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Orthodoxe Rituale Meine Eistaufe im Kloster von Boldino

 ·  Kann Wasser, das so kalt ist, heilig sein? Am Tag der Taufe Jesu begehen zahllose Russen ein Ritual, bei dem einem das Herz stehenbleibt.

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Wir sind auf dem Weg zur russischen Eistaufe im Boldin-Kloster. Der märchenhaft im Wald an einem See gelegene Ort ist im Winter nicht ganz leicht zu finden. Der Navigator, der dreihundert Kilometer westlich von Moskau nach Süden weist, führt uns in einem Dorf auf eine Fabrikstraße mit Eisenbahngeleisen, die mit einem dicken Schneepolster bedeckt sind. Wir merken es, als unser Wagen mit kaputten Reifen mit dem Unterboden auf den Schienen festsitzt.

Der Nachtwächter der Fabrik, den wir herausklingeln, wirkt nicht überrascht. Auf den Geleisen würden häufiger Lastwagen aus Polen oder Weißrussland stranden, sagt er. Der Schnee fällt in dichten Flocken. Doch wir haben Glück. Erzpriester Irinarch, der Kassenwart und zweite Mann im Boldin-Kloster, zieht uns mit seinem Jeep und einem geborgten Abschleppseil von den Schienen, organisiert ein Ersatzrad und hilft sogar beim nächtlichen Reifenwechsel. „Gott schickt uns Leiden“, belehrt Vater Irinarch uns freundlich auf dem restlichen Wegstück, „wenn er uns näher zu sich führen will“.

Die Kälte umgreift das Herz

Im Gegensatz zur orthodoxen Weihnacht, die in Russland nur kirchlich gefeiert wird, ist der Gedenktag an Christi Taufe zwei Wochen später ein echtes Volksfest. Tatsächlich war ja Jesu Gottessohnschaft nach seiner Geburt zunächst ein von der heiligen Familie gehütetes Geheimnis, in das nur drei Weise aus dem Morgenland eingeweiht waren und, wenn man so will, einige einfache Männer, die Schafe hüteten. Doch am Jordan, wo Johannes der Täufer die Menschen zur Umkehr aufruft und sie im Fluss symbolisch vom Schmutz ihres früheren Lebens reinigt, wird es der Öffentlichkeit mitgeteilt.

Weil Gott im Moment der Taufe Jesu in seiner heiligen Dreifaltigkeit erschien, wird das Fest zugleich als Theophanie oder Gotteserscheinung (Bogojawlenie) bezeichnet, also als das, was die orthodoxe Liturgie mit ihrer Mystik wieder erfahrbar machen will. Und weil das Wasser dabei ein Katalysator war, wird dieses Element nach orthodoxer Auffassung an diesem Tag heilig und heilkräftig, durch Gebete umso mehr.

Noch zu Sowjetzeiten wurden, insbesondere auf dem Land, zur Taufe Christi alle Gewässer, ob Meer, ob Teich, ob Bach, sogar das Leitungswasser von Priestern gesegnet, ebenso wie Mutige, die durch ein Loch im Eis in den nächsten zugefrorenen See oder Fluss sprangen und sich dabei im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes drei Mal bekreuzigten. Wer dergleichen probiert hat, kann sich die durch den Temperaturschock ausgelösten Bewusstseinsveränderungen vorstellen.

Die Kälte umgreift das Herz mit Eisenklauen, Beine und Arme werden klein und dünn. Beim Auftauchen überkommt einen dann euphorische Wärme und ein Alleinheitsgefühl. Dafür begeistern sich jedes Jahr mehr Russen. Allein in Moskau sollen diesmal mehr als 82000 Menschen in die eigens aufgestellten Eiswasserbecken gestiegen sein. Doch am eindrucksvollsten ist die Renaissance der alten Bräuche an einem abgelegenen Ort wie dem Boldin-Kloster im Landkreis Smolensk, das noch vor zwanzig Jahren ein einziger Trümmerhaufen war.

Dieses Wasser fault nicht

Das in der Grenzregion zum katholischen Polen-Litauen im sechzehnten Jahrhundert auch als Wehrposten gegründete Kloster, das unter der Sowjetmacht zunächst als Getreidesilo und Molkereibetrieb genutzt wurde, diente im Zweiten Weltkrieg als Partisanenlager und soll von den Deutschen bei ihrem Rückzug als strategische Festung in die Luft gesprengt worden sein. Restaurationsarbeiten begannen in den sechziger Jahren, auf die Übergabe der Anlage an die russisch- orthodoxe Kirche 1991 folgte die umfassende Rekonstruktion nach alten Plänen und Fotos. Die der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmete Hauptkirche, die erst voriges Jahr fertig wurde, hat mit ihren goldenen Helmdächern und den Kokoschnik-Rundgiebeln, die im achtzehnten Jahrhundert durch Dachschrägen ersetzt worden waren, heute wieder ihre Urgestalt.

Am Tag nach unserer abenteuerlichen Ankunft werden nach dem Frühgottesdienst die Wasserquellen gesegnet. Anschließend zieht ein Mönchspriester mit einem Eimer von Gebäude zu Gebäude, besprengt Wände und Insassen mit dem heiligen Nass und singt fröhlich: „Im Jordan, O Herr, empfingst du die Taufe“. An den drei Brunnen des Klosters drängeln sich schon die Bewohner der umliegenden Dörfer, um kleine und große Plastikflaschen mit Wasser zu füllen, das man morgens auf nüchternen Magen trinken und zur Körperpflege benutzen soll, und das, da es seine „richtige“ Form erhalten hat, niemals faulen kann. Einer 85 Jahre alten Babuschka, die auf Schlittenkufen ein riesiges Wasserfass hinter sich her-zieht, folgt kichernd ihr selbst schon betagter, leicht angetrunkener Sohn.

