Home
http://www.faz.net/-gpc-705td
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Mordanklage nach 30 Jahren Lolita und Josef

 ·  1982. In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen verschwindet eine schwangere Achtzehnjährige. Dreißig Jahre später wird ihre Leiche gefunden, und ihr Freund von damals wird des Mordes angeklagt.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (7)
© Marcus Kaufhold Ablenkung gab es in der Dorfkaschemme, Absolution in der Kapelle: die Hauptstraße von Frauenkron.

Fast 30 Jahre lang wartete Lolitas Mutter und ahnte nicht, wie nah sie ihrer verlorenen Tochter dabei war. Die Mutter saß in ihrem Wohnzimmersessel, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ihr Herz wurde immer schwerer. Manchmal holte sie den braunen Umschlag hervor, in dem alte Zeitungsausschnitte steckten. „Lolita. Seid dem 4.11.1982 spurlos verschwunden“, hatte sie in kantiger Schrift darauf geschrieben. Und jedes Mal, wenn die Klingel schellte oder jemand die Haustür öffnete, die selten abgeschlossen war, dann flammte das Fünkchen Hoffnung wieder auf, das noch immer glomm. Das sie von innen zerfraß.

Lolita hat sich aus Verzweiflung selbst umgebracht. Lolita ist abgehauen, ihr geht es gut. Lolita lebt in Holland und arbeitet als Hure. Draußen vor der Tür, draußen im Dorf wurden viele Geschichten erzählt. Alle redeten über Lolita. Keiner kam und redete mit ihrer Mutter. Schon gar nicht die, die die Wahrheit kannten, die wussten oder ahnten, dass Lolita niemals heimkommen würde, weil sie 400 Meter vom Haus ihrer Eltern auf einer Müllkippe lag, verscharrt im Dreck, die schwiegen.

Nur das Bellen der Hofhunde zerriss die Ruhe

Seit den sechziger Jahren wohnte Lolitas Familie in dem Dorf an der Grenze zu Belgien. Wirklich angekommen waren sie nie. Die Eltern stammten aus Schlesien. Sie lernten sich auf der Flucht kennen, gemeinsam verschlug es sie ins Ruhrgebiet. In Essen arbeitete der Vater als Schachtmeister. Dann machten die Zechen dicht, und er beschloss, sein Glück auf dem Land zu suchen. Er fand Arbeit bei einem Bauunternehmen in Losheim im südwestlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens. Nicht weit davon, in Frauenkron, kaufte er ein Haus.

Mitten in den grünen Hügeln der Vulkaneifel duckte sich das Dorf in eine Senke. Entlang einer einzigen Straße, der Marienstraße, reihten sich die Häuser und Höfe von etwa 180 Einwohnern aneinander. Wohnräume und Stall lagen meist unter einem Dach, gedeckt mit dunklem Schiefer. Ablenkung gab es in der Dorfkaschemme „Em Backes“, Absolution daneben in der Sankt-Barbara-Kapelle. Das Bellen der Hofhunde zerriss die Ruhe, wenn sich mal ein Fremder näherte.

Lolita und ihre Familie blieben hier auch nach Jahren Fremde. Zur Kirmes an Christi Himmelfahrt, dem einzigen Fest, gingen Lolitas Eltern nie. Wenn die Mutter mit einem ihrer Kinder im Schulbus mitfuhr, bis nach Stadtkyll, um Einkäufe zu machen, dann marschierte sie mit ihren vollen Taschen zu Fuß nach Haus, neuneinhalb Kilometer, weil unterwegs keiner anhielt, um sie mitzunehmen. Treibt euch nicht mit denen rum, sagten Eltern im Dorf zu ihren Kindern. Und als Lolitas älteste Schwester mit sechzehn schwanger war, sagten sie sich: Das kann ja nur einer Evangelischen passieren.

Mit 16 hatte Lolita ihren ersten Freund

Im Haus von Lolitas Familie ging es oft ruppig zu. Der Vater war streng und grob, unter der Woche aber meist auf Montage. Die Mutter, eine einfache, herzensgute Frau, musste allein mit ihren Kindern zurecht kommen, mit einer wilden Bande aus vier Mädchen und zwei Jungs. Auch Lolita, die Drittgeborene, konnte launisch sein. Die meiste Zeit verbrachte sie mit der Ponystute Penny, die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Stundenlang ritt sie über die Hügel und Wiesen um Frauenkron.

