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Obamas später Konter Romney verbirgt seine wahren Ziele

 ·  In seiner ersten öffentlichen Reaktion nach seinem schwachen Abschneiden in dem Rededuell am Vorabend hat Barack Obama seinem Kontrahenten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf Mitt Romney der Lüge bezichtigt.

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© AFP Barack Obama: „Wenn man Präsident werden will, dann schuldet man dem amerikanischen Volk die Wahrheit“

Präsident Barack Obama hat dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney am Donnerstag vorgeworfen, im ersten Fernsehduell vor 60 Millionen Fernsehzuschauern am Mittwochabend seine politischen Absichten verschleiert zu haben.

„Wenn man Präsident werden will, dann schuldet man dem amerikanischen Volk die Wahrheit“, sagte er in seiner ersten öffentlichen Reaktion nach seinem schwachen Abschneiden in dem Rededuell am Vorabend. Romney habe nicht sein wahres Gesicht gezeigt, ergänzte Obama: „Als ich auf die Bühne kam, traf ich diesen sehr schwungvollen Kollegen, der behauptete, Mitt Romney zu sein“, sagte Obama. Doch habe der „echte Romney“ andere Ziele.

Der Fluch der ersten Debatte

Es scheint ihn wirklich zu geben, den Fluch, der in der ersten Debatte auf dem Favoriten lastet. Vor fünf Jahrzehnten wurde das Fernsehduell in den amerikanischen Wahlkampf eingeführt. 1960 gewann ein jugendlich federnder, sonnengebräunter John F. Kennedy als krasser Außenseiter die allererste Fernsehdebatte gegen den Republikaner Richard Nixon, der für die Wahl ins Präsidentenamt wie prädestiniert schien. Nixon trat aber schlecht rasiert, verschwitzt und abgespannt vor die Kameras. Er verlor nicht nur das Fernsehduell, sondern auch die Wahlen.

Video: Millionen Amerikaner verfolgen Fernsehduell

Nixon, dem acht Jahre später doch noch der Sprung ins Weiße Haus gelingen sollte, nahm nie wieder an einer Fernsehdebatte teil. Erst 1976 gab es wieder ein Fernsehduell - zwischen dem republikanischen Präsidenten Gerald Ford und dem demokratischen Herausforderer Jimmy Carter. Carter gewann die Fernsehdebatte und später die Wahl. Vier Jahre später wurde Präsident Carter selbst vom Fluch des Amtsträgers eingeholt: Er verlor vor den Kameras wie später an den Urnen gegen seinen republikanischen Herausforderer Ronald Reagan.

Präsident George H. W. Bush hatte 1992 keine Chance im Rededuell vor den Kameras gegen den Demokraten Bill Clinton (und den unabhängigen Kandidaten Ross Perot) - und er verlor die Wahl. Vizepräsident Al Gore wirkte 2000 im Fernsehduell gegen den republikanischen Herausforderer George W. Bush überheblich und hölzern. Auch er schaffte es nicht ins Oval Office.

Und jetzt Barack Obama? Der Präsident wirkte im ersten Fernsehduell mit seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney kraftlos, schien sich über die gesamten 90 Minuten nicht wohlzufühlen hinter dem Rednerpult. Die Gesichtszüge waren angespannt, der Blick oft nach unten gerichtet. Obama vermochte es in Denver nicht, jenes Feuer in sich zu entzünden, das er bei Wahlkampfauftritten vor seinen Anhängern zuverlässig zum Lodern bringt. Mitt Romney dagegen war aggressiv und verbindlich zugleich. Er wandte seinen Blick keine Sekunde vom Präsidenten ab, als er dessen Regierungsbilanz der vergangenen vier Jahre in allen Einzelheiten zerpflückte, während Obama kaum je zu Romney zurückschaute.

Schon bei den Eingangssätzen, die nichts mit den wirtschafts- und finanzpolitischen Themen des Abends zu tun hatten, konnte Romney den ersten Erfolg verbuchen. Der Präsident und First Lady Michelle Obama feierten ausgerechnet am Tag der ersten Fernsehdebatte des Wahlkampfes 2012 ihren Hochzeitstag. Obama gab artig eine Liebeserklärung ab, erinnerte an jenen Tag vor 20 Jahren, „als er zum glücklichsten Mann auf der Welt wurde, weil Michelle Obama mir das Jawort gab“. Mitt Romneys beglückwünschte das Paar ordnungsgemäß und fügte hinzu: „Ich bin sicher, dies ist der romantischste Ort, den Sie sich zum Feiern vorstellen konnten - hier mit mir.“ Der Präsident lachte. Der Saal lachte.

Natürlich hatte Romneys Stab diese Geste geplant. Überhaupt wirkte der Herausforderer besser vorbereitet war als der Präsident. Sollte dieser darauf gesetzt haben, dass Romney sich einen Fehltritt leistet, dann hätte er sich verrechnet. Dabei kommt es vor 60 Millionen Fernsehzuschauern auf die Verpackung vielleicht am meisten an. James Carville, der legendäre Wahlkampfstratege Bill Clintons, brachte den Abend auf den Punkt: Der Herausforderer habe den Eindruck hinterlassen, dass er mit jeder Faser seines Wesens genau an diesem Ort habe sein wollen; der Präsident habe den Anschein erweckt, er wäre lieber anderswo.

