27.05.2009 · Es gilt als ernsthaft, kommt aber wohl zu spät: Das Angebot der Beijing Automotive Industry Corp. (BAIC) für Opel wird kaum mehr geprüft werden können. Die Chinesen hätten sowieso wenig Aussicht auf den Zuschlag gehabt.
Von Christoph Hein, SingapurDer Versuch Chinas, Opel in letzter Sekunde zu übernehmen, erscheint in Industriekreisen als ernsthaft. Am Dienstag war bekannt geworden, dass Beijing Automotive Industry Corp. (BAIC) in das Bieterrennen um Opel einsteigt. Allerdings sagte Finanzminister Peer Steinbrück an Mittwoch in Berlin, das Gebot aus Peking komme wohl zu spät, um noch ernsthaft geprüft werden zu können. Die Chinesen versprechen, so heißt es, bei einer Bürgschaft von 5 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren kein deutsches Werk zu schließen.
Grundsätzlich passt das Konzept in die Strategie der chinesischen Regierung. Sie will die überwiegend staatliche Automobilindustrie konsolidieren. Dazu sollen bis 2011 zehn große Hersteller geschmiedet werden. Vier davon sollten Weltmaßstab besitzen. Mit Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC) und First Automobile Works (FAW), den Partnern von Marktführer Volkswagen in China und dem Zweitplazierten, Opel-Mutterkonzern General Motors (GM), sind zwei davon gesetzt. Auf sich allein gestellt, hätte BAIC, an dem die Pekinger Stadtführung beteiligt ist, keine Chance, in diesen Kreis vorzustoßen.
Endlich auf den europäischen Markt vordringen
Bei einer Eingliederung von Opel ginge es den Chinesen allerdings kaum um neue Volumina in ihrem Heimatmarkt. Der in einigen Medien kolportierte Absatz von 500.000 Einheiten in China erscheint völlig unrealistisch - zumal GM dort längst etabliert ist. Getrieben wird BAIC hingegen von der Erwartung, durch einen Kauf von Opel an moderne Automobiltechnik und gut ausgebildete Ingenieure zu gelangen. „Die Chinesen wollen Eisenach“, spitzte ein deutscher Manager die Strategie zu. Selbst BAIC-Partner Daimler hatte sich zwischenzeitlich schon für Eisenach interessiert. Nicht nur die reine Entwicklung sondern auch Design und Sicherheit interessieren BAIC. Denn bislang scheiterten die Versuche aller chinesischen Hersteller, mit eigenen Fahrzeugen nach Mitteleuropa vorzudringen, schon an den Crash-Tests.
Die Bundesregierung will sich für die Rettung des´deutschen Autobauers Opel erst einmal Zeit verschaffen. Der Schlüssel sei eine Einigung mit den Vereinigten Staaten auf ein Treuhandmodell, sagte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Mittwoch unmittelbar vor einem Spitzengespräch mit allen Opel-Beteiligten im Kanzleramt. Damit soll die Chance auf eine erfolgreiche Übernahme gewahrt und parallel dazu das Unternehmen auf eine mögliche Insolvenz vorbereitet werden.
Warum aber kam das Angebot so spät? „Die Chinesen und ihre Berater haben sich sehr genau die Debatte um den Übernahmeversuch von Hapag-Lloyd durch die Singapurer Staatsreederei NOL angeschaut. Sie wissen, dass vor der Wahl jeder Übernahmeversuch aus China zum Politikum wird, und wollten zumindest die Zeitspanne der Debatte verkürzen“, sagt der Manager im Gespräch mit der F.A.Z.
Langfristig Konkurrenz für GM
Dazu geraten haben dürfte ihnen auch ihr Partner Daimler und dessen Umfeld. Denn für Beobachter steht außer Frage, dass die Stuttgarter als Türöffner bei dem Kaufversuch eine Rolle spielen. Nicht nur, dass Vorstandschef Dieter Zetsche erst vor Wochen in Peking war. Wichtiger erscheint, dass Daimler seinerseits nach vielen gescheiterten Vorhaben in der Volksrepublik dringend politische Unterstützung und Wohlwollen sucht und sogar mit der Regierung über eine Kapitalbeteiligung spricht - da käme die Rolle als Helfer wie gerufen. Zum anderen sind Opel und BAIC keine Konkurrenz im europäischen Markt für die Stuttgarter. Das aber sieht aus Sicht des Verkäufers ganz anders aus: Wenn auch erst auf lange Sicht, so könnte Opel unter dem Dach von BAIC seinem bisherigen Eigentümer GM im letzten großen Wachstumsmarkt China Konkurrenz machen. Analysten schätzen, dass Chinas Automobilmarkt in diesem Jahr um gut 6 Prozent wachsen werde, um dann bis 2011 wieder zweistellig zuzulegen.
Seit 1983 führt BAIC ein über Jahre erfolgloses Gemeinschaftsunternehmen mit Chrysler und baute Jeeps. Darüber wurden die Chinesen zum Partner der damaligen Daimler-Benz AG, die ihrerseits BAIC als Sprungbrett zur Produktion in China nutzt. Derzeit sind die Chinesen aber vor allem mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen mit Hyundai erfolgreich: Gefördert von der Steuerpolitik der Regierung, wuchs dessen Absatz im ersten Quartal um 49 Prozent. Finanziell könnte BAIC eine Opel-Übernahme aber nur mit Regierungsgeldern stemmen.
Obwohl das Angebot Sinn hat, wird es in Industriekreisen als wenig erfolgversprechend betrachtet: „Vor der Bundestagswahl wird es für die Chinesen ganz, ganz schwer, in Deutschland zu kaufen. Sie müssten extreme Sicherheit versprechen. Und selbst dann traut sich die Politik nicht richtig heran“, sagt ein Berater im Umfeld der beteiligten Konzerne. Offen sei, ob BAIC die Managementkapazität hätte, ein Unternehmen wie Opel zu führen und zu restrukturieren. Der späte Zeitpunkt des Angebotes sei da willkommener Grund für eine Ablehnung.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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