Von den Schwestern war Lolita die hübscheste. Sie war nicht besonders groß, 1,65 vielleicht, und schmächtig. Um ihr sanftes Gesicht fielen helle Locken. Mit 16 hatte Lolita ihren ersten Freund. Alois war zwei Jahre älter, er kam aus Hallschlag, drei Kilometer weiter, und arbeitete als Gas-Wasser-Installateur. Es war eine unbeschwerte erste Liebe, ein Ausprobieren. Doch als Lolitas Vater von der Beziehung erfuhr, rastete er aus. Er wollte seiner Tochter den Umgang verbieten, viel zu jung sei sie. Die beiden stritten, bis der Vater Lolita ins Gesicht schlug.

Doch Lolita war stur. Fast zwei Jahre blieb sie mit Alois zusammen, ertrug die Tobsuchtsanfälle und die Prügel ihres Vaters. Mitte 1981 machte sie Schluss. Es ist vorbei, sagte sie zu Alois. Einen Grund nannte sie ihm nicht.

Wenig später hatte Lolita einen neuen Verehrer: Josef, genannt Juppi, 20 Jahre alt, der Sohn eines Milchbauern. Der Hof seiner Eltern thronte auf einem Hügel über Frauenkron. Im Dorf war auch Josef ein Außenseiter. Sein einziger Freund war Michael, ein schlichter Kerl, der als Betriebshelfer auf verschiedenen Höfen arbeitete. Immer wieder versuchte Josef, Anschluss an eine der beiden Cliquen zu finden, zu denen sich die anderen Halbstarken im Dorf zusammengeschlossen hatten. Er führte ihnen seine Kreidler Florett vor, grün und schnittig, doppelt so schnell wie die Mopeds der anderen. Er kam im Mercedes seines Vaters und bald im eigenen Golf. Wenn sich die anderen bei „Em Backes“ mit Bier volllaufen ließen, trank Josef zwei, drei Gläser Cola, dann fuhr er heim. Für die Jungs war Josef ein Langweiler.

Bei Lolita hatte Josef mehr Erfolg. „So baby just call on me, / When you want all of me, / And I’ll be your lover“, sangen die Kuschelrocker von Smokie damals, Ende 1981. „And there’s nothing I won’t do / ’Cause baby I just live for you.“ Lolita liebte diese Schnulzen. Und bald auch Josef. Wenn er sie mit seinem Golf abholte, zu einem Ausflug an den See oder zur Kirmes in Rescheid, dann schien Lolita alles zu vergessen, sogar Penny. Von ihrer Freundin Angelika wollte Lolita Traktor fahren lernen, damit sie Jüppchen, wie sie ihn nannte, auf dem Hof helfen konnte.

Für den alten Jupp war Lolita eine „Dahergelaufene“

Josefs Vater aber hielt nicht viel von Lolita. Der alte Jupp war einer der reichsten Bauern der Gegend. Er hatte um die hundert Morgen Land, einen Stall voller Milchkühe und ein Händchen für die Bullenzucht. Einmal, erzählten sie sich im Dorf, habe er bei einer Auktion 26.000 Mark bekommen - für einen einzigen Bullen. Die Landwirtschaft und das Geschäft waren sein Leben. Mit den Nachbarn zerstritt er sich wegen eines Stücks Wiese.

Lolita war für den alten Jupp eine „Dahergelaufene“. „Die hat nichts an den Füßen“, sagte er und tobte. Als er Lolita einmal dabei erwischte, wie sie Josef beim Heumachen half, jagte er sie von der Wiese. Seinem Sohn drohte er damit, ihn zu enterben. Josef war hin- und hergerissen. Mein Alter kann sich auf’n Kopf stellen, sagte er bei Lolitas Familie in der Küche, ich werde Lolita heiraten. Ein andermal fragte er Angelika, deren Eltern einen Bauernhof hatten, ob nicht sie mit ihm gehen wolle. Damit wäre sein Vater sicher einverstanden.

