Am Ende wirkten die beiden wie ein glückliches Paar. Rechts stand Sebastian Brendel und lächelte, mit der linken Hand hielt er seinen sportlichen Gefährten, der zwar kein Mensch ist, auf den er sich aber an diesem Tag verlassen konnte. Das neue Stechpaddel hielt, was es versprochen hatte. Anders als sein Vorgänger, vor einem Jahr bei der Weltmeisterschaft. Im ungarischen Szeged hatte Brendel aussichtsreich in seinem Canadier-Rennen gelegen und beim Kampf gegen das Wasser Schlag auf Schlag fünfzig Kilogramm bewegt. Das war zu viel für das Paddel - es brach, Brendel hielt nur noch einen Stumpf in den Händen, und keiner wusste, warum. Aus dem größten Bruch in seiner jungen Ausnahmekarriere hat der Potsdamer gelernt. „Ich habe es nicht aus den Augen gelassen, um auszuschließen, dass etwas passiert, dass jemand drauftritt“, sagte der Vierundzwanzigjährige am Mittwoch, als das junge Paar goldene Hochzeit feierte.
Marmor, Stein und Eisen bricht - aber Brendels Paddel hielt diesmal beim Finale über 1000 Meter auf dem Lake Dorney. „In diesem Augenblick ist es mir egal, ob ich letztes Jahr Weltmeister hätte werden können oder nicht“, sagte Brendel, nachdem er sich zum Olympiasieger gekürt und dem erfolgsverwöhnten Deutschen Kanuverband (DKV) die erste von drei angepeilten Goldmedaillen von London beschert hatte.
Nach seiner bitteren WM-Erfahrung hatte der Potsdamer vom Unternehmen seines Vertrauens vor einiger Zeit ein stabileres Sportgerät erbeten und „ein extrastarkes carbonverstärktes Stechpaddel“ erhalten. Mit dem neuen Spaten hatte er sich vor eineinhalb Monaten auf Anhieb zu seinem dritten Europameisterschaftstitel in Serie über die 1000 Meter gekämpft und war danach auch vor den Toren Londons als ein Mitfavorit ins Rennen um olympisches Gold gegangen. Dass er am Ende aber tatsächlich das bedeutendste Edelmetall um seinen breiten Sportlerhals tragen durfte, fand Brendel „überwältigend“: „Ich muss zusehen, dass mein Nacken locker bleibt.“
In aller Lockerheit hatte für Sebastian Brendel der Tag schon begonnen. Kurz nach dem Aufstehen, morgens um sechs, erhielt er eine Nachricht von seinen Liebsten. Seine Freundin Romy, auch sie eine Kanutin, hatte ihm eine Videobotschaft nach England geschickt, auf der die gemeinsame zwei Jahre alte Tochter Hanna in die Ferne sprach: „Viel Glück, Papa.“ Drei Worte, die Brendel zusätzlich motivierten, schließlich habe er „viel geopfert für den Olympiasieg“.
Auf den einen Kilometer auf dem Lake Dorney hatte er sich mit 4000 Trainingskilometern allein im vergangenen Jahr vorbereitet. Bis zu 25 Stunden ist der Potsdamer pro Woche auf dem Wasser, nicht eingerechnet die Regenerationszeit und die wiederkehrenden Reisen zu Weltcups oder anderen Meisterschaften. Daneben muss Brendel seine vor vier Jahren begonnene Ausbildung zum Bundespolizisten abschließen, die er zugunsten der Olympiavorbereitung unterbrochen hat. „Man muss sehr viel investieren, in den meisten Sportarten geht so etwas nur als Profi“, sagte der Vierundzwanzigjährige, „aber die Familie stand immer hinter mir.“ Auch an seinem goldenen Mittwoch.
Offensiv ging der Potsdamer sein Finale an, um zunächst Anschluss an die starke Konkurrenz zu halten. Nach 250 Metern lag er auf Rang vier, spürte aber, „dass hier und heute auf jeden Fall was geht“. Bei der Hälfte der Strecke hatte sich Brendel schon auf Platz zwei vorgepaddelt, von der 750-Meter-Marke bis zur Ziellinie hatte er die Nase vorn. Ganz am Ende, auf den letzten hundert Metern, als die Schufterei immer schwerer fiel, als alle Muskeln immer stärker schmerzten und sich der innere Schweinehund immer deutlicher meldete, sagte der Sieger, „da ist mir meine Tochter eingefallen. Sie hat mir Kraft gegeben.“
‚Sebastian knie dich doch einmal hin‘
Mit der Kraft der zwei Herzen war der Potsdamer nicht mehr zu bezwingen, sein Boot lief ruhig, der Wind störte nicht, und eine allerletzte Attacke des Spaniers David Cal Figueroa kam zu spät. Brendel hatte im Finish noch reichlich Reserven, hielt seinen Vorsprung von knapp einer halben Bootslänge und überquerte nach 3:47.176 Minuten die Ziellinie: „Ich wollte mein eigenes Rennen fahren und es nicht spannend machen.“ Auf der Tribüne jubelten die Eltern, sein aktueller Trainer Ralph Welke und jener Mann, der den einst jungen Rennkanuten auf einen Karriereweg gebracht hat, der beim Olympiasieg endete. „Eines Tages sagte mein damaliger Trainer Michael Tümmler zu mir: ‚Sebastian knie dich doch einmal hin.‘ Seitdem bin ich Canadier.“ Mit seinem Entschluss, sich vom Sitzen im Kajak zu verabschieden und sich dem Knien im Canadier zuzuwenden, lag der Brandenburger im Wortsinne goldrichtig.
Lange auskosten kann Sebastian Brendel seinen Erfolg nicht. Von Freitag an geht er auch über die Sprintstrecke über 200 Meter an den Start. Folgt der nächste Coup? „Ich hoffe, ins Finale zu kommen.“ Das Paddel wird dasselbe sein wie am Mittwoch, er wird es bis dahin hüten wie seinen Augapfel: „Letztes Jahr war ich der Pechvogel, aber in den Rennen schalte ich das komplett aus.“ Seine Beziehung zum Kohlefaserfreund dürfte noch eine Weile halten.
