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Städtisches Leben : Wir gehen weiter aus

Beschwingtes Leben im Pariser Café de Flore Bild: AFP

Die Pariser Anschläge treffen ins Herz europäischer Lebensart. Um unsere Kultur zu verteidigen, ist Ausgehen jetzt oberste Bürgerpflicht.

          Paris ist ja nicht bloß irgendeine besonders schöne und ziemlich große Stadt. Paris ist noch immer der Ort, an dem wir Maß nehmen, wenn wir von Urbanität sprechen, von der Stadt als einem geistigen Ort – und worum es da geht, wird zum Beispiel völlig klar, wenn man in Saint-Germain-des-Prés das Restaurant „Le procope“ besucht, wo man seinen gesottenen Kalbskopf in dem Bewusstsein verspeist, dass am gleichen Tisch womöglich schon Diderot aus einer sehr ähnlichen Speisekarte sein Souper ausgesucht hat. In keiner anderen Stadt (noch nicht einmal in Wien) ist geistige Tätigkeit so eng verbunden mit Öffentlichkeit und Geselligkeit – während Berliner Intellektuelle sich in ihren riesigen Altbauwohnungen hinter den Büchern verstecken können, muss man in Paris, schon weil die Mieten so hoch sind, hinausgehen, sich ins Café setzen, die Stadt bewohnen und nicht bloß das eigene Wohnzimmer.

          Nach den Anschlägen in Paris : Die Welt trauert mit Frankreich

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mag sein, dass, wer heute in Saint-Germain nach diesem Geist sucht, ihn eher im 10. oder 11. Arrondissement finden wird, aber auch dort spürt man, wenn man kein kompletter Kretin ist, beim Bestellen eines Aperitifs, dass man sich damit einreiht in die Geschichte all derer, denen beim Aperitif, im Gespräch mit Freunden und Bekannten, die besten und die neuesten Gedanken gekommen sind. Es geht also, wenn Bars, Cafés, Restaurants angegriffen werden, wenn ein Konzert gestürmt und die Besucher ermordet werden, nicht nur um unsere Art zu leben. Es geht um unsere Kultur. Es geht um ein städtisches Leben, in welchem idealerweise die Tätigkeiten des Essens und Trinkens, des Flirtens, Sprechens, Denkens so ineinander übergehen, dass der Gedanke an Sinnlichkeit gewinnt und das Getränk eine tiefere Bedeutung. Und es geht um eine Kultur, die darauf besteht, dass auch sie ein Bedürfnis hat nach Lärm und Aggression, nach Kampf und Streit – aber dass der Lärm von Gitarren und den Lautsprechern kommt; und dass der Kampf in den Stadien ausgetragen wird, nach Regeln, die verhindern, dass es Tote und Verletzte gibt.

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          Das ist, worum es geht, was behauptet und gerettet werden muss. Ein Freitagabend in Paris, eine Welt, in der Vergnügen und Diskurs, Rausch und Klarheit miteinander verabredet sind in den Lokalen nördlich der Bastille. Ein Abend, an dem Migrantenkinder mit französischem Pass gegen Migrantenkinder mit deutschem Pass spielen– und weder die einen noch die anderen sich daran erinnern können, was das Wort von der Erbfeindschaft einst bedeutet hat. Es geht also um den Kern dessen, wer wir sind und sein wollen – und es ist die Kultur selbst, die sich verteidigen muss. Das Ressentiment passt nicht ins Pariser Café, wo jedes Argument mit einem Gegenargument rechnen muss; Überwachungskameras und allgegenwärtige Polizisten wären das Dementi der Freiheit, die dort herrscht. Polizei und Geheimdienste werden fahnden, ermitteln, sich um Prävention bemühen. Aber die eigentliche Front ist anderswo. Das Motto für die, die teilhaben an der westlichen Kultur, muss jetzt heißen: In dieser Lage ist auszugehen die erste Bürgerpflicht.

          Quelle: F.A.S.

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