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Orthodoxe Rituale : Meine Eistaufe im Kloster von Boldino

Ohne Bruder Igors Spaten würde das kreuzförmige Becken bei minus zwanzig Grad im Nu wieder zufrieren. Bild: Foto Valeri Belenkow

Kann Wasser, das so kalt ist, heilig sein? Am Tag der Taufe Jesu begehen zahllose Russen ein Ritual, bei dem einem das Herz stehenbleibt.

          Wir sind auf dem Weg zur russischen Eistaufe im Boldin-Kloster. Der märchenhaft im Wald an einem See gelegene Ort ist im Winter nicht ganz leicht zu finden. Der Navigator, der dreihundert Kilometer westlich von Moskau nach Süden weist, führt uns in einem Dorf auf eine Fabrikstraße mit Eisenbahngeleisen, die mit einem dicken Schneepolster bedeckt sind. Wir merken es, als unser Wagen mit kaputten Reifen mit dem Unterboden auf den Schienen festsitzt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Nachtwächter der Fabrik, den wir herausklingeln, wirkt nicht überrascht. Auf den Geleisen würden häufiger Lastwagen aus Polen oder Weißrussland stranden, sagt er. Der Schnee fällt in dichten Flocken. Doch wir haben Glück. Erzpriester Irinarch, der Kassenwart und zweite Mann im Boldin-Kloster, zieht uns mit seinem Jeep und einem geborgten Abschleppseil von den Schienen, organisiert ein Ersatzrad und hilft sogar beim nächtlichen Reifenwechsel. „Gott schickt uns Leiden“, belehrt Vater Irinarch uns freundlich auf dem restlichen Wegstück, „wenn er uns näher zu sich führen will“.

          Die Kälte umgreift das Herz

          Im Gegensatz zur orthodoxen Weihnacht, die in Russland nur kirchlich gefeiert wird, ist der Gedenktag an Christi Taufe zwei Wochen später ein echtes Volksfest. Tatsächlich war ja Jesu Gottessohnschaft nach seiner Geburt zunächst ein von der heiligen Familie gehütetes Geheimnis, in das nur drei Weise aus dem Morgenland eingeweiht waren und, wenn man so will, einige einfache Männer, die Schafe hüteten. Doch am Jordan, wo Johannes der Täufer die Menschen zur Umkehr aufruft und sie im Fluss symbolisch vom Schmutz ihres früheren Lebens reinigt, wird es der Öffentlichkeit mitgeteilt.

          Weil Gott im Moment der Taufe Jesu in seiner heiligen Dreifaltigkeit erschien, wird das Fest zugleich als Theophanie oder Gotteserscheinung (Bogojawlenie) bezeichnet, also als das, was die orthodoxe Liturgie mit ihrer Mystik wieder erfahrbar machen will. Und weil das Wasser dabei ein Katalysator war, wird dieses Element nach orthodoxer Auffassung an diesem Tag heilig und heilkräftig, durch Gebete umso mehr.

          Noch zu Sowjetzeiten wurden, insbesondere auf dem Land, zur Taufe Christi alle Gewässer, ob Meer, ob Teich, ob Bach, sogar das Leitungswasser von Priestern gesegnet, ebenso wie Mutige, die durch ein Loch im Eis in den nächsten zugefrorenen See oder Fluss sprangen und sich dabei im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes drei Mal bekreuzigten. Wer dergleichen probiert hat, kann sich die durch den Temperaturschock ausgelösten Bewusstseinsveränderungen vorstellen.

          Die Kälte umgreift das Herz mit Eisenklauen, Beine und Arme werden klein und dünn. Beim Auftauchen überkommt einen dann euphorische Wärme und ein Alleinheitsgefühl. Dafür begeistern sich jedes Jahr mehr Russen. Allein in Moskau sollen diesmal mehr als 82000 Menschen in die eigens aufgestellten Eiswasserbecken gestiegen sein. Doch am eindrucksvollsten ist die Renaissance der alten Bräuche an einem abgelegenen Ort wie dem Boldin-Kloster im Landkreis Smolensk, das noch vor zwanzig Jahren ein einziger Trümmerhaufen war.

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