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Nationalmannschaft Schönes neues Deutschland

12.10.2011 ·  Der eigentliche Gewinn der Fußball-Nationalelf ist der enorme Respekt, den sie sich bei der Konkurrenz verschafft hat. Dabei verkörpert Mesut Özil wie kein Zweiter die Wucht und Leichtigkeit des deutschen Spiels.

Von Christian Kamp
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© dpa Startschuss vom Frontmann: Mesut Özil ist das Versprechen auf den kommenden Sommer

Die letzte Geste, die von Joachim Löw zu sehen war, bevor er in den Katakomben der Düsseldorfer Arena verschwand, sagte alles. Nicht nur über diesen Abend und das 3:1 gegen Belgien, sondern über die vergangenen 14 Monate. Wie man es nur in Momenten besonderer Zufriedenheit mit sich und seinem Werk tut, rieb der Bundestrainer für ein paar genüssliche Augenblicke seine Hände gegeneinander: Es war nicht einfach nur geschafft, es war auch noch sehr gut geworden. Die „perfekte Zehn“ eben, die so noch nicht dagewesene Siegesserie in Qualifikationsspielen zu einem großen Turnier. „Zehn Spiele, zehn Siege - was will man mehr“, so lautete die rhetorische Frage, in die Löw seine Freude später kleidete. Es war aber weniger der Rekord als solcher, der den Bundestrainer in Hochstimmung versetzte. Es ging ihm um die Art und Weise, wie seine Mannschaft die beiden Aufgaben nach bereits vollbrachter Qualifikation, zuerst in der Türkei und nun gegen Belgien, erledigt hatte - und um die Signalwirkung, die davon auf die Konkurrenz ausgehen möge. „Wir wollten den Endspurt, wir wollten mit zehn Siegen über die Ziellinie, weil man sich mit jedem Sieg gewissen Respekt verschafft“, sagte Löw und ließ die zentrale Botschaft folgen: „Andere Länder sehen: wir lassen jetzt nicht nach. Die Mannschaft ist stark und hungrig.“

Tatsächlich besteht der eigentliche Gewinn der deutschen Auswahl am Ende der Qualifikation für die Europameisterschaft im nächsten Jahr nicht in der bestmöglichen Punktausbeute als solcher, sondern im Ruf, den sie sich im In- und Ausland erworben hat. Unter Löws Regie ist in den vergangenen Monaten etwas größeres entstanden als nur eine ziemlich erfolgreiche Fußballmannschaft, die über weit mehr Spielfreude, Spitzenkönner und Siegermentalität verfügt als ihre Vorgänger-Jahrgänge. Hier ist zum ersten Mal seit langem eine deutsche Mannschaft zu besichtigen, die über eine spezielle Aura verfügt - etwas, was im Weltfußball derzeit sonst nur die Spanier für sich in Anspruch nehmen können. Am Dienstagabend kam das in dem schönen Satz des belgischen Trainers Georges Leekens zum Ausdruck: „Das große Deutschland ist da“, sagte er. Und selbst wenn man die Neigung der meisten Trainer, den siegreichen Gegner ein bisschen größer zu reden, abzieht, blieb da noch eine ganze Menge Ehrfurcht übrig.

Natürlich, das deutsche Spiel war schwer in Gang gekommen gegen die forschen Belgier, die mit viel mehr Courage als die Türken ein paar Tage zuvor ihre Chance suchten. Wie sich Löws Mannschaft aber binnen weniger Minuten befreite, das hatte etwas geradezu unerhört Selbstverständliches. Etwas, was noch mancher Gegner im Hinterkopf haben dürfte, wenn er es in den nächsten Monaten mit Deutschland zu tun bekommt: Die Fähigkeit, jederzeit und mehrfach zuschlagen zu können, und wenn es zur Not „aus dem Nichts“ ist, wie André Schürrle sagte. Andererseits: Was heißt schon „nichts“, wenn man einen Mann hat, der alles kann? Mesut Özil verkörperte am Dienstagabend Wucht und Leichtigkeit des deutschen Spiels zugleich. Ein mächtiger Linksschuss zum 1:0, ein bis zuletzt verzögertes Abspiel, wie nur Özil es beherrscht, als Türöffner zu Schürrles 2:0, zuletzt der ebenso nüchterne wie effektive Pass vor Gomez’ 3:0 - in der Summe bedeutete das nicht nur für Bundestrainer Löw das Prädikat „Weltklasse“.

Qualitätssprünge

Für Özil hatte es den schönen Nebeneffekt, dass alle Spekulationen um seine Auszeit beim Türkei-Spiel gegenstandslos geworden waren. In der Heimat seiner Vorfahren sind sie nun alle „mesut“, glücklich, über die Schützenhilfe des verlorenen Sohnes im Fernduell gegen Belgien um den Playoff-Platz. Aus deutscher Sicht ist Özil zugleich das beste Beispiel dafür, wie das Team sich seit der WM im vergangenen Jahr entwickelt hat. Vor Südafrika war der Mittelfeldspieler zwar schon ein Bundesliga-Star, seine Leistungen im Nationaltrikot aber noch schwankend. Genauso wie er haben auch andere Spieler einen Qualitätssprung hinter sich: Müller natürlich, aber auch Badstuber, Kroos oder Khedira. Andere, wie Schweinsteiger, Lahm, Neuer sind stabiler denn je. Und neue Namen wie Schürrle, Götze oder die zuletzt berufenen Reus und Gündogan sorgen zusätzlich für Belebung.

Weil noch manch anderes auf der deutschen Habenseite steht - mehr Tempo, mehr Variabilität, im Vergleich zur EM 2008 auch mehr Teamgeist und bessere Stimmung -, gibt es wenig Argumente, warum dieses Team im nächsten Jahr nicht reif für den Titel sein sollte. Selbst der verbal eher zu Unauffälligkeit neigende Özil gab sich in dieser Frage forsch: „Es ist einfach an der Zeit, dass Deutschland Europameister wird“, sagte er. Widersprechen würde Bundestrainer Löw da zwar nicht. Ein bisschen viel der Begeisterung schien es ihm zuletzt aber schon. So ließ er keine Gelegenheit aus, den Favoritenkreis der EM über Deutschland, Spanien und die Niederlande hinaus um Engländer, Franzosen und Portugiesen zu erweitern. Wie groß sein neues Deutschland wirklich ist, wird man nach den Tests gegen Holland (im November) und Frankreich (Februar) nochmal ein bisschen genauer wissen.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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