Flügel für die Seele

Während des Abendgottesdienstes, der in Boldino, nach dem Vorbild der Athos-Klöster, nur bei Kerzenlicht abgehalten wird, ist der Platz vor der Klostermauer zugeparkt. Kleinwagen, Bonzenschlitten, Busse stehen dicht an dicht. Im Kirchenvorraum kaufen die Leute Kerzen, Souvenir-Ikonen und Kreuzchen, wie sie ein Orthodoxer unbedingt um den Hals tragen soll. Dann werden im Refektorium Mönche und Pilger verköstigt. Dabei schärft ihnen ein vom Pult vorgelesener Predigttext des Johannes Chrysostomus ein, das Taufwasser verleihe der Seele Flügel und ermögliche es ihr, als militanter Lehrer einem Adler, als Märtyrer einer Gluckhenne oder als Unschuldslamm einer Taube nachzueifern. Von den Gästen, die in Feierlaune im Hof herumstehen, halten es freilich nicht alle mit Johannes Chrysostomos. Zwei Männer wollen wissen, wo sie hier die Sünde fänden, für die man in der Kirche Abbitte leistet. Der eine zieht dazu einladend eine Flasche Messwein aus der Anoraktasche.

Auf die strengen „Tauffröste“ in der zweiten Januarhälfte ist Verlass. Im malerischen, jetzt zugefrorenen See an der Klosterrückseite ist eine kreuzförmige Öffnung ins Eis geschlagen mit einem Holzpodest davor. Der Badespaß im russischen Jordan beginnt am „Heiligabend“ des Tauffestes kurz vor Mitternacht unter klarem Sternenhimmel. Die Helden des Abhärterituals sind in der Mehrzahl männlich. Muskulös, kurzgeschoren, nicht selten prachtvoll tätowiert, hechten einige direkt in den Kreuzmittelpunkt und tauchen lange nicht auf.

Die meisten, darunter auch Ältere sowie Halbwüchsige, steigen die eiszapfenverzierten Holzleitern hinab und tauchen, bekrönt vom Sternbild des Orion, dreimal bis über den Kopf in die kalten Fluten. Aber auch Frauen vollziehen die Eistaufe, behalten in der Regel jedoch den Kopf über Wasser. Ein junger Kerl, den seine Kameraden „Wassja“ rufen, trägt eine mit Hundertdollarnoten bedruckte Unterhose. Genüsslich unterzieht Wassja das Geldsymbol der russischen Taufe und assistiert mit dem nassen Dollar um die Hüften noch etlichen anderen, bevor er sich endlich wieder warm anzieht.

Der Glaube zählt

In dieser Nacht bleiben die Tore des Klosters geöffnet, während die Mönche schlafen. Der Strom der Taufwilligen reißt nicht ab. Ein Jüngling wird von seinen Kameraden gerügt, weil er aus Gewohnheit mit Flüchen um sich wirft. Am eigentlichen Tauffeiertag sind die Regale des Kirchenladens leergefegt. Das Baden geht indes lustig weiter. Dicke Männer und zierliche Mädchen klettern über die wacklige Leiter ins Wasser. Gesetztere Herrschaften genehmigen sich danach einen Schluck Hochprozentigen aus mitgebrachten Thermosflaschen. Eine Dame im Pelzmantel gesteht dem bärtigen Novizen Igor, der das kreuzförmige Becken von frischen Vereisungen befreit, sie würde gern ihre vielen Sünden abwaschen; sie dürfe das aber leider nicht. Bruder Igor versichert ihr und den anderen Unschlüssigen, es komme allein auf den Glauben an.

Unterdessen ringe ich mit mir, weil ich erkältet bin und keine Dummheit begehen will. Da erzählt mir Igor, der offenbar meine Gedanken errät, gut gelaunt, die Eistaufe habe schon viele Kranke gesund gemacht. Doch ich sage mir, mein schwacher Glaube verbiete jeden Leichtsinn. Erst als Vater Irinarch, unser Retter, uns schon das Abschiedsgeleit geben will, schlägt mein Gewissen Alarm. Es hält mir vor, ich dürfe der protestantischen Christenheit, die mich erzogen hat, speziell Martin Luther, der womöglich von oben alles mit ansieht, und dem Leser auf keinen Fall Schande machen.

Abwaschen gilt nicht

Der Vize-Abt unterstützt mich rührend. Ich bekomme von ihm Walenki-Filzstiefel, ein Badehandtuch und Thermohosen. Welcher Teufel reitet dich, frage ich mich, während ich zum Teich laufe, voll Angst vor den Leiden, von denen Vater Irinarch sprach, und mit denen Gott sich wahrscheinlich zum Lohn für diese Schnapsidee in Erinnerung bringen wird. Das Thermometer ist auf zwanzig Grad minus gesunken.

Das spürt man freilich nicht. Es ist einfach nur kalt, an der Luft und im Wasser gleichermaßen. Auf der Leiterstufe trete ich auf schwarzen Algenschleim. Ich schlage das Kreuz und tauche unter. Danach heißt es, nicht auf dem Eis zu stehen, um nicht festzufrieren, schnell sich abtrocknen und wieder anziehen. Das wundertätige Wasser darf auf keinen Fall abgewaschen werden. Es ist tatsächlich nicht zu leugnen: Die russische Eistaufe hinterlässt einen wunderbar erfrischt, so gut wie gesund und mit dem Gefühl, sich vor den Vorfahren nicht schämen zu müssen.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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