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Veröffentlicht: 14.11.2011, 20:15 Uhr

Nachruf auf Franz Josef Degenhardt Gegen alle bürgerlichen Dressurakte

In den sechziger und siebziger Jahren wurde er mit seinen politischen Liedern zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Nun ist Franz Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren gestorben.

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© dpa Franz Josef Degenhardt ist seinen Überzeugungen immer treu geblieben

Er setze auf die Enkel und Urenkel, antwortete Franz Josef Degenhardt auf die Frage, ob er nach dem Zerfall des Ostblocks noch an eine Zukunft des Kommunismus glaube. „Diese Schlacht ist verloren. Aber es geht weiter“ - der Satz, mit dem er seine Hoffnung begründete, charakterisiert auch den Mann, den Rechtsanwalt, den Schriftsteller und den Sänger Degenhardt; nie, in keiner dieser Positionen gab er auf, ließ er sich beirren oder dauerhaft entmutigen.

Das Spiel mit den Schmuddelkindern

Er ist einer der wenigen extrem politischen Liedermacher, denen der Sprung in die deutsche Hitparade und sogar ein Evergreen, ein Klassiker gelang: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Noch heute bekommt man Gänsehaut bei diesem 1965 entstandenen Lied, das eigentlich ein bitterer Personenroman ist, in dem sich das Leben der deutschen Nachkriegsgeneration spiegelt.

Vom aufmüpfigen Sohn ehrbarer Leute ist die Rede, der sich aus der Oberstadt dorthin schleicht, „wo sie Sechsundsechzig spielten, Mädchen unter Röcke schielten. Wo man, wenn der Regen rauschte, Engelbert, dem Blöden lauschte. Der auf einen Haarkamm biss, Rattenfängerlieder blies.“ Dieses schwarze Kindheitsparadies wird zum Verhängnis. Die Oberstadt lehrt den Jungen „Rumpf und Wörter beugen und vor dürren Tantengreisen unter roten Rattenwimpern par coeur Kinderszenen klimpern.“ „Aus Rache reich geworden“, wird Degenhardts schauriger Held durch einen Unfall körperlich und geistig zum Krüppel, vergeht sich an einem Schmuddelkind und wird von dessen Kameraden ertränkt.

Franz Josef Degenhardt mit Hannes Wader © dpa Vergrößern Franz Josef Degenhardt (Mitte) mit Hannes Wader (links) 1970 in Hamburg

So radikal hatten zuvor nur Georges Brassens und gelegentlich Jacques Brel bürgerliche Dressurakte angeprangert und Außenseiter verklärt. Ihnen sowie Brecht, Tucholsky und Wedekind eiferte Degenhardt nach, als er um 1960, parallel zur Karriere als Rechtsanwalt, erste Auftritte als Sänger absolvierte. Schwer zu sagen, was ihn berühmter machte, seine Lieder, die ihm 1968 den Titel „Sänger der 68er“ eintrugen, oder, dass er im selben Jahr vor Gericht Mitglieder der APO verteidigte, dass er 1970 den Deutschen Schallplattenpreis erhielt oder, dass er 1972 juristisch für Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe tätig war.

Seine Entschiedenheit wird fehlen

Über letzteres, auch darüber, dass er von der SPD zur DKP wechselte, lässt sich trefflich streiten. Nicht aber über die Wortgewalt und Bildkraft seiner Texte. Er begnügte sich nicht mit seinen Songs, die er, leidlicher Gitarrist, mit einer sehr hellen, treffsicheren Stimme vortrug, sondern schrieb auch Romane. Zwei wurden verfilmt: von Reinhard Hauff „Zündschnüre“ (1973), die Geschichte einer Kindergruppe, die 1944 NS-Stellen sabotiert; „Brandstellen“ (1974), worin sich eine Bürgerinitiative gegen einen Truppenübungsplatz der Nato wehrt, kam unter der Regie von Horst E.Brandt in der DDR heraus. Selbst die Titel der Alben, die Franz Josef Degenhardt im Lauf der Jahre einspielte, lesen sich wie ein Kurzroman über den Werdegang der Bundesrepublik: „Im Jahr der Schweine“ (1969), „Mit aufrechtem Gang“ (1975), „Da müssen wir durch“ (1987) und „Weiter im Text“ (1996) sind nur einige davon.

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Ein so sanfter Satz wie „Junge Paare auf Bänken“, mit dem er 1986 seine Sammlung ins Deutsche übertragener Brassens-Lieder ankündigte, ist eine Ausnahme. Aber auf der Bühne konnte Franz Josef Degenhardt durchaus sanft sein, lächeln, von den Freuden des Lebens schwärmen. Das hätte er sicher auch am 19. Dezember im Berliner Ensemble getan, wo ein Konzert zu Ehren seines achtzigsten Geburtstags geplant war. Er hätte ihn am 3. Dezember gefeiert. Doch am Montag ist Franz Josef Degenhardt in Quickborn bei Hamburg gestorben. Seine Entschiedenheit wird der Republik nicht nur musikalisch fehlen.

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