Obama erhob eingangs den bekannten Vorwurf, Romney vertrete eine Wirtschaftspolitik „von oben nach unten“: Steuervergünstigungen für die Reichen sollen zu einem Herabsickern des Wohlstandswachstums zur Mittelschicht und zu den Armen führen. Diese Politik habe sich aber schon unter seinem direkten Amtsvorgänger George W. Bush als Irrtum erwiesen und die schlimmste Rezession seit der Großen Depression der dreißiger Jahre maßgeblich verursacht, sagte Obama.

Dem hielt Romney entgegen, Obama hänge dem Irrglauben an, wonach Wohltaten und Konjunkturpakete aus Washington zu einem Herabsickern des Wohlstandswachstums aus Regierungshand (trickle-down government) führten. Die Wirtschaftsbilanz der vergangenen vier Jahre zeige aber, dass nur die Schulden und das Defizit gewachsen seien, dass die Arbeitslosenquote weiter bei mehr als acht Prozent liege, dass inzwischen 23 Millionen Menschen ohne Arbeit seien, dass 47 Millionen Amerikaner Lebensmittelmarken erhielten, dass jeder Sechste unterhalb der Armutsgrenze lebe. „Die Benzinpreise haben sich verdoppelt. Strom wurde teurer. Lebensmittelpreise steigen. Die Gesundheitskosten liegen pro Familie um 2500 Dollar höher“, sagte Romney. Die Staatsschuld von inzwischen 16 Billionen Dollar prangerte Romney als „moralisches Problem“ an, weil die Generationen der Kinder und Kindeskinder von der Last der Zins- und Tilgungszahlungen erdrückt würden.

Obama warf dagegen Romney vor, die staatliche Seniorenversicherung „Medicare“ in ein privates System umwandeln und die Rentner der Willkür der Versicherungskonzerne ausliefern zu wollen. Romney erwiderte, Obama habe die Mittel für „Medicare“ schon um 716 Milliarden Dollar geplündert, um seine eigene Gesundheitsreform zu finanzieren.

Für die Fernsehzuschauer dürfte sich der Kontrast eingeprägt haben, der zwischen dem Romney, den sie am Stehpult in Denver sahene, und dem von Obamas Wahlkampfteam verbreiteten Zerrbild des herzlosem Heuschreckenkapitalisten Romney lag. Mit einem Trommelfeuer negativer Wahlwerbespots war es Obamas Leuten in den vergangenen Monaten gelungen, das Bild des republikanischen Herausforderers in der Öffentlichkeit zu prägen - wobei den Demokraten die Veröffentlichung der Videoaufzeichnung einer Rede Romneys vom Mai zupass kam, in der sich der Republikaner abschätzig über Amerikaner äußerte, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. In Denver war auffällig, dass Obama nicht aggressiv in diese Kerbe haute; die geringe Steuerlast, der sich Romney selbst ausgesetzt sah, kam nicht zur Sprache.

Doch der Präsident bekräftigte die Behauptung, Romneys Pläne für eine Steuerreform würden das Defizit um fünf Billionen Dollar erhöhen. Wieder und wieder entgegnete Romney dem ruhig, aber entschieden: „Praktisch alles, was er über meinen Steuerplan sagt, ist falsch.“ Es bleibe dabei, dass es keine Steuersenkungen geben werde, die das Defizit erhöhten. Obama blieb da nur, das Fehlen genauerer Pläne zu monieren - was Romney mit dem Hinweis parierte, er gebe nur die Richtlinien vor.

Auch die meisten Anhänger der Demokraten gaben spätestens am Donnerstag zu, dass Romney die Debatte von Denver „gewonnen“ habe. Noch ist nicht klar, ob er damit den negativen Trend stoppen oder gar umkehren konnte. In einer Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN kurz nach Ende des Fernsehduells äußerten 67 Prozent der befragten registrierten Wähler, Romney habe die Debatte gewonnen; nur 25 Prozent sahen Obama als Sieger. Als stärkere Führungsfigur nahmen 58 Prozent Romney wahr, Obama kam auf einen Wert von 37 Prozent. Und sogar bei der Frage, welcher Kandidat der liebenswertere gewesen sei, lag Romney mit 46 Prozent einen Prozentpunkt vor Obama. In dieser Disziplin hatte der Präsident die Nase bisher deutlich weiter vorn gehabt.

Nächste Woche kommen Vizepräsident Joseph Biden und Romneys Kandidat für Bidens Amt, Paul Ryan, an die Reihe: Sie diskutieren am 11. Oktober in Kentucky. Romney und Obama stehen sich dann noch zweimal binnen sieben Tagen gegenüber: am 16. Oktober im Bundesstaat New York und am 22. Oktober in Florida. Nicht nur Romney wird sich fragen, welche Lehren der Präsident aus dem gemeinsamen Abend von Denver zieht.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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