Dann wollte Josef die Beziehung mit Lolita beenden. Doch als er ihr sagte, dass er den Druck seiner Eltern nicht mehr aushalte, schluckte sie die Herztabletten ihres Vaters. Die Mutter brachte sie ins Krankenhaus. Eine Nacht musste sie auf der Intensivstation bleiben. Einige Wochen später, nach einem weitern Streit, ritzte sie sich mit einem Messer an den Handgelenken die Haut auf.

Eifrig begann Lolita, Babykleidung zu stricken

Im Sommer 1982, noch vor ihrem 18. Geburtstag, zog Lolita von zu Hause aus. In Jünkerath, einem Örtchen dreizehn Kilometer von Frauenkron, hatte sie eine Näherei gefunden, bei der sie auch ohne Lehre eine Anstellung bekam. Im Haus einer älteren Frau mietete sie zwei möblierte Zimmer. Josef kam nun wieder fast jeden Abend angefahren. So weit vom Hof seiner Eltern glaubte er, die Beziehung verheimlichen zu können. Frau Berger, Lolitas Vermieterin, bat Josef, das Haus spätestens um zehn Uhr zu verlassen. Doch er hielt sich nicht daran und blieb oft bis spät in die Nacht.

Irgendwann im Herbst fühlte Lolita, dass sich in ihr etwas veränderte. Zuerst traute sie sich nicht, doch als sie Josef endlich sagte, dass sie schwanger war, schien es, als könne auch er sich damit anfreunden. Er fuhr Lolita zum Frauenarzt nach Prüm. Und als er einmal keine Zeit hatte, bezahlte er Michael für die Fahrt. Lolita blätterte mit Josef und ihrer Freundin Angelika in einem Katalog für Kindersachen. Eifrig begann sie, Schühchen zu nähen und Babykleidung zu stricken.

Mit ihrer Familie hatte Lolita kaum noch Kontakt, seit sie ausgezogen war. Ihre Mutter erfuhr über eine von Lolitas Arbeitskolleginnen, dass ihre Tochter schwanger war. Wenig später wurde die Neuigkeit überall in Frauenkron erzählt. Und so hörte auch Josefs Vater, dass Lolita ein Kind von seinem Sohn erwartete.

Lolita saß schluchzend auf ihrem Bett

Wieder tobte er. Wieder setzte er seinen Sohn unter Druck. Im Dorf erzählten sie sich später, dass der alte Jupp versucht habe, Lolita mit einer Abfindung, von mehreren Tausend Mark zu einer Abtreibung zu überreden.

Josef und Lolita zofften sich immer heftiger - bis die Streitereien am Abend des 3.Novembers 1982 eskalierten. Die beiden schrien sich so laut an, dass Frau Berger gegen zehn Uhr ins Zimmer kam und sie aufforderte, endlich Ruhe zu geben. Lolita saß schluchzend auf ihrem Bett. Josef stand wortlos daneben. Dann ging er.

Am nächsten Tag bat Lolita ihre Kollegin Hildegard, die aus der Nähe von Frauenkron stammte, sie mitzunehmen. Um kurz nach eins fuhren die beiden in Jünkerath los. Sie wolle zu Jüppchen, erzählte Lolita, sie müsse mit dessen Familie etwas bereden. Am Edeka-Markt in Hallschlag stieg sie aus, zwei Kilometer waren es von dort noch zu Josefs Hof. Hildegard sah, wie Lolita die Straße hochging. Sie trug ihre selbstgenähte, karierte Schwangerschaftshose, einen blauen Pullover und darüber einen türkisfarbenen Parka. Der 4. November 1982 war kalt und diesig. Es war der Tag, an dem Lolita verschwand.

Zwei Tage später, an einem Samstag, erhielt Lolitas Mutter einen Anruf von Frau Berger: Lolita sei weder in ihrem Zimmer noch bei der Arbeit aufgetaucht. Erst machte sich die Mutter kaum Sorgen. Eine von Lolitas jugendlichen Dummheiten, dachte sie. Dann schickte sie doch eine von Lolitas Schwestern nach Jünkerath. Dort fand die Schwester in einer Schublade zwei Briefe.

„Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck“

Der eine schien ein Entwurf zu sein, der andere die Reinschrift, eine ganze Seite lang: „Es tut mir leid, aber was du gestern abend gesagt hast, hat mir ganz schön weh getan. Du mußt entschuldigen, aber ich habe mir eingeredet du würdest mich genau so lieben wie ich dich. ... All deine Sorgen wären gelöst wenn ich tot wäre. Ich wünsche dir daher für deinen neuen Anfang viel Glück, aber vergiß mich und dein Kind nicht ... Ich liebe dich! Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck.“

Am Montagabend gegen elf meldete die Mutter Lolita als vermisst. Die Polizei in Daun begann zu ermitteln, und zwei Tage später leitete sie eine großangelegte Suche ein. Mit der Feuerwehr Frauenkron, der Dorfjugend und anderen Freiwilligen durchkämmten sie Wiesen, Wälder, Steinbrüche und Bäche. Nur Michael, der Freund von Josef, stand wie unbeteiligt vor dem Haus seiner Eltern und schaute zu. Am Nachmittag wurde die Suche eingestellt, weil ein Schulbusfahrer der Polizei sagte, er habe Lolita noch am Montag, den 8. November, lebend gesehen. „Sie ist jetzt 18 Jahre und kann hingehen, wo sie will“, sagte ein Polizist.

Lolitas Familie aber suchte weiter. Wenn der Vater nachts wachlag und ihm eine Stelle einfiel, die sie womöglich ausgelassen hatten, nahm er eine Taschenlampe und stapfte los. Er wandte sich an einen Wahrsager in Belgien. Der Lokalzeitung sagte er drei Wochen nach dem Verschwinden: „Schreiben Sie, sie braucht keine Angst zu haben, ich hole sie sofort nach Hause, egal wo sie ist.“

An Lolitas Wohnungsschlüssel hing ein Foto von Josef

Immer wieder meldeten sich Zeugen, die Lolita gesehen hatten. Eine Frau aus Euskirchen sagte, das schwangere Mädchen habe dort in einem Geschäft Pfeffernüsse gekauft. Nach einem anderen Hinweis fuhren die Eltern nach Kerpen und zogen drei Tage lang durch kleine Nähereien. Im Februar 1983 wurde Lolitas Wohnungsschlüssel an einem Friedhof bei Stadtkyll gefunden; daran hing ein Foto von Josef. Eine junge Frau im Dorf erzählte Lolitas Mutter, dass Michael ihr gesagt habe, Lolita gehe es gut und er wisse, wo sie lebe. Darauf angesprochen, stritt Michael alles ab.

So vergingen die Wochen. Dann die Monate, die Jahre. Lolita blieb verschwunden. Und die Ungewissheit brannte ihre Eltern aus. Ende 1985 sichtete die Staatsanwaltschaft in Trier routinemäßig noch einmal die Akten. Anders als zuvor die Polizei kam sie zu dem Schluss, dass Lolita wahrscheinlich nicht abgehauen, sondern getötet worden war. Bei der Kripo Trier wurde eine Sonderkommission einberufen. Ehemalige Zeugen wurden neu vernommen, darunter der Busfahrer, der plötzlich einräumte, sich bei seiner ersten Aussage geirrt zu haben. Er sei sich sicher, Lolita nicht am 8. November, sondern zuvor, am 4., dem Tag ihres Verschwindens, beim Bauernhof auf dem Hügel gesehen zu haben.

Auch die Gerüchte im Dorf und andere Hinweise bestärkten die Soko darin, sich näher mit Josef und seinem Vater zu beschäftigen. Die Polizisten durchkämmten mit Spürhunden ein Waldstück in der Nähe des Hofes. Dann durchsuchten sie das Anwesen der Familie - und nahmen Josef fest.

Der Chef der Sonderkommission vernahm Josef gut vier Stunden lang. Mit dem Verschwinden seiner ehemaligen Freundin habe er nichts zu tun, wiederholte Josef beharrlich. Lolita habe er am 4. November 1982 überhaupt nicht gesehen. Er habe an diesem Abend zusammen mit seinem Vater in der Gaststätte „Reifferscheid“ in Jünkerath vergeblich auf Lolita gewartet. Dort habe man mit ihr über die Schwangerschaft sprechen wollen - von der er selbst erst kurz zuvor erfahren habe.

