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Neue Staffel „DSDS“ Es ist hingerichtet

06.01.2012 ·  Das Casting-Gemetzel „DSDS“ geht weiter: Wie Dieter Bohlen die Kultur des Landes verändert.

Von Daniel Haas
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Heute startet die neunte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Es wird höchste Zeit, weil wir wieder erinnert werden müssen, woher der Wind weht in diesem Land. Wir glauben ja, es geht uns gold. Aber Dieter Bohlen zeigt uns, was tatsächlich unsere Ressourcen sind, sozial und kulturell gesehen. Er lässt wieder all die Kevins, Mehrzads und Menowins auftreten, die ganze Truppe, die glaubt, zweimal im Sonnenstudio und eine Bushido-CD gehört und schon geht die Karriere los. Da werden wieder Leute stehen wie Marcel, 19, der mit eingenässter Hose auf die Bühne kommt, oder Raymund, 17, der nach seiner Gesangsnummer weinend zusammenbricht. Dieter Bohlen zeigt uns, was getan werden muss: nachtreten, den Schwachen hinabstoßen in die Kloake der allgemeinen Verachtung. Dieter Bohlen ist der Nietzsche im RTL-Format.

Natürlich wird das Geschrei der Kulturträger wieder groß sein, das Gezeter, Bohlen hat es in seinem Hausblatt, der „Bild“- Zeitung am Freitag schon antizipiert: Er sei eine Metapher der Agenda 2010, ein sozialdarwinistischer Beelzebub im Gewand des Showmasters. Und wenn schon: Hartz IV erinnert die Leute daran, wer sie sind: kostgängerisches Gesindel. Dieter Bohlen verleiht dieser Einsicht eine Rhetorik. Sein Herabsetzungsidiom, kunstvoll montiert aus Hass, Verachtung, Sexismus und Ignoranz, hat extrem motivierende Wirkung: bloß kein Opfer werden! Er ist die Mensch gewordene Schwarze Pädagogik.

Bohlen schont sich nicht

Man muss tapfer sein, um so einen Höllenkreis der Fernsehunterhaltung zu schaffen, tapfer und hart gegen sich selbst. Bohlen schont sich nicht. RTL wählt die Kandidaten für Bohlens Show ganz gezielt aus, nach Kriterien wie Knasterfahrung, Drogenprobleme, Vaterlosigkeit, Psychiatrieaufenthalt. Und dann stehen sie im grellen Licht der Beschämung wie zum Beispiel Helmut Orosz, der wegen Körperverletzung gesessen und zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte. Den warf Bohlen noch während der Sendestaffel hinaus: Kokainmissbrauch! Wie sagte RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer in einer Pressemitteilung: „Die Kandidaten sollen sich im Rahmen des Wettbewerbs vorbildlich verhalten.“ Vorbildlich spielt Dieter Bohlen seine Rolle, ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Rolle besteht darin, aus der Rolle zu fallen, das heißt vor allem unser linguistisches Ventil für Ressentiments, Lebens- und Weltekel zu sein.

„Planieren statt sanieren“ lautet der Untertitel von Dieter Bohlens drittem Buch. Darin steht der entscheidende Satz: „Alles, was sich in den Weg stellt, muss umgemäht werden.“ Wie sehr muss dem obersten Runterputzer der Nation da missfallen, wie gerade über wirtschaftliche Lagen diskutiert wird. Wir haben nichts zu verschenken, wer wüsste das besser als er, der aus buchstäblich nichts alles gemacht hat. Der nichts wirklich kann, weder komponieren noch singen, noch schreiben, und aus diesem Mangel an Fertigkeiten ein Kapital schlägt, dass einem schwindelig wird. Platin-Platten! Bestsellerstapel!

Hut ab!

Marx hat Bohlen bereits 1967 gelesen, das ist verbürgt. Damals hisste er auf dem Flachdach des väterlichen Bungalows die kommunistische Flagge mit Hammer und Sichel. Wenig später studiert er und machte einen Abschluss in BWL, hatte die Farce des utopischen Denkens also schon erkannt, als andere noch glaubten, der Maoismus stehe vor der Tür oder mit der DDR lasse sich Staat machen. Dieses Know-how hat sich auch für RTL bewährt. Die Zahlen der GfK-Fernsehforschung fürs letzte Jahr wiesen es aus: Marktführer mit großem Abstand. Hut ab! Dank Bohlen und Abgrundshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder dem Dschungelcamp hat RTL die Öffentlich-Rechtlichen ordentlich abgehängt. Und das, obwohl diese doch Gebührengelder fressen wie der Rütlischulabgänger die Transferleistungen. Was könnte Bohlen mit solchen Summen bewirken! Ein Medienimperium würden er errichten und Kunstförderung betreiben im Geiste schwarzer Pädagogik.

Ute Biernat, Produzentin von „DSDS“, schwärmte unlängst von einer Castingshow für Rennfahrer. Platzende Reifen, detonierende Boliden, im Benzinrausch verdampfende Körper, das wäre ein Anfang. Aber Dieter Bohlen, malen wir uns aus, würde ungleich mächtigere Visionen entwickeln. Warum nicht „DSDS“ und „Dschungelcamp“ als Anfang und Ende der medialen Lebenslinie zusammenlegen? Schief gesungen? Gleich eine Ladung Maden zum Verzehr und ab in den Zeckenkäfig. Nur so eine Idee. Auf die wird RTL bestimmt auch noch kommen.

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