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Veröffentlicht: 16.01.2015, 13:34 Uhr

Charlie Hebdo Hass in Frankreichs Klassenzimmern

Die Stimmung ist aufgeheizt: In Frankreichs Schulen gibt es nach den Attentaten von Paris viele Zwischenfälle. Bildungsministerin Vallaud-Belkacem spricht angesichts der vergifteten Stimmung von „Verherrlichung des Terrorismus“.

von , Paris
© AFP Soldaten patroullieren auf der Place de la Nation in Paris

Frankreich wird sich nicht spalten lassen, schwört François Hollande. In die Klassenzimmer der Republik jedoch hat der Terrorismus wie eine Spaltbombe eingeschlagen. Lehrer A. aus dem Pariser Vorort Argenteuil zögert nicht, im Gespräch von einem „Zusammenstoß der Kulturen“ an seiner Schule zu sprechen. Seit den Anschlägen ständen sich Lehrer und das Gros der Schüler unversöhnlich gegenüber.

Michaela Wiegel Folgen:

„Wir sind nicht Charlie“, sei die vorherrschende Meinung in seinen Klassen, die hauptsächlich von Kindern mit Einwanderungshintergrund besucht werden. Keinen seiner zwischen 15 und 16 Jahre alten Schüler zog es zum „Republikanischen Marsch“ in die 45 Minuten entfernte Hauptstadt, sagt der Lehrer. „Das war doch für die Weißen, die jetzt keine Angst haben wollen“, habe ihm ein Schüler gesagt. Angesichts dieser Haltung nütze es wenig, über die Bedeutung der Meinungsfreiheit und über die Kunst der Karikaturisten zu dozieren. „Die Schüler schalten einfach ab.“

Das kulturelle Missverständnis bleibt riesengroß

An der Schule in Argenteuil ist es nicht zu meldepflichtigen Zwischenfällen gekommen bei der nationalen Schweigeminute am Donnerstag vergangener Woche. „Aber das kulturelle Missverständnis bleibt riesengroß“, sagt A. Viele identifizierten sich mit den drei Tätern, die wie sie in der Banlieue aufwuchsen, auch wenn sie die Bluttaten nicht billigten. Mit den Karikaturen von „Charlie Hebdo“ und der linkslibertären Gesinnung in der Redaktion hingegen könnten sie nichts anfangen.

Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem © AFP Vergrößern Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem (r.) beschwichtigt nicht länger: „Die Zwischenfälle sind zahlreich und schwerwiegend“

„Sie beleidigen den Propheten. Warum provozieren sie uns?“, fragte ein Schüler. Über den Polizeigewahrsam des Komikers Dieudonné sei viel diskutiert worden. Dieudonné macht Witze über Juden und den Holocaust, die Videoclips seiner antisemitischen Sketche kennen die meisten Jugendlichen in Argenteuil und in anderen Vorstädten. „Warum bekommt Dieudonné Scherereien mit der Polizei und der Justiz? Wo bleibt da die Meinungsfreiheit“, fragten ihn seine Schüler, berichtet der Lehrer A..

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Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, die selbst aus Marokko stammt, beschwichtigt nicht länger. Die vergiftete Atmosphäre in vielen Klassenzimmern beschreibt sie als ernste Herausforderung. „Die Zwischenfälle sind zahlreich und schwerwiegend. Einige entsprechen dem Straftatbestand der Terrorismusverherrlichung. Das werden wir nicht durchgehen lassen“, sagte Vallaud-Belkacem in der Nationalversammlung.

Die offizielle Bilanz wurde von 70 auf mehr als 200 Zwischenfälle korrigiert. Vermutlich hat es noch viel mehr Unruhe gegeben, aber viele Schuldirektoren zögern, Konflikte an ihre Hierarchie zu melden. Sie wollen nicht, dass ihre Schule in Verruf gerät oder ihre Arbeit negativ bewertet wird. Die Zeitung „Le Parisien“ zitiert am Donnerstag aus einem Polizeibericht, in dem ein Teil der Zwischenfälle dokumentiert sind. In Toulouse haben Schüler der 8. Klasse (4°) während der Schweigeminute für die Opfer der Terroristen die algerische Nationalhymne angestimmt.

© Getty Images/C. Koall, Deutsche Welle Muslime gegen Terror im Namen des Islam

Die Stimmung ist aufgeheizt

In Dreux bei Paris boykottierten 60 Schüler die Gedenkzeremonie. Sie verlangten eine Schweigeminute „für Palästina“. Ihre Familien sind den Ordnungskräften als Besucher einer salafistischen Moschee bekannt. In der zum Schulbezirk der Sozialwohnbausiedlung La Grande-Borne zugehörigen Schule ertönten während der Schweigeminute „Allahu Akbar“-Rufe. Der Terrorist Amedy Coulibaly wuchs in diesem Hochhausviertel bei Paris auf. In Vichy fiel ein Schüler auf, weil er seinen Klassenkameraden mit weiteren Anschlägen drohte. Sie seien „Drecksfranzosen“ und würden alle sterben, sagte er laut Polizeibericht.

In Pamiers im ländlichen Südwesten drohte eine Schülerin einer Aufseherin, die sie im Pausenhof getadelt hatte: „Ich warte auf die Muslime, die mit ihrer Kalaschnikow kommen. Pass nur auf, auch für dich wird eine Kalasch’ kommen.“ In Nantes rissen vier muslimische Schüler die Plakate mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ im Schulgebäude ab. „Solche Plakate dulden wir nicht“, sagte einer der Schüler dem Rektor. Eine Lehrerin in Rueil-Malmaison bei Paris meldete, ein Schüler habe ihr gesagt: „Sie hätten alle Journalisten bei ,Charlie Hebdo‘ umlegen sollen.“

- © AFP Vergrößern Mitten in Paris: Soldaten patroullieren auf dem „Place de la Nation“.

Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass es auch zu Auseinandersetzungen zwischen Schülern kommt. „Le Figaro“ schreibt, dass eine Gruppe von Jugendlichen von einer Berufsschule in Senlis auf Schüler des benachbarten Gymnasiums mit dem Kampfschrei „Wir legen noch mehr ,Charlie Hebdos‘ um“ zustürmte und diese zu verprügeln versuchte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Insgesamt 37 Verfahren wegen „Terrorismusverherrlichung“ und 17 Verfahren wegen Androhung von Gewalt an der Schule beschäftigen seit vergangenen Donnerstag die Justiz. „Mit ein paar Unterrichtsstunden mehr in Staatsbürgerkunde wird diesen Zwischenfällen nicht beizukommen sein“, sagte der frühere Bildungsminister Jack Lang.

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