisch bestellt, erhalten und weiterverkauft“ zu haben.

Aigner: „Mit aller Härte durchgreifen“

Als Konsequenz aus dem Pferdefleischskandal fordern Verbraucherschützer derweil ein  Schnellwarnsystem zum Schutz der Konsumenten vor Täuschungen. Eine entsprechende Plattform wäre national und europaweit sinnvoll,  sagte Verbraucherschutz-Chef Gerd Billen dem „Handelsblatt Online“  am Freitag. Die bisherigen Vorschläge der EU-Kommission seien lediglich eine kurzfristige Maßnahme, die es den Behörden ermögliche, Fakten für ein Gesamtbild der Situation zusammenzutragen, sagte Billen weiter. „Dann muss die EU  auch langfristig die Weichen stellen, um die  Lebensmittelüberwachung in Europa zu verbessern.“ Auch Täuschungen verstießen  gegen geltendes Recht und müssten von der Lebensmittelüberwachung  „energisch“ verfolgt werden. Dazu gehöre auch, dass Informationen über Täuschungen über  „Schnellwarnsysteme“ zügig verbreitet würden, „analog zur Seite www. lebensmittelwarnungen.de“, sagte Billen. Billen forderte in der „Passauer Neuen Presse“ zudem, dass  Lebensmittelfirmen europaweit ihre Zulieferer stärker kontrollieren  sollten.

Mehr zum Thema

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) forderte, Lebensmittelkontrolle, Polizei und Justiz müssten „mit aller Härte durchgreifen“. Aigner sprach in der „Bild“-Zeitung von einem  „handfesten Betrugsskandal, der seinen Ursprung außerhalb  Deutschlands hat“. Der starke Wettbewerb im europäischen  Lebensmittelmarkt sei keine Entschuldigung für den  Pferdefleischskandal. „Die Verbraucher müssen sich jederzeit darauf  verlassen können, dass ihre Lebensmittel sicher sind und richtig  gekennzeichnet - egal, ob sie preisgünstig im Supermarkt einkaufen  oder teuer im Feinkostladen.“

EU-Staaten wollen über Gentests entscheiden

Nach dem Bekanntwerden des Pferdefleisch-Skandals wollen die EU-Staaten am heutigen Freitag in Brüssel über die Einführung von europaweiten Gentests für verarbeitetes Rindfleisch entscheiden. Mit den Tests sollen die Aufsichtsbehörden feststellen, ob es sich bei den Proben um falsch deklariertes Pferdefleisch handelt. Unterdessen geht auch die Suche deutscher Behörden nach falsch deklarierten Fleischprodukten weiter. In zahlreichen Bundesländern wurden bereits tausende Tiefkühlprodukte aus den Regalen genommen.

Quelle: FAZ.NET

 
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