Im Haus von Lolitas Familie wurde es immer einsamer

Weil Josef nicht nur seinen eigenen Aussagen von 1982, sondern auch anderen Zeugen widersprach, sah sich die Kripo in ihrem „dringenden Tatverdacht“ bestätigt. Doch von Lolita hatte sie weiter keine Spur. Und ohne Leiche, entschied die Staatsanwaltschaft, reichten die Indizien nicht für eine Anklage. Josef kehrte zurück auf den Hof seiner Eltern.

Ein paar Hundert Meter weiter, im Haus von Lolitas Familie, wurde es immer einsamer. Lolitas Geschwister zogen nacheinander aus. Ihr Vater erlitt 1996 auf einer Baustelle einen Herzinfarkt und starb. Die Mutter saß immer öfter allein in ihrem Wohnzimmersessel oder auf dem Bänkchen vor der Haustür. Was ihr blieb, war ein einziger Wunsch: Vor dem eigenen Tod noch zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen war.

Bei der Polizei in Trier staubten unterdessen die Akten ein, geschlossen wurden sie nie. Und so bekam im Jahr 2002 Kriminalhauptkommissar Wolfgang Schu, ein erfahrener Ermittler, aber ein Neuling in der Mordkommission, den Fall auf den Schreibtisch. Tagelang las er sich ein, mal ging er die Akten chronologisch durch, mal rückwärts, mal kreuz und quer. Er fuhr nach Frauenkron, sprach mit Lolitas Familie und mit Zeugen. Er ließ Lolitas Brief und ihren Schlüssel auf DNA-Spuren untersuchen.

Zwischendurch schob Schu die Akten für Monate auf die Ablage an seinem Tisch, weil er aktuelle Mordfälle und eine Bankraubserie aufklären musste. So dauerte es bis ins Jahr 2011, ehe er noch einmal zum großen Schlag ansetzte.

Für „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ wurde der Fall nachgespielt

Schu ließ ein halbes Dutzend Telefone in Frauenkron anzapfen. Dann wandte er sich an die Redaktion von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Der Vermisstenfall wurde in einem Film nachgespielt; am 24. August 2011, dem Abend der Ausstrahlung, war Schu bei Moderator Rudi Cerne im Studio. Er schaute direkt in die Kamera und appellierte an Täter und mögliche Mitwisser. Er hoffte, so möglichst viel Unruhe in das kleine Dorf zu bringen.

Kurz darauf packte Michael aus. Josefs Jugendfreund war inzwischen verheiratet, er hatte drei Kinder und arbeitete bei einer Genossenschaft nicht weit von Frauenkron. Nach der XY-Sendung wurde er aufs Polizeipräsidium bestellt und von Kommissar Schu vernommen. Er wisse von nichts, sagte Michael mürrisch. Wortkarg und ausweichend antwortete er auf die Fragen. Doch Schu hatte die alten Vernehmungsprotokolle und konnte Michael immer mehr Widersprüche vorhalten. Und schließlich forderte Schu Michael auf, die Augen zu schließen, den Namen Lolita zu streichen und den der eigenen Tochter einzusetzen, die gerade 18 Jahre alt geworden war. Nach gut einer Stunde begann Michael zu erzählen.

Damals, im November 1982, habe er auf einer Wiese gearbeitet, an einem Wasserfass, als Josef angefahren kam. Ich habe Lolita erwürgt, sagte Josef, du musst mir helfen. Als es am Abend dunkel war, sei er mit Josef zu einem Schuppen nicht weit vom Hof der Eltern gefahren. Dort habe sie auf dem Boden gelegen, eingewickelt in Folie. Zu zweit hätten sie das Bündel in den Kofferraum gelegt. Besonders schwer sei es nicht gewesen. Unter der Folie habe er deutlich die Beine gespürt. Sie seien zur Müllkippe gefahren und hätten das Bündel dort hingeworfen. Josef habe noch etwas Müll aufgetürmt. Dann hätten sie nie wieder über den Vorfall gesprochen.

Am nächsten Tag ließ der Kommissar Josef verhaften. Auf der ehemaligen Müllkippe in Frauenkron suchten die Polizisten zwölf Tage lang mit Bagger und Hunden, bis sie zwischen Bauschutt und Hausmüll einen großen, grünen Plastiksack fanden. Schu riss ihn an der Seite auf, und beim ersten Blick wusste er, dass sie Lolita endlich gefunden hatten. In dem Sack lag ein Skelett, die Knochen steckten in einer karierten Hose und einem dunklen Pullover. Am Kragen hingen verrostete Drahtstücke.

