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Mythos Berghain Die Nacht ihres Lebens

 ·  Sie reisen von Partystadt zu Partystadt, mit Billigflugticket und Handgepäck: der Easy-Jetset. Der Höhepunkt ihrer Reise: ein sagenumwobener Club in Berlin. Durch die Nacht mit vier Spaniern.

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© dapd Sightseeing dient nur als Notlösung: Partytouristen reisen, um zu feiern

Eduardo steht bei Sonnenuntergang an einem Samstagabend auf den kalten Stufen des Hostels, riecht drohendes Schneetreiben und sieht Rauch. Irgendwer hatte auf dem brachliegenden Acker gegenüber ein kleines Feuer entzündet, nun löschen es einige Passanten mit den dicken Sohlen ihrer Winterschuhe. Eduardo zieht an seiner Zigarette. „Berlin brennt“, sagt er, aber er meint es in einem anderen, übertragenen Sinne. Weil man hier ein Wochenende so billig verbringen kann wie in keiner anderen Metropole.

Weil es keine Sperrstunde gibt. Weil hier Platz ist für alles und jeden. „Berlin es increíble, unglaublich“, sagt Eduardo. „Bei euch ist alles möglich“ - was für deutsche Ohren schon erstaunlich klingt. Eduardo wirft die Zigarette weg und öffnet die Tür zum Hostel. Drinnen sitzen, in durchgesessenen Sesseln und über den kostenlosen Stadtplan gebeugt, den es an der Rezeption gab, junge Portugiesen, Israelis, Schweden. Die meisten ihrer Augen und Finger suchen nur einen Punkt auf der Straßenkarte, einen Namen.

In ihren Gesichtern und Gesprächen erkennt man Freude, aber auch ein bisschen Furcht. Einer im Raum spricht es aus: „Berghain“. In einer Ecke des Raums sitzen drei Spanier, Eduardo wirft sich zu ihnen auf das Sofa. Es sind seine Freunde, María, Manuel und Lavia. Zwei Pärchen aus Spanien, Studenten der Juristerei, Pharmazie und Kunstgeschichte, Anfang zwanzig, erfahren im Feiern allesamt. Sie sind am Morgen mit der Billigfluglinie Easy Jet in die Stadt gekommen, Madrid-Berlin 39,99 Euro pro Person, hand luggage only, no food, no drinks.

Der beste Club der Welt, das haben sie gehört

Party trotz Krise? „Gerade deswegen“, sagen sie. Etwas mehr als hundert Euro für die Nacht ihres Lebens - wenn sie Glück haben. Eduardo und die anderen glauben, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Wenn sie zurückfahren, wollen sie zu Hause eine gute Geschichte erzählen können. Sie interessieren sich nicht für das Brandenburger Tor oder die Siegessäule, wollen nicht die Reste der Mauer befühlen, die schon nicht mehr stand, als sie alle geboren wurden. Sie sind nur wegen eines Ortes hier, einem alten Heizkraftwerk an der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain: dem Berghain.

In dem die Partynacht Samstags beginnt und erst im Morgengrauen der neuen Woche endet - wenn man so lange durchhält. Der beste Club der Welt, das haben sie gehört. Der Fluchtpunkt einer nach oben offenen Nacht für die Partytouristen auf jeden Fall. Eduardo, María, Lavia und Manuel wollen also da hin, wohin so viele wollen, die für ein Wochenende in Berlin einfallen und aus Belfast, Istanbul und Buenos Aires kommen. Für die, die nicht aus Europa stammen, bildet der Berlin-Besuch oft den Abschluss eines Welt-Trips.

Die anderen wandern als hedonistische Nomaden mit wenig Geld und viel Ausdauer von Partystadt zu Partystadt - die Billig-Airlines machen es möglich. Eine von ihnen gab diesen Reisegruppen auch ihren Namen: Easy-Jetset. Seit es Internetseiten gibt, auf denen sich die günstigen Tickets kombinieren lassen, hat der Partytourismus noch einmal neuen Schwung bekommen. Das Erstaunliche: Am Ende landen doch fast alle in Berlin, über das sie so viel gehört haben; nun wollen sie überprüfen, ob wenigstens die Hälfte davon stimmt. Berlin zählte 2012 mehr als 23 Millionen Übernachtungen.

