25.08.2011 · Der Aufstieg vom Abstiegskandidaten zum Tabellenführer der Bundesliga ist in Mönchengladbach vor allem mit einem Namen verbunden: Lucien Favre. Von Richard Leipold
MÖNCHENGLADBACH. Zu Beginn der Saison sind Überraschungen mit Vorsicht zu genießen. Eine gewisse Skepsis scheint angebracht, etwa wenn es nach drei Runden gilt zu ergründen, warum Borussia Mönchengladbach an diesem Sonntag als Tabellenführer der Fußball-Bundesliga zum Spiel nach Schalke fährt. Bei der Suche nach den Ursachen für den Aufschwung fällt zuerst der Name des Trainers: Lucien Favre. Als er die Mannschaft im Februar übernahm, schien Gladbach dem Abstieg geweiht. Sechs Monate später herrscht rund um den Borussia-Park eine Begeisterung wie lange nicht mehr. Viele Fans nutzen die Ferien für einen Ausflug zum Training und kaufen sich Karten für das nächste Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern - eine Partie, die nicht automatisch den größten Andrang hervorruft. Eine Entwicklung, wie sie Gladbach derzeit durchläuft, lässt sich nicht planen, ließ sich nicht einmal erahnen. Die Ankunft an der Spitze ist außerplanmäßig und der Aufenthalt dort wahrscheinlich nur vorübergehend.
Dennoch steckt ein Plan dahinter, der des Trainers. Favre hat eine Idee und lässt sie auf dem Rasen verwirklichen. Zuerst hat er eine solide Basis geschaffen und die Defensive gestärkt. Als er seinen Dienst antrat, lag der Schnitt der Gegentore bei 2,7 je Partie. "Wenn wir so weitergemacht hätten, wären wir ohne Chance gewesen." Aber sie haben nicht so weitergemacht, sondern aufgeholt und in der Relegation den Klassenverbleib erreicht. Nachdem es gerade noch einmal gutgegangen war, hätte so mancher Trainer nach neuen Leuten gerufen, um sich und sein System abzusichern. Favre hielt das nicht für nötig. Die Spieler hätten "schnell verstanden", was er von ihnen wollte, sagt er. "Sie waren schon nach einem Monat bereit, neue Ideen aufzunehmen." Wie schnell es ging, kam auch für Favre "ein wenig überraschend". Er sah die vorhandenen Kräfte als qualifiziert genug an, den Weg weiterzugehen. Der Plan stand über dem Wunsch nach neuem Personal. Gladbach ist jüngst mit lauter Profis nach oben gestürmt, die am Projekt Klassenverbleib unmittelbar beteiligt waren. Beim 4:1 über Wolfsburg stand nur ein Spieler in der Startelf, der in der Rückrunde nicht zum Aufgebot gehört hatte. Aber auch Raul Bobadilla war schon Borusse, bis Manager Max Eberl ihn aus "pädagogischen Gründen" für ein halbes Jahr als Leihgabe nach Saloniki schickte. Wie der Stürmer inzwischen von den Fans bejubelt und von den Vorgesetzten gelobt wird, zeugt von einer Metamorphose, die exemplarisch für Favres Fußball steht: Wenn die Defensive stabil ist, fällt es der Offensive leichter, die nächste Entwicklungsstufe zu erklimmen.
Den Zuwachs an Spielkultur illustriert vor allem das vierte Tor gegen Wolfsburg: Roman Neustädter befördert den Ball aus dem Mittelfeld nach außen zu Juan Arango, der flankt in den Strafraum, dort steht Marco Reus bereit und vollendet das Werk mit einem Volleyschuss. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch. "Wir setzen viel von dem in die Tat um, was wir uns im Training erarbeitet haben", sagt Angreifer Mike Hanke. Die Spieler verstehen Favre, nicht nur weil er viel besser Deutsch spricht als bei seiner ersten Bundesligastation in Berlin. "Lucien hat ihnen beigebracht, jedes Spiel als einzelnes anzusehen, als wäre es das entscheidende", sagt Eberl. "Er hat ihnen abgewöhnt, dabei immer das große Ganze im Blick zu haben und sich die bange Frage zu stellen: Wo werden wir enden?" Auf diese Weise sei es gelungen, "den Druck wegzudrücken". Um sich und andere nicht zu belasten, will Eberl nicht über das sprechen, was jenseits der kalkulierten vierzig Punkte von der Mannschaft zu erwarten sei.
Der Fortschritt manifestiert sich vor allem in der Spielintelligenz, der vielleicht entscheidenden Zutat in Favres Rezept für modernen Fußball. Richtig angeleitet, ist offenbar auch ein Team, das beinahe abgestiegen wäre, imstande, sich die Intelligenz anzueignen, von der Favre häufig spricht. Sie erschöpft sich nicht in klugen Spielzügen und kollektivem Einsatz bei der Balleroberung. Favres Plan führt auch die Zahl überflüssiger Fouls auf ein erträgliches Maß zurück. Bis er nach Gladbach kam, war die Mannschaft nur in einem Punkte weit oben: bei den Platzverweisen. "Zu viele Fouls sind für alle Beteiligten ein Ärgernis", sagt der Trainer. Sie störten den Spielfluss und ermöglichten dem Gegner Standardsituationen, die immer mehr an Gewicht gewönnen. Auch hier trägt die Arbeit Früchte. Beim Sieg über Dortmund gegen Ende der Saison kam Gladbach in der ersten Hälfte mit einem einzigen Foul aus. Noch eines spricht für Favre: "Er sagt nicht, jetzt schnaufen wir erst mal durch, sondern versucht, den zweiten Schritt zu gehen", so Eberl. Ist Favre deshalb ein mutiger Mann? "Ja", sagt er. "Schließlich bin ich nach Gladbach gegangen."
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |