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New York „Sandy“ im Kerzenlicht

 ·  New York war so vorsichtig wie noch nie. Der Jahrhundertsturm blieb zwar aus, doch ganz verschont blieb die Stadt nicht, als „Sandy“ die Küste erreichte. Ein Bericht aus Manhattan.

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© dapd Die Skyline von New York in der Nacht auf Dienstag

Aus demselben Einzugsbereich desselben Hurrikans können viele unterschiedliche Berichte kommen. Ich berichte aus New York, mitten aus Manhattan, und wenn Sandy auch weiter südlich an Land ging, als gestern und vorgestern und all die milden Herbsttage zuvor angekündigt und gewarnt worden war, ist die Stadt doch nicht verschont geblieben. Obwohl sie vorsichtig wie nie war, obwohl Brücken gesperrt und Küstengebiete und notorisch gefährdete Inselränder evakuiert wurden, fehlen nicht die dramatischen Bilder.

Aber die sind live nicht überall zu sehen. Von meiner Warte aus, vom fünfzehnten Stock in Manhattan, macht New York einen verlassenen, dennoch unversehrten Eindruck. Und auch beim Gang durch die menschleeren Straßen meiner neighborhood, von Greenwich Village, Chelsea und Tribeca, ist Sandy bisher nur für geschlossene Geschäfte und verbarrikadierte Schaufenster verantwortlich zu machen.

Hier müssen die Leute fast ein schlechtes Gewissen haben, dass sie offenbar derart unbehelligt davonkommen sollen. Denn um sie herum, allerdings meist in beträchtlicher Entfernung, hat sich Sandy weit weniger gnädig gezeigt. In Queens ist durch tiefliegende Stadtteile nur noch im Boot zu kommen. Um den Boardwalk von Coney Island gischtet der Atlantik. Ein Baukran ist achtzig Stockwerke über der 57th Street eingeknickt und hängt, einen Steinwurf von der Carnegie Hall entfernt, bedrohlich über den umgebenden Gebäuden. Von meinem Fenster im Village schaue ich auch darum immer wieder auf die Kräne, die neben und auf den im Bau befindlichen Türmen um Ground Zero in den graugelben, bleiernen Himmel ragen. Ungerührt und wie unberührt halten sie Wache, bis jetzt.

Es kommen schlimme Nachrichten aus der nahen Ferne, aus Maryland, Pennsylvania und dem südlichen New Jersey. Verwüstete Orte, aufgerissene Häuser, obdachlose Familien. Straßen, die sich in Kanäle verwandelt haben. Hunderttausende, vielleicht Millionen ohne Strom. Ich war es auch, den ganzen Abend lang. Kein Fernseher, kein Internet, immerhin funktionierte das Telefon. Bei Kerzenlicht sah das erloschene Village fast romantisch aus. Offenbar wollte auch Sandy die Stille nicht stören. Wind und Regen machten Pause oder hielten sich zumindest diskret zurück.

Es war kein Blackout, kein kompletter zumindest. Stunden vorher hatte das zuständige Elektrizitätsunternehmen angerufen und dringend gebeten, den Stromverbrauch einzuschränken, weil es durch Überschwemmungen zu Knappheiten kommen könnte und einige Gegenden schon abgeschaltet worden seien. Die Kerzen lagen also bereit. Viele Türme um die Wall Street blieben aber hell beleuchtet. Auch Midtown strahlte weiter. Hatte dort niemand angerufen?

Zwischendurch besorgte Anrufe aus Übersee. Verstärken sich auf dem Weg über den Atlantik die Katastrophenmeldungen? Nicht rausgehen! Bürgermeister Bloomberg schließt sich wenig später dem guten Rat aus Europa an. Bin dann doch durchs Viertel gegangen, auch wenn der Sturm gelegentlich zu brüllen und röhren anfing. Die Luft aber war lau, der Regen sanft. Wo war die Jahrhundertkatastrophe?

Manch ein New Yorker Sommergewitter hat mir mehr Angst eingeflösst, hat wilder an den Fenstern gerüttelt und massivere Regenmauern in den Straßen aufgebaut. Ich will deswegen nicht die Verheerungen herunterspielen, die Sandy auf seiner Hauptroute mit sich brachte. Um New York herum hat der Sturm aber einen fast eleganten Bogen geschlagen. Im letzten Augenblick musste ein Schutzengel eingeflogen sein. Er hatte viel zu tun. Das ganze Ausmaß des Hurrikans werden ohnehin erst die nächsten Stunden, Tage und Wochen ans Licht bringen. Von der bevorstehenden Wahl reden wir nun lieber nicht. So schnell wie Irene, die Unheilstifterin vom vorigen Jahr, wird Sandy jedoch nicht in Vergessenheit geraten.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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