Viele buchen das klassische Sightseeing. Aber die Gruppe derer, die genau das nicht mehr will, wird immer größer. Berliner Clubbesitzer schätzen, dass 10 000 Partygäste in die Clubs der Hauptstadt strömen, jedes Wochenende. Mitarbeiter der Hostels sprechen von ähnlichen Zahlen. Es gibt viele Clubs in Berlin, deren Namen man auf der ganzen Welt kennt: Watergate, Tresor, Cookies. Das Herz dieser immerlaufenden Partymaschine aber ist das Berghain. 2009 wurde es von dem in der Branche wichtigen „DJ-Magazin“ zum besten Club der Welt gewählt, und nicht wenige glauben, dass das Schlimmste war, was dem Technoclub passieren konnte.

Weil nun die Touristen einfielen und aus den Darkrooms im Club eine Attraktion unter vielen machten. Weil das Berghain inzwischen zu sehr dem Mainstream folge. Viele meinen, das könne man nicht nur über den Technoclub, sondern über ganz Berlin sagen. Aber was sollen all diese Überlegungen, wenn die Nacht gerade erst begonnen hat? Es ist kurz vor Mitternacht, im Hostel wird es langsam unruhig, Stimmen schwirren umher, mit Bierflaschen wird angestoßen. Die Jungs nehmen ihre Mädchen an die Hand, Eduardo seine María, Manuel seine Lavia. Am Geldautomaten vor dem Hostel hebt Manuel noch etwas Geld ab.

Denn die Flasche Jägermeister haben sie schon in ihrer Tasche, aber Manuel erwägt den Kauf von etwas weißem Pulver, er will sich alles offenhalten. Keiner von ihnen war zuvor in der Stadt, aber den Weg laufen sie wie blind, weil sie ihn schon hundert Mal auf dem Plan in ihren Madrider Studierstuben gegangen sind. Während der halben Stunde, die sie zum früheren Heizkraftwerk laufen, reden sie nicht viel. Jeder scheint bei sich zu sein.

Der Mythos lebt

Eduardo, der Kunstgeschichte studiert, spricht auf der Schillingbrücke, die sich über die Spree spannt, wieder als Erster. „Im ersten Stock des Berghain hängt ein Bild, auf dem eine Frau ihre Beine spreizt und man alles sieht, wirklich alles.“ Gehört habe er das, von dem Kumpel eines Kumpels, und vielleicht hat der es auch nur im Internet gelesen. Der Mythos lebt.

Auf der anderen Uferseite treffen die vier auf zwei junge Frauen aus Paris, die sich mit dem H im Namen ihres Ziels noch etwas schwertun. Sie schließen sich an. Der Weg, an Mehrfamilienhäusern und Supermärkten vorbei, ist nicht besonders spektakulär, aber in dieser Nacht scheint alles zu glühen. Nun reden sie alle durcheinander, wie aufgeregte Kinder vor der Bescherung. María schmiegt sich an ihren Eduardo, er küsst sie auf die Stirn. Von irgendwoher hören sie einen Beat, sicher noch nicht das Berghain. „Super“, sagt Manuel, „wie die Stadt pulsiert.“ Es ist 1.15 Uhr.

Den Jägermeister haben sie nach nur ein paar Schlucken an einige Deutsche weitergereicht, denn wie sie gehört haben, hat man angetrunken überhaupt keine Chance. Keine Chance an der Tür, vor der sie nun stehen, zumindest fast, noch sind etwa 150 Leute vor ihnen in der Schlange. Die Euphorie ist erst einmal dahin, der erste Rausch verflogen. Zwei Stunden werden sie vielleicht stehen und warten - hat Eduardo im Internet gelesen. Zeit, sich umzuschauen.

„Was machen wir eigentlich, wenn wir es nicht schaffen?“

Knapp zwanzig Meter reicht der sandgraue Bunker vor ihnen hinauf, aus den Fenstern dringt blaues, rotes und grünes Licht. Die Schatten einiger tanzender Leiber sind in den Lichtkegeln zu erkennen, außerdem Säulen und Bänke, die an Stahlketten von der Decke hängen. Eduardo, der eine Vorliebe für starke Vergleiche hat, sagt: „Como una catedral, eine Kirche der Dunkelheit.“ Seine Freundin María zupft nervös an ihrem Kleidchen. Die Absätze ihrer Schuhe versinken im Schlamm. Ist das noch overdressed oder schon zu schlampig?

María und Lavia hatten im Hostel eine Ewigkeit vor ihren Betten mit dem ausgeleerten Inhalt ihrer Taschen gestanden, unschlüssig, mit welchem Outfit sie am ehesten am Türsteher vorbeikommen. Denn es ist nicht nur so, dass die beiden Betreiber des Berghains keine Interviews geben und das Fotografieren in ihren Räumen untersagen, um den Mythos des Berghain zu bewahren. Natürlich gibt es auch noch einen Türsteher der Superlative, Sven Marquardt, dessen Gesicht tätowierter Stacheldraht und ein Dutzend Ringe schmückten, und der Nacht für Nacht die Glücklichen von den Trostlosen scheidet. In Spanien nennen sie ihn el lagarto - die Echse.