Fast die Hälfte der ehemaligen Zeugen war verstorben

Im März 2012 begann in Trier der Prozess gegen Josef. Er wurde in Handschellen ins Landgericht geführt, ein 50 Jahre alter Mann mit kurzem, grauem Haar und Schnauzbart. Er trug ein dunkles Sakko. Fast schüchtern blickte er über seinen engen Krawattenknoten - und schwieg.

Auch Josefs Familie, seine Ex-Frau und seine Frau teilten dem Gericht mit, dass sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen würden. Die Hälfte der ehemaligen Zeugen, darunter Josefs Vater, war inzwischen verstorben, viele andere blieben wortkarg. Nur langsam, wie bei einem Puzzle, setzte sich ein Bild des Mannes auf der Anklagebank und des Lebens zusammen, das er nach dem Verschwinden von Lolita geführt hatte.

Vier Frauen hatten mit Josef auf dem Hof gelebt, zwischen zwei und acht Jahren jeweils. Josef umgarnte und verwöhnte die Frauen, doch irgendwann schien er ihrer überdrüssig zu werden. Dann wurde er abweisend, und wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief, rastete er aus, warf mit Lumpen und Stöcken, schlug auf Maschinen und Kühe ein. Die Frauen ließ er schuften wie Mägde. Und schaute sich gleichzeitig nach Neuen um.

Wie versessen versuchte Josef, keinen Tag allein zu sein. Er fragte Frauen im Dorf, ob sie nicht zu ihm auf den Hof ziehen möchten; einmal sogar die Freundin seiner damaligen Ehefrau, ein andermal Lolitas Schwägerin. Er ließ sich Vorschläge von Partnervermittlungen schicken und gab Zeitungsannoncen auf. Seiner ersten Freundin, mit der er noch vor Lolita zusammen gewesen war, schrieb er über die Jahre regelmäßig SMS: „Du weißt, was du mir bedeutest und dass für mich nach unserer Beziehung nur noch Sch... kam.“

Den Namen Lolita nahm Josef nicht mehr in den Mund

Das Thema Lolita war auf dem Hof tabu. Eine seiner Freundinnen fand versteckt zwischen Tischtüchern einen Schnellhefter mit Zeitungsartikeln über die Vermisste. Zur Rede gestellt, sagte Josef, das sei seine Exfreundin. Weil sie schwanger gewesen sei, habe er ihr 20.000 Mark für eine Abtreibung in Holland gegeben. Da lebe sie nun als Prostituierte und nehme Drogen. Ähnliches wiederholte Josef in den Telefonaten, die Kommissar Schu abhörte. Den Namen Lolita nahm er dabei nie in den Mund. Josef sagte „es“, „das“, „das Frauenmensch“, Lolitas Familie nannte er „Gesindel“.

Den Zeugenaussagen im Gerichtssaal folgte Josef regungslos. Er stützte sich auf den Tisch, faltete die Hände und starrte sie stundenlang an. Ganz selten nur schaute er kurz auf. Außer der Aussage von Michael wurden im Laufe des Prozesses viele Indizien präsentiert, die die Anklage der Staatsanwaltschaft stützen, wonach Josef Lolita mit einem Eisendraht erdrosselt habe. Stichfeste Beweise gab es nicht. „Unschuldig im Sinne der Anklage“, sagte Josefs Verteidiger immer wieder in die Kameras vor dem Gerichtssaal.

Fast dreißig Jahre nach der Tat ist sogar Totschlag verjährt. Nur wegen Mordes könnte Josef verurteilt werden. Dazu müsste bewiesen sein, dass er Lolita aus „niedrigen Beweggründen“ und „heimtückisch“ getötet hat.

Am kommenden Donnerstag wird wohl die Beweisaufnahme geschlossen werden, das Gericht wird die Plädoyers hören. Und dann muss es sein Urteil verkünden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Mütter der (Solar-)Subvention

Von Lisa Nienhaus

Wieso regen wir uns auf über billige chinesische Solarmodule? Eigentlich sollten wir uns einfach bedanken und freuen, dass die Energiewende so etwas günstiger vonstatten geht. Mehr 21 31