Eduardo und die anderen spielen ein Spiel. Sie raten, wer an der „Echse“ vorbeikommt und wer nicht. Am Anfang tippen sie noch richtig, dann verlässt sie das Glück. „Offenbar hat dieser Typ gar kein System“, sagt Lavia, die bis dahin kaum etwas gesagt hat, mit spitzer Stimme. Sie ist die Kleinste der vier, ihre Augen schauen oft unsicher von unten herauf, sie spielt mit dem Ring an ihrer rechten Hand. Sie blickt über die Köpfe der Wartenden hinweg zum Heizkraftwerk hinauf, das wie Arnold Böcklins Toteninsel in den Nachthimmel ragt wie eine geschleifte Burg. „Was machen wir eigentlich, wenn wir es nicht schaffen?“

Die anderen drei lachen nur, aber sie wissen es auch nicht. In der Schlange rücken sie nur langsam vor. Es ist 2.10 Uhr. María zupft an den Fingerspitzen ihrer Handschuhe. Anlassen oder ausziehen? Manuel hat seine Glücks-Nikes an, wie er sie nennt, mit denen er schon in den Clubs in Mailand tanzen war, Barcelona, Rom, Athen. Aber welche Rolle spielt das vor dem Berghain? Sven Marquardt schickt in Sichtweite vier Engländer weg. „Was war an denen denn jetzt falsch?“, fragt Manuel. „Die waren nicht laut und auch nicht betrunken.“ Eduardo hat sich inzwischen dem Schicksal übergeben. „Ich glaube, der hatte einfach gerade keinen Bock auf die, ganz einfach.“

Dann, um 2.40 Uhr, wird eine größere Gruppe Amerikaner abgewiesen, und plötzlich stehen die vier Spanier vor dem Echsenmann. Keine Zeit mehr, das Kleidchen zurechtzuzupfen oder die Handschuhe auszuziehen. Angezogen, aber trotzdem wie nackt stehen sie vor ihm. Der Türsteher hält vier Finger in die Luft. „Ja, zu viert“, sagt Eduardo. Der Echsenmann redet nur mit den Augen, sie sagen: Ihr zwei könnt rein, ihr beiden nicht. Keine Diskussion.

So grausam ist der Echsenmann

Eduardo und Lavia verschwinden hinter einer Tür aus breiten Plastikstreifen wie zu einem Kühlhaus, María und Manuel stehen mit hängenden Schultern am Rande der Schlange. Zwei kamen rein, zwei nicht, so grausam ist der Echsenmann. María und Manuel werden in dieser Nacht noch kurz in zwei andere Clubs gehen, dann fallen sie ins Bett, viel früher, als sie gehofft haben, ernüchtert, voller Neid.

Im Herzen der Finsternis wird da erst angefangen zu schauen, forschen, entdecken. In den Ecken und Winkeln, vor den dröhnenden Lautsprechern und an der Theke aus Hartgummi. Diese Welt feuert Farben und Geräusche und Gerüche auf Eduardo und Lavia ab. Männer mit nackten Oberkörpern, die meisten von ihnen schwul, tanzen vor dem DJ im ersten Obergeschoss. Ein Stockwerk höher ist die Musik etwas geschmeidiger, auf dem Boden klebt Schweiß, Spucke und anderes. Eduardo und Lavia sind abgetaucht, der Strom lässt sie so bald nicht mehr los. Die Zeit vergeht. Im Berghain öffnen sie kurz die Jalousien, Eduardo sieht aufgetürmte Wolken. Der Sonnenaufgang. Er seufzt laut.

Auch im Hostel bricht der Morgen an. María und Manuel planen den Sonntag, irgendetwas müssen sie ja unternehmen, sonst haben sie zu Hause gar nichts zu erzählen. Also nun doch: Brandenburger Tor, Siegessäule, Mauerreste. Als sie am späten Nachmittag wieder das Hostel erreichen, sind Eduardo und Lavia noch immer nicht da. Erst gut zwei Stunden bevor ihr Flug zurück nach Madrid geht, tauchen sie wieder auf. Eduardo fehlen die Socken, Lavia hat einen langen Kratzer am Unterarm. Ihre Souvenirs aus Berlin. Wer zu Hause die bessere Geschichte erzählen kann, ist keine Frage.

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